Interview mit Verleger Jonathan Beck

"Das Papier ist der Elefant im Raum"

Wie energieaufwändig ist die Buchproduktion? Sind Bücher Klimakiller? Jonathan Beck, Verleger von C. H. Beck (Literatur – Sachbuch – Wissenschaft), erklärt, warum die Branche weniger über Folienverzicht und mehr über die Umweltbilanz der Papierproduktion diskutieren sollte. INTERVIEW: MICHAEL ROESLER-GRAICHEN

Jonathan Beck, Verleger C.H. Beck Literatur - Sachbuch - Wissenschaft

Jonathan Beck, Verleger C.H. Beck Literatur - Sachbuch - Wissenschaft © Christian Moser

Die Produktion gedruckter Bücher verschlingt große Mengen fossiler Energie. Was tun Sie dagegen?
Rund 80 Prozent der CO2-Emissionen in unserer Buchproduktion werden durch das Papier verursacht. Insofern haben wir uns die Priorität gesetzt, das genauer anzuschauen. Wir kompensieren das eingebrachte Papier und die im Druckprozess aufgekommenen Emissionen, indem wir in Zusammenarbeit mit myclimate Deutschland die lokale Produktion effizienter Kocher in Kenia fördern – und das zwingt uns zu einer Bilanzierung der Emissionen. Das ist der erste wichtige Schritt.

In diesem Jahr wollen Sie 50 Prozent des CO2-Ausstoßes kompensieren. Wäre es nicht besser, auf E-Books umzusteigen?
Zum einen sind E-Books in aller Regel auch nicht klimaneutral, zum anderen kann es auch bildungspolitisch nicht das Ziel sein, jetzt auf E-Books umzusteigen. Denken Sie nur an die Stavanger-Erklärung, die den Vorteil des gedruckten Buchs ein weiteres Mal unterstreicht. Wir wollen also weiterhin so viele Bücher wie möglich unters Volk bringen, müssen damit aber der Tatsache ins Auge sehen, dass wir Produkte herstellen, die mit Emissionen verbunden sind. Eine kurz- und mittelfristige Antwort ist erst einmal, mit allen Ressourcen möglichst sparsam umzugehen und die verbleibenden Emissionen zu kompensieren. Wenn wir im Rahmen der Bilanzierung beginnen, unsere Papierzulieferer zu befragen, wie viele Emissionen mit dem eingebrachten Papier verbunden sind, dann setzt das vielleicht auch dort einen Gedankenprozess in Gang. Die Hersteller werden sich hoffentlich fragen, wie sie ihren Emissionsbeitrag reduzieren können.

Wie energieaufwendig ist eigentlich die Papierproduktion?
Immens. Eine Tonne Papier benötigt in der Herstellung so viel Energie wie eine Tonne Stahl. Wir verdrucken einige Tausend Tonnen pro Jahr und schätzen, dass die Printproduktion des Verlags C. H.Beck, also auch der juristischen Titel, insgesamt auf Emissionen von 13 000 Tonnen CO2 pro Jahr hinausläuft. Das Äquivalent dazu sind zehn voll besetzte Boeing 747, die von München nach New York und zurückfliegen. Die Produktion eines der größten Verlage in Deutschland ist also minimal im Vergleich zu einer großen Fluglinie, die wahrscheinlich in einer Stunde so viel CO2 emittiert wie wir in einem Jahr. Aber nichts ist bequemer, um nicht zu sagen fauler, als bei diesem Thema auf andere zu zeigen. Jeder muss vor seiner eigenen Haustür kehren.

Es sieht so aus, als ob man den Besen ziemlich lange schwingen müsste ...
Bestimmt. Mittelfristig hoffe ich, dass wir die CO2-Kompensation weiter ausbauen können, bis auf 100 Prozent. Langfristig hoffe ich, dass die Papierhersteller Wege finden, mit geringeren Emissionen Papier zu produzieren – auf Basis erneuerbarer Energien oder neuer Technologien: Ich will auch 2050 noch Bücher machen können. Meine Idealvorstellung ist ja: Bücher sind umgewandeltes Holz, und Holz ist ein CO2-Speicher. Wenn man energiearm Papier herstellen könnte, dann wären wir gar nicht so weit davon entfernt, dass Bücher nicht nur Wissensspeicher, sondern auch CO2-Speicher sind. Wenn man sich so etwas vorstellen kann, warum sollte es nicht möglich sein? Aber für Veränderungen dieser Art braucht es Druck, auch Kostendruck, und dazu können Verlage beitragen.

In der Diskussion um die Folie haben Sie sich zurückgehalten. Weshalb?
Wir haben testweise zwei Frühjahrstitel mit Schutzumschlag nicht foliiert, und ich bin gespannt auf die Ergebnisse. Die für mich entscheidende Frage ist: Was passiert mit der Remissionsquote? Wenn ein Gramm Folie ungefähr den gleichen CO2-Beitrag hat wie ein Gramm Papier, dann muss bei einem Papier­gewicht von 300 g pro Buch die Remissionsquote nur um ein Dreihundertstel steigen, damit sich der Klimaeffekt ohne Folierung ins Negative wendet.

Spielt der Umweltaspekt beim Folienverzicht keine Rolle?
Natürlich geht es auch um den Plastikmüll in den Weltmeeren, aber das ist eher eine Frage des Abfallmanagements in Deutschland, da sehe ich eine kleine Branche wie die unsrige eher in einer nachrangigen Verantwortung. Da ist mehr die Politik gefragt, die zulässt, dass Plastikmüll etwa kostengünstig nach Asien exportiert wird, wo wir nicht mehr wissen, was damit passiert. Wenn die Branche sich jetzt ausschließlich auf die Folie stürzt und dafür nach Lösungen sucht, dann ist das an sich natürlich ein gutes Projekt, in Sachen Klima aber mehr eine Nebelkerze. Der Elefant im Raum ist das Papier, oder wie Christoph Hirsch von oekom kürzlich an anderer Stelle gesagt hat: Beim Papier spielt die Musik.

Zertifikate kosten Geld. Was bedeutet es kalkulatorisch, wenn man 50 Prozent CO2 kompensiert?
Das Kyoto-Protokoll regelt genau, wie das mit den Zertifikaten funktioniert, was das Entstehen eines regulierten aber funktionierenden Markts für Kompensationsprojekte ermöglicht hat. Dadurch sind die Kosten kalkulatorisch auszuhalten, pro Buch handelt es sich um einen Cent-Betrag. In summa ist das am Jahresende natürlich nicht zu vernachlässigen, erst recht nicht, wenn man den internen Aufwand der Klimabilanzierung mit einrechnet. Ob es Einspareffekte an anderer Stelle gibt, kann ich derzeit nicht sagen. Aber wir müssen deshalb nicht extra die Preise erhöhen.

Gibt es Bücher, die Sie komplett klima­neutral machen?
Als Pilotprojekt sind 2018 die beiden Ausgaben von Yuval Noah Harari erschienen („21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“ und die Paperback-Ausgabe von „Homo Deus“). Den Hinweis auf dem Umschlag werden einige Kunden bemerkt haben, der Autor hat es auch gutgeheißen. Für umweltbewusste Kunden ist das vielleicht eine Information, die die Kaufhemmung senkt.

  

Ein paar Zahlen zum CO2-Ausstoß von Konsumartikeln

Wussten Sie, dass für die Produktion eines Päckchens Butter 24 Kilo CO2 freigesetzt werden?

... für eine Jeans 16 Kilo?

... für ein Kilo Flug-Erdbeeren aus Südafrika 11,5 Kilo?

...für ein Mischbrot 750 Gramm?

... für ein Buch 400 Gramm?

(Quelle: Eigenrecherche Börsenblatt)

Bei der Produktion von Büchern der Holtzbrinck Buchverlage verteilen sich die CO2-Emissionen auf folgende Faktoren:

Papier: 72 Prozent

Buchtransport: 10 Prozent

Papiertransport: 5 Prozent

Dienstreisen: 4 Prozent

Pendeln zur Arbeit: 3 Prozent

Energieverbrauch im Betrieb: 3 Prozent

Zugelieferte Energie: 3 Prozent

(Quelle: Holtzbrinck Buchverlage)

Mehr zum Thema Buchproduktion und Klimaneutralität erfahren Sie in der aktuellen Börsenblatt-Ausgabe 21 / 2019 in unserem Thema der Woche.

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1 Kommentar/e

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  • Dr. Tankred Schaer

    Dr. Tankred Schaer

    Hört endlich auf, uns ständig mit der Klimadiskussion zu belästigen! Und jetzt auch noch bei Büchern. Es reicht! Wenn das Papier das Problem ist, kommt doch logischerweise die Forderung.nach dem papierlosen Buch, natürlich aus ökologischen Gründen. Selbst wenn es sinnvoll wäre, die bei der Buchproduktion anfallende CO2-Menge zu erfassen, so ist diese so gering, dass man sie vernachlässigen kann. Erfreulicherweise wird dies ja auch im Zusammenhang mit der Kunststofffolie im Artikel so dargestellt. Sowieso ist die Diskussion schief: wer mit nachwachsenden Rohstoffen heizt oder Energie erzeugt, verhält sich angeblich richtig, wer aber aus Holz ein Buch produziert, muss sich wegen einer „Klimabelastung“ rechtfertigen. Nun wissen wir ja bereits, wer der größte „Klimakiller“ ist: kürzlich erschienen Tageszeitungen mit der Schlagzeile „Warum Babys die größten Klimakiller sind“. Der Staat soll die Würde des Menschen achten und schützen und wir sollten das auch tun und außerdem dafür sorgen, dass auch in Zukunft Bücher gelesen werden können.

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