Barbara Scheuer über die Tagung der Herstellungsleiter

Grüne Aussichten in Irsee

Bei der Herstellungsleitertagung in Kloster Irsee wird eh' nur über Papier geredet? Mitnichten - eher über Datenmanagement und nachhaltige Buchproduktion. Barbara Scheuer, Gesamtherstellungsleiterin bei Random House, über den rasanten Wandel eines Berufsbildes und die Zukunft der Tagung in digitalen Zeiten.  INTERVIEW: NILS KAHLEFENDT

Barbara Scheuer

Barbara Scheuer © Bernd Hoppmann

Von Industrie 4.0 und Künstlicher Intelligenz bis zu farbigen Vorsatzpapieren und Lesebändchen - wie bekommen Sie den immer komplexer werdenden Hersteller-Alltag bei der Herstellungsleitertagung in Kloster Irsee abgebildet, die gerade zum 69. Mal stattgefunden hat? 

Barbara Scheuer (lacht): Lesebändchen habe ich keine gefunden im Programm, aber ich weiß, worauf Sie hinauswollen… Ganz wichtig ist, dass die Zusammensetzung des Gremiums, das ja die Tagung letztlich baut, nach Alter und Berufserfahrungen sehr gut gemischt ist. Da sitzt der gestandene Büchermacher, der noch mit Blaupause, Fadenzähler und Musterbuch unterwegs ist. Und auf der anderen Seite haben wir Leute, die vielleicht gar keine gedruckten Bücher mehr publizieren, sondern wissenschaftliche Texte oder Fachinformationen in Datenbanken ausspielen müssen. Das bildet die Vielfalt der Tätigkeitsbereiche doch sehr gut ab. 

Die Themen Nachhaltigkeit und Klimaschutz haben in der Branche - und nun auch in Irsee - Boden gewonnen. Wie erklären Sie sich das? 

Ich glaube, es ist zum einen die gesellschaftliche Situation; selbst die Politik kann das Klimathema nicht mehr ausblenden - wir sehen es von "Fridays for Future" bis zu den aktuellen Wahlergebnissen. Durch die sozialen Medien wird das natürlich ganz anders befeuert als früher. Zum anderen haben viele Verlage den Endkunden heute stärker im Blick, der natürlich seine Bedürfnisse artikuliert. Da können wir nicht sagen: "Sorry, darüber wollten wir aber nicht reden." Das heißt, bei uns kommt sehr viel Feedback zu Umweltthemen von Endkunden und Buchhandel an. Darauf müssen und wollen wir reagieren. 

In Irsee sprach diesmal auch Moritz Lemkuhl von ClimatePartner - Ihr Impuls? 

In dem Fall war das mein Gremiums-Kollege Stephan Huber von C.H. Beck, wir arbeiten beide mit ClimatePartner zusammen. Ich habe dafür Axel Fischer von Ingede e. V. eingeladen...

... einer von führenden europäischen Papierherstellern gegründeten Forschungsgemeinschaft zu Deinking-Technik. 

Das war ein ganzer Themenblock am ersten Tag, der extrem gut angekommen ist.   

Sie sind als Gesamtherstellungsleiterin von Random House gleichzeitig Umweltbeauftragte der Verlagsgruppe, eine Schlüsselfunktion. Was können Herstellungsleiterinnen kleinerer Häuser auf dem Weg zum klimafreundlichen Verlag tun? 

Der einzelne Verlag, egal ob groß oder klein, kann natürlich seine Drucker um eine Klimabilanz für die Produktion bitten. Anbieter wie ClimatePartner wickeln das mit den Druckereien ab und liefern den Verlagen den Report. Man wird die CO2-Emissionen nicht vermeiden können, aber sie lassen sich, etwa durch die Auswahl klimafreundlicher Papiersorten, reduzieren. Materialien machen knapp 80 Prozent der CO2-Emissionen eines Buches aus! Unvermeidbare Emissionen können durch Klimaschutzprojekte substituiert werden. 

Offenbar hat sich da ein Bewusstseinswandel vollzogen, nicht zuletzt in den Herstellungsabteilungen...

Umwelt war lange ein nettes Thema, wenn es dem Marketing genutzt hat. Wenn es richtig Geld gekostet hat, war es nicht mehr so nett. Das hat sich sehr deutlich gedreht.    

Noch einmal zur Nachhaltigkeit der Tagung von Irsee selbst, die kommendes Jahr ihren 70. Geburtstag feiert. Ein Format wie das Publishers Forum wird nach 16 Jahren nicht fortgeführt…

Herstellung ist eine Frage, die immer heiß diskutiert wird. Das Berufsbild unterliegt einem rasanten Wandel. Heute arbeiten wir oftmals stark datengetrieben, in manchen Verlagen ist die Herstellung an die IT angehängt, mancherorts heißt sie inzwischen anders. Das bedeutet: Die Kernarbeit des Herstellers, wie wir ihn aus der Vergangenheit kennen – als einen, der mit Materialität und Gestaltung betraut ist - wird es natürlich immer geben. An manchen Stellen rückt das aber mehr in den Hintergrund.

Was heißt das für Irsee?

Wir müssen uns öffnen für Menschen, die unseren Job machen - sich aber vielleicht selber gar nicht so sehr dort verorten, die immer noch denken: In Irsee reden sie eh’ nur über Papier…  

Das Irsee-Team 

  • Barbara Scheuer ist Gesamtherstellungsleiterin der Verlagsgruppe Random House und gehört dem sechsköpfigen Gremium an, das die Herstellungsleitertagung plant.
  • In diesem Jahr sind Katja Splichal (Verlag Eugen Ulmer) und Michael Reinfarth (Wolters Kluwer) neu ins Gremium gewählt worden
  • Turnusmäßig ausgeschieden sind Stefanie Langner-Ruta (S. Fischer) und Alexandra Stender (Suhrkamp).
  • Mehr zur Tagung, die jährlich über Christi Himmelfahrt stattfindet, und zum Programm unter https://herstellungsleitertagung.de

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