Interview mit Nina George zum Thema gendergerechte Sprache

"Wenn man präzise sein möchte, muss man die Dinge benennen"

"Schluss mit dem Gender-Unfug!" fordert der Dortmunder "Verein Deutsche Sprache". 44.240 Personen haben den Aufruf bisher unterzeichnet. Völlig anderer Meinung ist die Schriftstellerin Nina George. Die Beirätin des PEN-Präsidiums und Beauftragte des Womens Writers Commitee des PEN-Zentrum Deuschland sieht im Widerstand gegen gendergerechte Sprache "ein Symptom für gelebte Misogynie".  INTERVIEW: SABINE VAN ENDERT

Nina George

Nina George © Helmut Henkensiefken / FinePic

Verwenden Sie gendergerechte Sprache?
Ich schreibe immer alles aus – und ich setze die Damen auch voran, also zum Beispiel Autorinnen und Autoren. Vor allem in Sachtexten muss man präzise sein, denn Sprache macht ja nicht nur sichtbar, sondern für mich ist Sprache auch ein Mittel der Präzision. Und wenn man präzise sein möchte, muss man die Dinge benennen, wie sie tatsächlich heißen.

Leidet in fiktionalen Texten nicht die sprachliche Eleganz darunter?
Gerade in Prosatexten ist es überhaupt nicht schwierig alle zu nennen, selbst wenn man Menschenmengen beschreibt. Wenn man geschickt im Erzählen ist, kann man es auch durchaus vermeiden, dass man in einen behäbigen Sprachkuddelmuddel kommt, sich in Aufzählungen ergeht.

Was ist mit Binnen-I und Gendersternchen?
Das Binnen-I nutze ich in Facebookchats, die Stern*chen vermeide ich. Das ist eine Frage der ganz und gar subjektiven Ästhetik, aber auch der Neurologie. Ich finde Buchstaben einfach zu schön. Lesen animiert im Gehirn Bilder und damit Emotionen. Emotionen sind die Grundlage dessen, wie wir zu etwas oder jemandem stehen, wie wir die Welt überhaupt sehen. Ausgeschriebene Wörter, also etwa Pilotinnen und Piloten, zeichnen ein anderes Bild im Gehirn nach und ebensolche Emotionen, als etwa Pilot*innen. Die neuronale und emotionale Echokammer der Rezipierenden ist nicht zu unterschätzen; und da nutze ich als Autorin doch die große Chance, die Gegebenheiten und Personen so zu benennen, wie ich sie als Bild im Kopf meines Gegenübers auch tatsächlich zeichnen will.

Und wo bleibt das dritte Geschlecht?
In Sachtexten oder Mitteilungen wurde ich bisher bei den von mir favorisierten Ausschreibungen wie Autorinnen und Autoren bisher von keiner Trans/Inter/Queerpersönlichkeit gebeten, eine weitere Form zu finden, wie etwa AutorX. Gerne werde ich dafür aber weiter sensibilisiert und erhalte auch gerne Vorschläge, die über das Sternchen hinaus gehen.

Welchen Umgang in Sachen gendergerechte Sprache wünschen Sie sich von Verlagen?
Dass sie allesamt mal ihre Webseiten überarbeiten und zum Beispiel sagen, unsere Autoren und Autorinnen auf der Frankfurter Buchmesse oder möchten Sie mehr über die Autorinnen und Autoren wissen. Ich wünsche mir, dass die Verlage sich auf ihren öffentlichen Seiten die Mühe machen, so etwas präzise auszuschreiben. Außerdem wünsche ich mir, dass sie auf gar keinen Fall bei dieser seltsamen Erklärung des Vereins Deutsche Sprache (VDS) mitmachen, die gerade überall herumgeistert.  

Extrem dafür oder extrem dagegen: Warum ist das Empörungspotenzial bei diesem Thema so groß?
Das Dagegenhalten gegen eine präzise, inklusive Sprache ist eigentlich nur ein Symptom für gelebte Misogynie. Stellen Sie sich doch einmal andersherum vor, wir würden in einer Welt leben, in der es bisher nur Gärtnerinnen, Autorinnen, Doktorinnen, Pilotinnen gäbe und das würde aufgebrochen werden. Ich glaube, die meisten Männer wären sehr zufrieden, wenn sie dann mitgenannt würden. Und: Der Verein Deutsche Sprache besitzt für mich etwas unangenehm deutsch-tümelndes, zudem mit unscharfer Argumentation, wie es bereits Till Raether im SZ-Magazin gewitzt auf den Punkt brachte.

Welche Möglichkeiten gibt es? Was empfiehlt der Duden? Wie gehen Verlage und der Buchhandel damit um? Was wünschen sich die Autoren?  Gendern ist das Thema der Woche im Börsenblatt Heft 12, das am 21. März erscheint!

24 Kommentar/e

Diskutieren Sie mit ...

  • Ulrike Helmer

    Ulrike Helmer

    Liebe Nina George,
    danke für die klare Argumentation, der ich mich als Verlegerin und Mitglied der Branchenvereinigung BücherFrauen e.V. unbedingt anschließe. Sprache lebt, Sprache beeinflusst unsere Wahrnehmung und muss daher gestaltet werden. Sie ist so wenig in Beton gegossen wie z.B. auch das, was wir uns heute unter Männern, Frauen oder überhaupt, unter Geschlecht vorstellen. Der Unterton der Antigenderaktion ist einer, der mit fragwürdig konservierender Geste daherkommt. Gendern nimmt niemandem nichts, meine Damen und Herren und *, sondern hilft zu mehr Klarheit in Beschreibung und Wahrnehmung. Ob mit Sternchen oder ohne … Unsere Sprache ist vielen Einflüssen und Veränderungen ausgesetzt, was sich bis in den Duden hinein abbildet. Wer alles so bewahren will, wie es früher mal war, schaut in die falsche Richtung.

  • Manfred Böckl

    Manfred Böckl

    Bärendienst
    "Nachdem der deutschen Sprache bereits durch die Rechtschreib-,Reform‘ schwerer Schaden zugefügt wurde, der dann allerdings durch stillschweigendes Zurücknehmen der meisten ,Reform‘-Schreibungen wenigstens einigermaßen wieder ausgebügelt wurde, erfolgt derzeit der nächste verderbliche Angriff auf unsere Sprache. Dieser Gender-Irrsinn beeinträchtigt die Lesbarkeit von Texten; er wirkt daher allgemein und speziell im literarischen Bereich zerstörerisch. Und auch den durchaus legitimen und guten Bestrebungen zur Gleichberechtigung von Frauen und Männern wird durch diesen fanatischen Gender-Irrsinn ein Bärendienst erwiesen, denn wenn Gleichberechtigungs-Bemühungen mit dieser Gender-Sprache assoziiert werden, reagieren viele Menschen zu Recht mit grundsätzlicher Abwehr. Ich werde den Gender-Irrsinn in meinen Büchern garantiert nicht anwenden – und was den täglichen Sprachgebrauch betrifft, so kotzen mich mittlerweile selbst die ständigen, bis zum Überdruss zu hörenden Formulierungen wie ,Bürgerinnen und Bürger‘ usw. gewaltig an." Manfred Böckl, Perlesreut

  • Franzis Hensch

    Franzis Hensch

    Bravo Frau George für Ihren Einwurf,
    es ist wirklich, aber auch wirklich an der Zeit, dass Frauen nicht nur, wie immer gerne formuliert wird , mitGEDACHT werden, sondern auch mitGENANNT. Nur was benannt und was ausgesprochen wird existiert.

  • Inge Luett

    Inge Luett

    Vielen Dank, Nina George - auch für die Offenheit im Zugeben (noch) keinen Weg zu haben, ein Geschlecht einzuschreiben, welches weder als klar männlich noch als klar weiblich kategorisierbar ist.

    Was die es in meinen Augen nicht wirklich Wohlmeinenden als überlieferten Ist-Status der deutschen Sprache bewahrt sehen wollen, ist doch eher ein Sollbestand, dessen Verfechtende jener Klientel auffällig nahe wirken, die ohnehin Mühe mit einer sich öffnenden Gesellschaft haben.

    Bitte, seit wann wäre es nicht mehr möglich, neue Wörter zu finden? Luther konnte es noch - und wir sollen es nicht dürfen? Als Autor*innen ist es - denke ich - geradezu unsere Pflicht, unsere Sprache zu fördern wie zu fördern - auch als Spiegel unserer Welt. Eine in jammernder Attitüde betriebene Besitzstandwahrung der Privilegierten kann beidem nicht dienlich sein, nicht der Gesellschaft und der Sprache schon gar nicht.

  • Ulrich Störiko-Blume

    Ulrich Störiko-Blume

    Liebe Nina,

    wenn wir die Diskussion so führen, bekommen wir eine „querelle d´Allemande“ – das hat uns gefehlt wie den Briten der Brexit. Der VDS ist mir wurscht – es sind einige merkwürdige Zeitgenossen dabei ebenso wie verdiente gute Autoren. Es geht tatsächlich um Sprachverhunzung. Bist Du etwa auch schon hereingefallen auf die heuchlerische Anbiederung auch der de facto frauenfeindlichsten Politiker an ihre „Wählerinnen und Wähler“, die nur ihr Bestes wollen, nämlich ihre Stimmen? Ach, die Misogynen! Sollen sie doch zusehen, wie sie ohne Frauen glücklich werden. Und es hilft gar nichts, wie Margarete Stokowski die Kritiker der Sternchen-Sprache in die Nähe der AfD zu rücken. Diese Kotzbrocken und Pseudo-Deutsch-Freunde springen auf alles auf, was nicht verstanden wird.
    Können wir bitte eine solche denunziatorische Auseinandersetzung vermeiden, die zu einer Lagerbildung wie seinerzeit bei der unseligen Rechtschreibreform führt? Ich versuche mal fünf Gemeinsamkeiten zu finden, auf deren Basis man weiterdiskutieren kann:
    1) Die Gleichstellung von Frauen und Männern nach der Erklärung der Menschenrechte und gemäß dem Grundgesetz sind eine unverrückbare Basis allen menschlichen Handelns.
    2) Die Erkämpfung des Frauen-Wahlrechts ist eine der größten Errungenschaften des 20. Jahrhunderts.
    3) Die Umsetzung der Gleichberechtigung von Frau und Mann in die täglich gelebte gesellschaftliche und persönliche Praxis ist ein Prozess, der noch längst nicht abgeschlossen ist; eine permanente Auseinandersetzung, in der die Männer aufgrund der historischen Entwicklung weiter vermeintliche Vorrechte werden abgeben müssen.
    4) Der Staat und die öffentlichen Institutionen haben die Sprachverwendung nicht zu regeln. Bei uns herrscht Freiheit der Meinung und des Ausdrucks.
    5) Niemand darf wegen seiner sexuellen Orientierung oder wegen seiner Weigerung, diese anders als strikte Privatsache zu behandeln, benachteiligt oder bevorzugt werden.

    Ich bin nicht bereit, die »Gender-Theorie« als unhinterfragbares Allgemeingut zu akzeptieren. Die deutsche Sprache ist ein schönes, aber vertracktes Gebilde; sie enthält unter anderem das grammatische Geschlecht. Natürlich gilt auch für die Sprache, dass sie sich wie alles in der sozialen Welt unter Bezug auf die gesellschaftlichen Machtverhältnisse geformt hat und fortentwickelt, und deshalb enthält sie noch vieles, was aus den alten patriarchalischen Verhältnissen herrührt. Früher gab es eben nur Bürgermeister – das hat sich zum Glück geändert. Aber jeder weiß doch, dass ein solches Amt von einer Frau oder von einem Mann ausgeübt werden kann. Und wenn es eine Frau ist, heißt sie Bürgermeisterin.
    Wer die Sprache für politische Intentionen zu instrumentalisieren sucht, erzeugt Kampf, Krampf – oder Neusprech. Denk nur an die „Diesel-Thematik“ – die VW-Chefs glauben immer noch, mit solchen Floskeln zu beschönigen, dass sie einen Riesen-Betrug verursacht und vertuscht haben.
    In »Imagine« singt John Lennon von »brotherhood of man« – vermutlich würde er heute lächelnd in der nächsten Strophe »sisterhood ...« singen »... of man« – der Menschen. Sprache kommt von Sprechen. Sternchen und Binnen-Is kann man nicht sprechen. Abbas Khider hat einen herrlichen Vorschlag gemacht mit »Deutsch für alle – Das endgültige Lehrbuch«. Mit Humor kommt man immer weiter als mit Krampf.
    Ulrich Störiko-Blume

  • Susanne Martin

    Susanne Martin

    Und in diesem Themenschwerpunkt des Börsenblatts kommen dann tatsächlich nur die Autoren zu Wort oder sind die Autorinnen mitgemeint?

  • Gesine Schulz

    Gesine Schulz

    @ Susanne Martin: :-)))

  • Dominik Jahre

    Dominik Jahre

    Ein wohltuender Kommentar zur Thematik - bei all dem Hass, der dem Anliegen nach einer geschlechtergerechten Sprache immer wieder entgegengeschleudert wird.
    Die Gründe für solche Anfeindungen sind jedoch sicherlich vielfältig. Misogynie spielt bei vielen Kritikir sicherlich eine Rolle. Bei vielen anderen geht es aber ebenso sicherlich nicht um deren Misogynie, sondern darum, dass neue sprachliche Formen einfach ungewohnt sind und sich deswegen fremd und falsch anfühlen. Denn es ist doch auch so, dass die Bereitschaft, sich auf neue Formen des Genderns einzulassen, selbst bei vielen Befürwortir von geschlechtergerechter Sprache auf Ablehnung stoßen. Oder wie sonst ist es zu erklären, wenn bspw. selbst eine Alice Schwarzer bärbeißig und mit schwacher Argumentation gegen den Genderstern polemisiert?

    Was den meisten Menschen, auf beiden Seiten der "Frontlinie", - den einen mehr, den anderen nur geringfügig weniger - vor allem fehlt, ist die Bereitschaft, sich entgegen eigener Gewohnheiten zu verhalten und dieses Gefühl der Fremdheit zunächst einmal - nämlich bis man sich an die neuen Formen gewöhnt hat - auch auszuhalten. Wäre diese Bereischaft deutlich größer, dann hätten wir schon längst auch schöne und ästhetische Techniken des Genderns - bspw. ein neues, geschlechtsneutrales Genus.

    Einen Vorschlag hätte ich hierfür:
    - Wortbeugung wie im Femininum,
    - Substantiv-Endung -ir, entweder als Ersatz für -er (Kritikir) oder angefügt wie feminin -in (Ärztir),
    - eigene Pronomen ("sier" und "siers" dort, wo es im Femininum "sie" und "ihr" heißt,
    - ein eigener Artikel ("dee" und "deer", wo es feminin "die" und "der" heißt, also auch "deeren" und "deejenige" bzw. "deerjenigen"),
    - Beugung der Artikelwörter (wie eine, keine, jene, welche etc.) feminin, aber nicht -e(r), sondern -ee(r).
    Fertig wäre das geschlechsneutrale Genus.
    Nicht perfekt, aber sehr nah an bisherigen Gepflogenheiten und dennoch sehr eindeutig.
    Für einee Lesir sicherlich immer noch sehr gewöhnungsbedürftig, aber sicherlich - wenn man den Genderstern als Vergleich heranzieht (und eben nicht die bisherigen eigenen Gewohnheiten!), dann sicherlich viel eleganter und vollkommener als dieser. "Einee" sieht besser aus als "ein*e" und macht die Aussprache auch nicht schlechter als beim Genderstern.
    Gleichwohl würde ich nicht völlig auf den Genderstern verzichten wollen, weil es ja durchaus auch zu unterscheiden gilt, dass es Sprachsituationen gibt, in denen es eineer Sprachbenutzir wichtig ist, Vielgeschlechtlichkeit hervorzuheben, sodass sier zumindest bei Substantiven lieber den Genderstern verwenden möchte, während es andere Situationen gibt, wo sier Geschlechtlichkeit nicht ausbreiten möchte. In Stellenausschreibungen beispielsweise würde es sicherlich immer noch sinnvoll sein, die Geschlechter expliziter zu benennen ("Suchen einee qualifizierte Mechatroniker*in").
    Wege gibt es also durchaus. Die Frage ist lediglich, ob man sich tatsächlich darauf einlassen möchte, sich den eigenen Gewohnheiten entgegenzustemmen.

  • Claus Maas

    Claus Maas

    Liebe Frau George,
    Ihr Bemühen um eine geschlechtergerechte Sprache in allen Ehren, dagegen ist ja auch gar nichts einzuwenden, wenn sie nicht zu ideologischen Zwecken eingesetzt wird, und das noch unterstützt durch staatliche bzw. amtliche Bevormundung wie in Hannover, wo jüngst eine übrigens rechtswidrige, weil gegen das geltende "amtliche Regelwerk" gerichtete, Verfügung in kraft gesetzt wurde.

    Die von Ihnen betonte "Erstnennung" der weiblichen Form wird seit jeher von männlichen Sprachteilnehmern praktiziert. Ich frage mich, weshalb eigentlich die wenigsten weiblichen Sprachteilnehmer/innen erkennen können, dass es ein Zeichen des eigenen Geschlechterselbstbewusstseins wäre, wenn sie das auch machen würden, also z.B. "Meine Herren und Damen" statt "Meine Damen und Herren". Die ehemalige langjährige Viszepräsidentin des Deutschen Bundestages Liselotte Funcke pflegte diese Form. Sie hat vermutlich mehr zur Stärkung weiblichen Selbstbewusstseins beigetragen als alle GenderideologInnen der nachfolgenden Generationen.

    Claus Günther Maas, Jülich

  • Branchenbeobachtir

    Branchenbeobachtir

    @ Dominik Jahre: Interessanter Ansatz (ernst gemeint, nicht ironisch). Ich befürchte nur, dass das bei eineer Inhabir des Betriebs, deer einee Mechatronikir sucht (war das so richtig?), auf wenig Gegenliebe stoßen dürfte. Die Welt ist außerhalb großstädtischer linker Milieus wahrscheinlich noch lange nicht so weit.

    Interessant finde ich auch, wie oft in Ihrem Beitrag und in den vorangegangenen Beiträgen das Wort "man" verwendet wird. Ich habe bislang versucht, dass so weit es geht, zu vermeiden. Muss "man" das nicht mehr tun?

  • Gachmuret

    Gachmuret

    @Ulrich Störiko-Blume
    Lennon sang live tatsächlich von »brotherhood and sisterhood«, wie Sie beispielsweise dieser Aufnahme entnehmen können: https://de.wikipedia.org/wiki/Live_in_New_York_Cit y

    Was mir in Ihrer Argumentation etwas zu kurz kommt, ist der Aspekt, dass Sprache Bewusstsein formt (was ja übrigens bereits Humboldt wusste, der in einem bekannten Bonmot darauf verwies, dass man mit der Sprache eine ganze Kultur erlerne).
    Das ist nämlich der Kernpunkt aller Versuche, anders zu schreiben oder zu sprechen: Repräsentanz zu schaffen. Wir können gerne darüber reden, dass und welche bisherigen Versuche nicht ausgereift sind - aber die Idee des »Mitmeinens« (»jeder weiß doch, dass ein Bürgermeister eine Frau sein kann« - eben nicht, gilt z.B. auch nicht bei »Krankenschwester« - wie viele Menschen illuminieren da wohl einen Mann?) - und da bewegen wir uns im sozialwissenschaftlichen Konsens - funktioniert nicht. Nur wo echte Repräsentanz stattfindet, entstehen auch entsprechende Bilder und Vorstellungen.

  • Alexander Vieß

    Alexander Vieß

    Lieber Herr Störiko-Blume,

    dem VDS eine gewisse rechte Prädisposition vorzuwerfen, ist keine Denunziation, sondern lediglich Verweis auf die traurige Realität. S. z.B. https://uebermedien.de/7099/die-pegidahaftigkeit-d es-vereins-deutsche-sprache/

    Ansonsten halte ich es mit Hans Jacob: An ihrer Sprache sollt ihr sie erkennen. Wer ernsthaft Sprache "rein" halten will, hat sie erstens nicht verstanden und hängt zweitens mindestens einem streng-konservativen Glauben an die schiere Möglichkeit von Abgrenzung und Ausschluss an.

    Beste Grüße

  • Richard

    Richard

    Deutsch war mal eine schöne Sprache - doch nach der "Genderisierung" haben die meisten Texte nur noch den Charme einer Laboranleitung.

    Im Namen einer eingebildeten "Gerechtigkeit" lassen sie einen Sprachterror auf die Bevölkerung los, der ihnen ihr liebstes Kulturgut bis zur Unkenntlichkeit kastriert.

  • Berliner Latte Macchiato Genderstern

    Berliner Latte Macchiato Genderstern

    Verehrte Diskutanten allenthalben,

    die Heftigkeit mit der die Genderdebatte geführt wird, zeigt in aller Deutlichkeit, dass es sich um eine stellvertretend für die Machtfrage geführte Diskussion handelt. Und ja, sie ist berechtigt! Es ist gut, dass die Frauen wieder *LAUT* werden- s. a.: https://www.zeit.de/campus/2018-09/frauenbewegung- feminismus-tomatenwurf-sechs-forderungen?commentst art=49&cid=22278192#cid-22278192 Wir leben im 21. Jahrhundert (o.k. beim Mobilfunknetz, der Verkehrspolitik und bei der Gleichberechtigung offensichtlich nicht) und es wäre schön, wenn sich das auch im veröffentlichen Wort langsam mal niederschlagen würde. Außerdem kommt das Heft wohl eine Woche zu spät, oder?

  • Dominik Jahre

    Dominik Jahre

    @Branchenbeobachtir
    Fast richtig: "Ich befürchte nur, dass das bei eineer Inhabir des Betriebs, dee einee Mechatronikir sucht". Aber schon recht gut verstanden! Und bei genau diesem Betrieb gäbe es das von Ihnen skizzierte Problem sicher nicht ... ;-)
    Aber im Ernst: Jede sprachliche Neuerung bedarf sicher erstmal der Gewöhnung
    Der von mir beschriebene Ansatz eignet sich sicher nicht für Menschen, die erst mit dem Gendern anfangen bzw. diesem gegenüber eher skeptisch sind. Ich kann aber jedem und jede empfehlen, zumindest einmal eine Zeit lang konsequent (beim Schreiben) mit dem Genderstern zu gendern. Mir selbst ist nämlich erst dabei bewusst geworden, wie wenig ein generisch gemeintes Maskulinum Frauen tatsächlich mitmeint (was sich mir darin zeigte, dass ich erst beim Gendern mich selbst häufiger fragen musste, ob es passend ist, Frauen mitzubenennen, - eine Frage, die sich mir bei Verwendung des generisch gemeinten Maskulinums nie gestellt hatte).
    Ich teile das Anliegen einer geschlechergerechten Sprache, gehe die Sache aber sehr pragmatisch und nicht mit erhobenem Zeigefinger an. Von daher habe ich mit "man" keine Probleme, wäre aber auch mit "mensch" einverstanden.
    Lange Zeit fand ich den Genderstern allerdings selbst sehr unschön. Aber heute sehe ich ihn als das Beste, was die deutsche Sprachgemeinschaft bislang in Sachen geschlechergerecher Sprache hervorzubringen vermocht hat. Für zwischengeschlechtliche Menschen ist er besonders unschön, weil sich diese Menschen bislang nur mit dem eher bürokratisch anmutenden "er*sie" mittels eines Pronomens benennen lassen. Ein weiterer Nachteil des Gendersterns ist, dass er bislang lediglich zur Kombination von Femininum und Maskulinum eingesetzt wird, wodurch Formulierungen tatsächlich aufgebläht werden. Aus diesem Grund wäre ich sehr für ein neues, geschlechtsneutrales Genus, weil es geschlechtergerechtes Formulieren auf eine Weise ermöglichen würde, die ebenso kompakt und praktisch ist wie das generisch gemeinte Maskulinum. Manchmal möchten Sprechir Vielgeschlechtlichkeit hervorheben, wozu sich der Genderstern ("*in(nen)") sehr gut eignet. Häufig möchte man aber nur drauf los plappern, ohne Geschlechtlichkeit betonen zu wollen, wozu sich ein geschlechtsneutrales Genus besser eignen würde. Ich würde es sehr begrüßen, wenn die sprachliche Entwicklung in diese Richtung weitergehen würde und ich dies auch noch erleben werde.

    Beim Genderstern fände ich es gut, wenn dieser ein wenig vereinfacht würde. Konstruktionen wie "ein*e Angestellte*r" sind tatsächlich unschön. Dies auch, weil das "ein" feminin endet, das zweite Wort aber maskulin. Dies ließe sich dahingehend harmonisieren, dass man nur noch die feminine Endung verwendet
    ("ein*e Angestellt*e"). Dann ließen sich Gendersterne auch eingesparen, indem sie nicht überall gesetzt werden (Bsp.: "Ich befürchte nur, dass das bei einer Inhaber*in des Betriebs, die eine Mechatroniker*in sucht ..."). (Von dort wäre dann der Weg zu dem von mir skizzierten geschlechtsneutralen Genus dann nicht mehr weit.)

    Da viele Menschen nicht wissen, wie der Genderstern ausgesprochen wird, noch der Hinweis, dass er mit einer kurzen Pause, in der Sprachwissenschaft "Glottisschlag" genannt, artikuliert wird - so wie im Wort "Etat", das ja "E-ta" gesprochen wird.

  • Inge Luett

    Inge Luett

    Dass sich manche vor dem Wandel der Sprache grausen, verstehe ich durchaus. Wie mag es wohl für den Dichter des Hildebrandliedes gewesen sein? Der hob an mit "Ik gihorta dat seggen", um von Hiltibrant enti Hadubrand zu berichten, die, obgleich "sunufatarungo", im Kampf auf Leben und Tod gegeneinander stehen. So weit, so gut, so Literaturkanon. Und was geschieht?
    Keine dreihundert Jahre später gibt es den Reichston, der sich einfach so hinlümmelt ("Ich saz ûf eime steine / und dahte bein mit beine"). Dat dat dat darf!
    Nun, einen Luther, zwei Brüder Grimm und diverses Personal später, erdreisten sich Sprachfrevelnde ungeniert, gerade mal einhundert Jahre nach der Einführung des Wahlrechts für Frauen, eine auch sprachliche Repräsentation zu fordern! Ja, traun fürwahr, Euer Liebden, ist denen denn gar nichts heilig?

    Kurzfassung: Meine Güte. Sprache ist erst dann statisch, wenn sie tot ist.

  • Berliner Latte Macchiato Genderstern

    Berliner Latte Macchiato Genderstern

    Danke für den Post, Frau Luett,

    das musste mal gesagt werden und das wird man ja auch hoffentlich noch sagen dürfen! ;-)

  • Dominik Jahre

    Dominik Jahre

    Sie haben es sehr schön auf den Punkt gebracht! Großartig finde ich auch Ihre Demonstration des Sprachwandels, wie er für eine lebendige Sprache unausweichlich ist.

  • Christian Reichenbach

    Christian Reichenbach

    Die Position von Ulrich Störiko-Blume, dass die rechtliche und faktische Gleichberechtigung von Frauen und Männern in Deutschland eine große Errungenschaft des 20. Jahrhunderts war, schließe ich mich uneingeschränkt an. Die Männer haben ihre Vorrechte im Allgemeinen längst abgegeben. Natürlich gibt es immer Gestrige und Vorgestrige, die sich gegen die Realität stemmen. Und es gibt Machtklüngel (w/m/x), die versuchen, Gleichgesinnte zu kooptieren und so ihre Strukturen zu erhalten.
    Im "Gendering" muss ich aber leider die Schaffung eines Karrieremechanismus erkennen, mit dem bestimmte Personengruppen über die Gleichberechtigung hinaus bei der Besetzung von Ämtern und der öffentlichen Wahrnehmung bevorzugt werden sollen. D.h. männliche Mitteleuropäer, die keiner besonderen Gruppe angehören, sollen im Sinne einer überschießenden 'political correctness' bei gleicher Eignung benachteiligt werden.

  • Inge Luett

    Inge Luett

    Mit Verlaub, Christian Reichenbach, wenn die sprachliche Repräsentation von Frauen dazu führte, dass Männer durch einen Karrieremechanismus am beruflichen Fortkommen gehindert werden würden, bedeutete dies denn nicht, im Umkehrschluss anzuerkennen, dass die Unterrepräsentierung von Frauen deren berufliches Fortkommen benachteiligt?

  • Kai Blum

    Kai Blum

    Warum sollen nicht alle schreiben, wie sie und ihre Leser es gern haben? Dann sortiert sich das schon von selbst.

  • Else Laudan

    Else Laudan

    Sehr gut, Nina George - besonnen, respektvoll, ein freundlicher Beitrag zur Diskussion. Einer Diskussion, die mich nach 30 Jahren Kulturarbeit zuweilen ermüdet, aber doch immer noch und immer wieder geführt werden muss - möglichst mit genau dieser Souveränität. Danke.
    Dank auch an Inge Luett, der ich unbedingt zustimmen möchte.
    Und ergänzend - meiner dreißigjährigen Lektorinnenerfahrung nach liegt eine tiefe, aber gern übersehene Wahrheit in dem Satz: "Wenn man geschickt im Erzählen ist, kann man es auch durchaus vermeiden, dass man in einen behäbigen Sprachkuddelmuddel kommt, sich in Aufzählungen ergeht." So ist es! Dazu braucht es nur ein wenig Sorgfalt, Können und Liebe zum Präzisen.
    Also Leute, hört doch bitte mal auf, euch über sprachliches Gendern zu ereifern - wenn ihr ernstlich die Schönheit und Bewusstheit von Sprache retten möchtet, gibt es weit dringenderen Handlungsbedarf auf anderen Feldern. Und es ist immer gut, mit einer respektvollen Kommunikation anzufangen. Erst recht, wenn wir irgendeine Hoffnung haben wollen, miteinander im Austausch und in Gesellschaft zu sein, statt einander nur zu überschreien.
    Abschließend mein launiger Lesetipp zum Thema, ein druckfrischer Kriminalroman von Christine Lehmann: DIE ZWEITE WELT. Hier prallen spannend, humorig und nachdenklich Demokratie und Feminismus auf populistischen Terror. Christine Lehmann verhackstückt aktuelle Polemiken und wühlt in der Normalität, bis die Unvernunft zutage tritt. Ein Frauentagskrimi? Nein, ein hochaktueller feministischer Kriminalroman für alle.

  • Berliner Latte Macchiato Genderstern

    Berliner Latte Macchiato Genderstern

    Liebe Frau Laudan,

    danke für den Tipp (für Nichtbuchhändler*innen: https://www.buchhandel.de/buch/Die-zweite-Welt-978 3867542371)
    Dabei sieht mensch in den Katalogen gleich, dass der Börsenverein und seine Unternehmungen auch selbst noch eine Menge Arbeit vor sich haben:
    "Urheber: Lehmann, Christine (Autor)" (sic!), "Über den Autor"...
    "It's a men's world", isn't it, my dear?


  • Paul Pfeffer

    Paul Pfeffer

    Mich hat geärgert, dass Frau George den Widerstand gegen das Gendern von Sprache mit "gelebter Misogynie" gleichsetzt. Das ist genau der moralisierende Ton, der einen Austausch von Argumenten verhindert. Das Empörungspotenzial besteht für mich als Sprachwissenschaftler darin, dass Menschen an der Sprache herumschrauben, die viel Ahnung von "richtiger Gesinnung" haben, aber wenig von Sprache und Sprachwandel wissen. Ich sehe das Gendern von Sprache kritisch, aber nicht aus Gründen der Gesinnung, sondern weil es sich um Eingriffe von oben ins Sprachsystem handelt.
    Das Gendern der Sprache ist bereits im theoretischen Ansatz problematisch, weil der Impuls von der Gender-Theorie ausgeht, nicht vom tatsächlichen Sprachgebrauch. Sprache verändert sich aber durch den Sprachgebrauch und nicht am sprachfeministischen Reißbrett. Sie verändert sich von unten nach oben, nicht umgekehrt, es sei denn, man betreibt bewusst Sprachpolitik in manipulativer Absicht.
    In der praktischen Wirkung ist das Gendern der Sprache kontraproduktiv. Mehr Geschlechtergerechtigkeit wird nicht durch Sprachvorschriften erreicht, sondern durch politische und gesellschaftliche Veränderungen, wie sie in den letzten vierzig Jahren verstärkt stattgefunden haben. Dieser Prozess wird weitergehen, und die Sprache wird ihn angemessen abbilden. Das kann vielleicht etwas länger dauern, als bestimmte Aktivisten es sich wünschen. Eine feministische Sprachpolitik braucht es dazu nicht. Es ist – nebenbei bemerkt – schon irritierend, wenn ausgerechnet Menschen, die sich selbst für sensibel und achtsam halten, keine Skrupel haben, die Sprache zu misshandeln.
    Oft wird argumentiert, es würden ja lediglich Vorschläge gemacht. Jeder könne es mit dem Gendern halten, wie er wolle. Das verkennt aber die Realität. Abgesehen davon, dass man nicht mehr von „Vorschlägen sprechen kann, wenn ins Sprachsystem eingegriffen wird, ist das Gendern inzwischen durch Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte an Universitäten und anderen Institutionen zum Standard erhoben worden. Obwohl die Verfechter des Genderns eine kleine Minderheit sind, haben sie großen Einfluss. Ihr Hebel ist eine bestimmte Moral. Wer sich der neuen Sprachpolitik verweigert, gilt als rechts, frauenfeindlich, reaktionär, gestrig. Sachargumente aus der Sprachwissenschaft haben keine Chance, denn nicht die Sache – die Sprache – ist wichtig, sondern die „richtige“ Gesinnung.
    Letztlich geht es um Deutungshoheit und um Macht. Der Mehrheit soll eine Sprachregelung verordnet werden, um das Bewusstsein in Richtung der Gender-Theorie zu verändern. Man kann das auch Manipulation und Bevormundung nennen. Geschlechtergerechtigkeit wird dadurch nicht befördert, eher im Gegenteil. Das Gendern der Sprache durch eine Minderheit erweist der Sache der (Frauen)emanzipation einen Bärendienst, weil die Veränderungen im Kern sprachfremd sind und weil die große Mehrheit der Sprecherinnen und Sprecher Eingriffe „von oben“ in das Sprachsystem ablehnt.
    Die Ablehnung ist oft intuitiv, weil die meisten Menschen wenig Einblick in das Sprachsystem haben, aber merken, dass da etwas in die falsche Richtung läuft. Die Zustimmung auf der anderen Seite ist oft blind, weil sie aus einer Mischung aus Unkenntnis über die Funktionsweise der Sprache, schlechtem Gewissen und falscher Solidarität mit feministischen Aktivistinnen erfolgt.
    Es ist zu hoffen, dass das Gendern Episode bleibt, weil es von der Mehrheit der Sprecherinnen und Sprecher nicht angewendet wird. Die die deutsche Sprache wird es abschütteln, wie sie schon so einige Eingriffe von verschiedenster Seite abgeschüttelt hat.

    Fazit:
    - Die aktuell geltenden Formen der Sprache reichen aus, um hinreichend präzise zu sein, zu differenzieren und auch die Frauen „sichtbar zu machen“.
    - Die Neuregelungen machen die deutsche Sprache hässlicher, komplizierter, schwerer lernbar und schaffen viele neue grammatische Zweifelsfälle und sprachliche Unklarheiten.
    - Gendern schafft für die deutsche Sprache einen Sonderstatus, der von außen betrachtet nur komisch wirken.
    - Unbedachte und ideologisch motiverte Eingriffe in das gewachsene Sprachsystem verursachen grammatisches Durcheinander.

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