Linus Giese über Binnen-I und Gendersternchen

Alles nur eine Frage der Ästhetik?

Viele Menschen denken 2019 immer noch, gendergerecht bedeutet ausschließlich die Sichtbarmachung von Frauen - aber sollten wir da nicht schon viel weiter sein? Gerade in einer Branche, in der Sprache eine so wichtige Rolle spielt? Trans-Aktivist Linus Giese über Binnen-I und Gendersternchen.

Linus Giese

Linus Giese © privat

Das Binnen-I und das Gender Sternchen

Es gibt in Texten unterschiedliche Arten zu gendern – manche nutzen das Binnen-I, andere das Gender Sternchen und wiederum andere den Gender Gap. Nina George sagt im Interview mit Börsenblatt Online: ob Binnen-I oder Gender Sternchen, „das ist eine Frage der ganz und gar subjektiven Ästhetik“. An dieser Stelle möchte ich widersprechen: Natürlich darf jede*r selbst entschieden, welche Lösung bevorzugt wird - diese Frage ist aber mit Sicherheit keine rein ästhetische Frage. Die Verwendung des Binnen-Is kam auf, als durch eine UN-Resolution die verstärkte Sichtbarmachung von Frauen gefordert wurde. Beim Binnen-I liegt durch das groß geschriebene I in der Mitte der Fokus auf dem weiblichen Geschlecht: die Rede ist dann von AutorInnen, MitarbeiterInnen oder KollegInnen. Doch die Benutzung des Binnen-Is hat einen ganz klaren Nachteil, denn damit wird das hegemoniale Zweigeschlechtlichkeitssystem aufrechterhalten. In den letzten Jahren wurde aus diesem Grund der Gebrauch des Gender Gaps "_" (also Autor_Innen) und dem Gender Sternchen "*" (Autor*innen) zunehmend üblicher. Der Vorteil beider Varianten ist die Sichtbarmachung von anderen Geschlechtsidentitäten als die des Mannes und der Frau - und ganz konkret: das Miteinbeziehen und Sichtbarmachen von nicht-binären Menschen. Es ist also zu kurz gedacht, wenn man die Frage, ob Binnen-I oder Gender Sternchen darauf herunterbricht, dass das ganz allein eine Frage der subjektiven Ästhetik sei.

Wenn wir Pilotin und Pilot lesen, haben wir andere Wörter im Kopf, als wenn wir von Pilot*innen lesen, heißt es immer wieder. Ich glaube, dass das weniger eine Frage der Neurologie ist, als eine der Emotionen: natürlich verbinden Leser*innen oft weniger konkrete Bilder mit dem Sternchen (oder auch Asterisk), weil es schlicht noch eine ungewohnte Lesart ist. Der Unterschied zwischen Buchstaben und einem Asterix ist jedoch artifiziell und reine Übungssache. Wenn die nächste Generation mit Büchern und Texten aufwächst, in denen mit Sternchen gegendert wird, dann entstehen auch da irgendwann Bilder und Emotionen. 

In einem aktuellen Sachbuch des Hanser Verlags wird übrigens mit Hilfe eines Ausrufezeichens gegendert: das Ausrufungszeichen vereint das Binnen-I und den Gender Gap – dadurch, dass das I auf den Kopf gestellt wird, soll deutlich gemacht werden, dass körperlich und psychisch nicht nur die Pole „männlich“ und „weiblich“ existieren, sondern es ein ganzes Spektrum von Geschlechtern, Geschlechtsidentitäten und Körperlichkeiten gibt.


Was ist eigentlich das „dritte Geschlecht“?

Oft ist leider beim Thema Gendern auch vom "dritten Geschlecht" die Rede, nur: es gibt kein Drittes Geschlecht. Im Bundestag beschlossen wurde die Einführung einer Dritten Option - man könnte auch vom Dritten Geschlechtseintrag sprechen.


Wie geht es weiter?

Ich glaube, dass das Thema gendergerechte Sprache ein sensibles und vielschichtiges Thema. Ich freue mich auf Stimmen von Expert*innen, die das Thema Gendern kreativr, divers und inklusiv denken! Die Forderung nach dem Binnen-I kam in den 90er Jahren auf - mittlerweile sind wir im Jahr 2019 angekommen: die Sichtbarmachung von Frauen ist immer noch ein wichtiges Thema, aber kann sich ein Feminismus heutzutage wirklich noch erlauben nicht intersektional zu denken?

Wie viele trans Menschen arbeiten eigentlich in der Buchbranche? Wie viele inter Menschen? Wie viele nicht-binäre? Wie kann es uns zusammen gelingen, all diesen Geschlechtsidentitäten sprachlich gerecht zu werden? Ich bin trans und ich bin queer und ich arbeite tagtäglich in dieser Branche und es kann doch nicht sein, dass die Sichtbarmachung von Menschen wie mir und meinen Freund*innen eine Frage der Ästhetik ist - und nicht eine Frage der Priorität.

Linus Giese ist 33 Jahre alt, lebt als Blogger und Buchhändler in Berlin und engagiert sich als Aktivist für die Aufklärung rund um das Thema trans.

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Welche Möglichkeiten gibt es? Was empfiehlt der Duden? Wie gehen Verlage und der Buchhandel damit um? Was wünschen sich die Autorinnen und Autoren?  Gendern ist das Thema der Woche im Börsenblatt Heft 12, das am 21. März erscheint!

5 Kommentar/e

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  • Buch-Max

    Buch-Max

    Toller Beitrag - extrem gut geschrieben, ich bin begeistert, dass Sie solche Themen im Börsenblatt thematisieren. Endlich und ich hoffe auf mehr.

  • Andy

    Andy

    Toller Beitrag, vielen herzlichen Dank an Linus Giese. Danke auch, dass das Börsenblatt endlich mal Trans*-Stimmen zu Wort kommen lässt.
    Es geht m.E. übrigens auch ganz grundlegend um Fragen von Gerechtigkeit und daran gekoppelt Repräsentation. Das zu einer ästhetischen Frage zu verdrehen, scheint mir nicht nur Ausdruck eines Festhaltens an eigenen Privilegien zu sein, sondern auch Ausdruck des eigenen Wertehorizonts zu sein. Ich finde ästhetische Fragen wichtig, aber nicht zu Lasten von Gerechtigkeit...

  • S

    S

    Genau das ist es, was mich auch bei Frau George mit der Stirn runzeln ließt - es ist keine Frage der Ästhetik, es ist eine Frage der Inklusion. Die Ansprache von nur Männern und Frauen ist schon lange überholt - es ist an der Zeit, dem auch sprachlich gerecht zu werden.

    Und aus persönlicher Erfahrung: Lösungen wie das Gendersternchen und die Gender Gap gibt es bereits seit Jahren, jetzt kommen sie lediglich langsam im Mainstream an. Aber als eine Person, die damals mit der Nutzung angefangen hat: Es ist eine Frage der Gewohnheit. Mensch muss nur wollen.

  • Dirk Bauer

    Dirk Bauer

    Moin Linus, ich teile nicht die implizite Annahme bzw. Forderung, dass ich beim Lesen von Substantiven wie Pilot, Autor oder Kollege an alle möglichen Geschlechter denken muss.
    Je nach textlichem Kontext ist der Pilot mal ein Mensch, der ein Flugzeug fliegt, mal eine Piloten-Frau oder ein Piloten-Mann oder ein Pilot! mit einer sauberen Landung.

    Lassen Sie doch bitte einem Autor die Entscheidung, was er in welchen Zusammenhang wie schreiben möchte. Ich verwehre mich, dass ich jemanden diskriminiere, nur weil ich für einen Menschen, der schreibt, das Wort "Autor" benutze. Ich denke dabei nicht an allerlei biologische Geschlechter, will ich auch nicht.

    Müssten wir nicht konsequenterweise den Menschen[*!] umbrechen in "Der Mensch, der!/der*/die!/die* schreibt ..." - oder wie auch immer so geschrieben, wie Sie oder andere[*!] glauben, das es gendergerecht ist?

  • Martina Bergmann

    Martina Bergmann

    Ich kann die Position von Herrn Giese (nun) gut nachvollziehen. Das ist nicht unbedingt meine, die lautet ganz schlicht: Keine Diskriminierung. Sehr unnötig, denn es ist das 21. Jahrhundert. Aber ich will gern glauben, dass das Thema für einige emotionaler ist als für andere.

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