Axel von Ernst über Rückschläge für Indies

Absturz ins Unsichtbare

Beim Branchenmonopoly haben die kleinen Verlage ohnehin schon einen schweren Stand. Jetzt kommen auch noch irre Außerirdische daher, die die unabhängige Buchkultur verspielen – meint Axel von Ernst.

Axel von Ernst

Axel von Ernst © Bettina Engel-Albustin / fotoagentur ruhr moers

Ja, der Titel zu dieser Kolumne ist vielleicht etwas übertrieben. Aber ich wollte die seltene Gelegenheit nutzen und endlich einmal einen Titel machen, bei dem der eigentliche Inhalt für den Abverkauf völlig egal ist. In Verlagen wie meinem ist es immer umgekehrt, überall sich schrecklich vornehm zurückhaltende Titel, aber dafür eher beachtenswerte Inhalte. Und die alltägliche, manchmal tragikomische Aufgabe vieler unabhängiger Verlage ist es, das feine fast Unsichtbare mit Glanz und Gloria zu umgeben, damit es wahr­genommen wird. Aber das war immer schon so, wir wissen das und wollen das. Eine andere Unsichtbarkeit ist gefährlicher: Wir sind es so gewohnt, für unsere Bücher ein einladendes Umfeld zu schaffen, dass die Opfer und Ängste verborgen bleiben. Dabei wird die Zerreißprobe für uns alle immer anstrengender.

Dass wir beim Branchenmonopoly nur die Badstraße haben, war immer in Ordnung, man muss dann eben teure Felder vermeiden, und ab und zu verirrt sich schon jemand zur Bad­straße und lässt rettendes Geld da. Aber in letzter Zeit ziehen wir dauernd vernichtende Ereigniskarten wie "Gerichtsurteil zu Verwertungsgesellschaften. Zahlen Sie Ihre Einnahmen aus drei Jahren zurück." oder "Geschäftspartnerinsolvenz. Vergessen Sie Ihr Weihnachtsgeschäft.", da sind dann die Gemeinschaftskarten "Remissionen. Gehen Sie nicht über Los." oder "Kulturgut unerwünscht. Sie zahlen mehr Porto." nur noch schwach zu belächeln.

Aber der letzte Schlag hatte weniger mit dem üblichen Monopoly zu tun, sondern erinnerte mich an mein erstes Computerspiel, bei dem ich viele Stunden lang eine Weltraumkolonie errichtet hatte, bis irgendwann aus heiterem Himmel Außer­irdische auftauchten und alles zu Klump schossen. Kein Sinn zu erkennen, keine Verhandlungen möglich. Libri. An sich habe ich ja ein großes Herz für altmodische Spleenigkeit, aber doch eher im Künstlerischen und Privaten; im Geschäftsleben sind Firmen, die es für klug halten, während alle Welt wie wahnsinnig Daten sammelt, Daten zu löschen, beängstigend. Aber auch in Lebensgefahr beschweren wir uns nur höflich mit einem Brief und bleiben kultiviert, das ist ja auch schön und erinnert mich an den eleganten Herrn auf der Titanic, der sich nicht zum Rettungsboot begibt, sondern sich einen Drink bestellt. Allerdings sind wir in diesem Bild natürlich der dämliche Barkeeper, der weiter bedient.

Dabei müssen wir nach draußen, wir müssen zu den Rettungsbooten, wir müssen zeigen, was unsere Nichtexistenz bedeuten würde und dass viele von uns ununterbrochen von Nichtexistenz bedroht sind. Wir brauchen in unserer freundlichen Branche noch mehr Verständnis und Solidarität untereinander, und die Gesellschaft sollte sich mit uns zusammen Sorgen machen um die Dinge, die wir beitragen – wir müssen, um zum Punkt zu kommen, mit unseren Vorteilen und unseren Nöten aus der Unsichtbarkeit gelangen und schließlich eine gute strukturelle Förderung für sensible Verlagsprogramme erreichen, die auf alle in der Buchwelt ausstrahlt und in anderen Ländern bereits aus guten Gründen existiert. Wir feiern uns so sichtbar wie möglich mit der Hotlist und mit den Kurt-Wolff-Preisen, der Verlagspreis des Bundes verteilt wohltuende Tropfen auf einige heiße Steine, die Kulturstaatsminis­terin sei von Herzen gepriesen. Gerettet sind wir aber längst nicht. Wir brauchen wenigstens noch die Turmstraße und müssen regelmäßig über Los kommen dürfen.

Axel von Ernst ist Verleger des Lilienfeld Verlags und Mitglied im Verein der Hotlist.

Schlagworte:

7 Kommentar/e

Diskutieren Sie mit ...

  • Wolfgang Neumann, Solibro Verlag

    Wolfgang Neumann, Solibro Verlag

    Vielen Dank, lieber Herr von Ernst, dass Sie diese ernsten Worte, wenngleich fast schon euphemisierend literarisch, für uns kleine Verlage an die Branchenöffentlichkeit gerichtet haben. Mögen sie dort auf Verständnis stoßen und vor allem Veränderung zeitigen.

  • Vito von Eichborn

    Vito von Eichborn

    Mal eine Rechtsfrage: Können wir einem Zwischenhändler sagen: "Entweder Du führst all meine Titel in wenigstens 1 Exemplar, das Du im Fall der Fälle nachbestellst - oder Du bekommst nix, auch meine kleinen Bestseller nicht!"?

  • Buchmarkt-Neuling

    Buchmarkt-Neuling

    Rückfrage: Ich habe bisher verstanden, dass es den VLB gibt, der einen vollständigen Buchkatalog bereitstellt. Dieser wiederum kann in Zusammenarbeit mit KNV, Libri, Umbreit, etc. Artikeldaten in den jeweiligen Applikationen und Shops bereitstellen. Eine Sichtbarkeit über den VLB ist dann gegeben oder? Warum nutzen wenige/einige/viele/alle Buchhändler dies nicht?

    @Vito von Eichborn: keine juristische Beratung aber,
    grundsätzlich ist in einer bilateralen Verhandlung vieles erlaubt. Ich sehe in der Formulierung auch keine "Sittenwidrigkeit" oder andere Hindernisgründe. Fraglich ist jedoch was der Ausgang der Verhandlung ist:
    a) der Zwischenhändler lenkt ein und nimmt das Gesamtsortiment auf
    b) der Zwischenhändler entscheidet sich gegen den "kleinen Bestseller" und listet komplett aus

    Ergebnisse aus Verhandlungen sollten ja allen Beteiligten eine Freude machen. Ob eines der oben skizzierten Ergebnisse den Parteien eine lange Zeit Freude bereitet würde ich bezweifeln.

  • Susi Unklug

    Susi Unklug

    Herr von Eichborn: dann müsste also nach Ihren Vorstellungen knv das Lager auf 1 Mio Titel aufstocken? Soll das die nächste Insolvenz nach sich ziehen, wenn alle unverkäuflichen Titel aller Verlage eingekauft werden müssen? Bis in welche Höhen sollen die Lager wachsen? Klingt ein bisschen nach Zamonien.
    Bei einer halben Million Titeln sollte doch für jeden Leser etwas dabei sein?

  • Vito von Eichborn

    Vito von Eichborn

    Nun ja, viele Buchhandlungen bestellen alles beim Großhändler. Wir Kleinen wissen nicht, wer was.
    Libri hat jetzt ! in drei Tranchen "De Wiehnachtsgeschicht op Platt" remittiert - das war kein denkender Mensch, der hätte bis Januar gewartet. (Die verkaufen wir übrigens gut.)
    Es gibt halt null Kommunikation jenseits von 1-0.

  • Abend und Morgen

    Abend und Morgen

    Was für ein deprimierender Beitrag! Am Abend manche Tage sollte man wirklich mal in die Kneipe gehen und mit in einem guten Freund über das Elend der Welt klagen - das entlastet und hilft ganz praktisch. Am nächsten Morgen, wieder mit klarem Kopf, geht man an die Analyse und denkt darüber nach was man tun kann. Den Abend in der Kneipe behält man für sich. Die Analyse, wenn sie gut ist, kann man öffentlich darstellen. Die Ideen behält man ersteinmal für sich und versucht als Unternehmer seinen Nutzen daraus zu ziehen. Mir scheint, ich lese hier das Extrakt des Abends in der Kneipe. Mit Gewinn las ich z.B. diese Beiträge. Besonders der Beitrag von Herrn Heinold enthält Analyse und Strategien für Verleger.

    https://www.boersenblatt.net/2019-03-21-artikel-de r_strategische_aspekt_der_knv-pleite-diskussion_im _fachforum_der_leipziger_buchmesse.1626138.html

    https://www.buchreport.de/news/fit-fuer-die-vuca-w elt-10-thesen-zur-buchmesse/?utm_source=buchreport &utm_medium=link&utm_campaign=plus-gesehen &utm_content=Fit+f%C3%BCr+die+VUCA-Welt%3F+10+ Thesen+zur+Buchmesse

  • Ju

    Ju

    Sehr schöner Artikel. Bei allen Zahlen, die es natürlich in einer Branche geben muss, die Gewinn machen möchte, darf man nicht vergessen, dass Literatur Kunst ist. Und einfach jedes Kunstwerk zu "verschrotten", das schlecht verkäuflich ist.. dann wäre das Ergebnis eine nicht mehr vorhandene Vielfalt. In diesem Artikel ging es m.M. nach nicht um KNV, sondern um Libri, die neulich mehrere Kleinstverlage aus ihrem Bestand gestrichen haben. Jede Gelegenheit schnell und einfach ein Buch abseits der Norm für die Kunden in den Laden zu bestellen ist jetzt futsch. Wenn man ganz großes Pech hat, ist der Verlag bei A**** gelistet und die Kunden bestellen dann jetzt per se einfach ALLES da. Ich persönlich bin sehr unzufrieden mit der Lösung.

    • Informationen zum Kommentieren

      Bitte kommentieren Sie zur Sache. Aggressive, polemische und beleidigende Kommentare werden nicht veröffentlicht. Wir werden Ihren Kommentar so schnell wie möglich freischalten. Hier lesen Sie unsere Netiquette.

    • Mein Kommentar

      Bitte kommentieren Sie zur Sache. Aggressive, polemische und beleidigende Kommentare werden nicht veröffentlicht. Wir werden Ihren Kommentar so schnell wie möglich freischalten. Hier lesen Sie unsere Netiquette.

      Ihr Profilbild können Sie über den externen Dienst Gravatar einbinden.

      (E-Mail wird nicht veröffentlicht)
      CAPTCHA image
      Wenn Sie die Buchstabenkombination nicht entziffern können, erhalten Sie durch Klick auf die Buchstaben eine neue Kombination.

      * Pflichtfeld