Deutscher Jugendliteraturpreis

Iris Anemone Paul gleich zweimal ausgezeichnet

Heute Abend gingen in Frankfurt Preisgelder in Höhe von 72.000 Euro über die Bühne: Der Deutsche Jugendliteraturpreis wurde verliehen. Dabei räumte die Debütantin Iris Anemone Paul gleich zweimal ab: in der Sparte Bilderbuch und in der Sparte Neue Talente. VON STEFAN HAUCK

Iris Anemone Paul

Iris Anemone Paul © Johanna Ahlert

Entscheidungen der Kritikerjury

Vier Spartenauszeichnungen hat die Kritikerjury vergeben - jede Auszeichnung ist mit 10.000 Euro dotiert. Der Preis ging in der Sparte Bilderbuch an Iris Anemone Paul für "Polka für Igor" (Kunstanstifter Verlag). Wie sind Sie darauf gekommen?, hatte Bundesfamilienministerin Franziska Giffey neugierig gefragt, "Ach, ich bin Illustratorin, da ist das naheliegend", meinte Paul trocken, bevor sie von ihrem Hund erzählte, den sie aus dem Tierheim geholt hatte und der Vorbild für die Titelfigur war. "Ein Bilderbuch, das zum Mitschwelgen und Mitfabulieren einlädt", begründete der Juryvorsitzende Jan Standke.

In der Sparte Kinderbuch gewann Erin Entrada Kellys Roman "Vier Wünsche für das Universum" (dtv Reihe Hanser), ("eine aktuell zeitlose Geschichte über Identitätsbildung und Identitätsfindung auf eine wahnsinnig humorvolle Weise", so Standke), in der Sparte Jugendbuch Steven Herricks  "Ich weiß, heute Nacht werde ich träumen" (Thienemann). Herrick habe mit der Methode, einen Roman in Gedichten zu schreiben, eine Möglichkeit gefunden, Bilder zu vermitteln, dass sie im Herzen Raum einnehmen", erläuterte Übersetzer Uwe-Michael Gutzschhahn. "Der Verlust eines wichtigen Menschen ist ein Erzählanlass", führte der Juryvorsitzende aus, "der tolle Verstext stellt die Macht der Sprache in den Mittelpunkt, durchwogt von dem Fluss in der Heimatstadt der beiden Brüder im Roman".

In der Sparte Sachbuch entschieden die Jurorinnen für Anja Raumschüssels Band "Extremismus" (Carlsen). Von Ministerin Giffey befragt, was sie sich mit Blick auf das Thema des Bandes wünschen würde, antwortete die Journalistin: "Zuhören". "Ein Buch der Stunde, der Text ist auf Augenhöhe mit seinen Lesern, ein Ton, der nie belehrt, für Aufklärung plädiert und zum Mitdenken einlädt", so Standke.

Entscheidung der Jugendjury

Die Jugendjury, die aus den Leseclubs Die Lesartigen (Berlin), Bücherfresser (Fulda), Augustiniok (Waldkirch), Leseclub des Friedrich-Spee-Gymnasiums (Trier), SAS Lesezeichenclub (Königstein) und Lesezeichen (Würzburg) besteht, kürten Neal Shustermans "Kompass ohne Norden" (Hanser) zum Preisträger. Der von Shustermans Sohn illustrierte Roman erzählt von einem 15-Jährigen, der durch Schizophrenie mehr und mehr abdriftet: "Es ist erschreckend, was eine psychische Erkrankung mit dem menschlichen Verstand anstellen kann", so die Jury.

Sonderpreise Neue Talente und Gesamtwerk

Vorgemerkt: Die Sonderjury tagt und entscheidet unabhängig von der Kritikerjury - aber beide haben sich für Iris Anemone Paul entschieden, die mit dem mit 10.000 Euro dotierten Sonderpreis Neue Talente für ihr Debüt "Polka für Igor" ausgezeichnet wurde.

Der mit 12.000 Euro dotierte Sonderpreis für das Gesamtwerk hat Volker Pfüller (80) erhalten. Im internationalen Vergleich seien Pfüllers Werke stets auf der Höhe der Zeit gewesen "und oft avantgardistisch voraus, sie haben jüngere Künstler inspiriert". "Die wichtigste Voraussetzung ist, mit sich selbst befreundet zu sein - das man weiß, was man selbst ist und selbst machen will - und nicht das, was andere denken", meinte Pfüller, der im Osten wie Westen gearbeitet hat.

Das Bare, Schnöde, Gute

Geld, ohne das auch in der Kulturpolitik nichts geht, war das Leitthema des Vorsitzenden des Arbeitskreises für Jugendliteratur, Ralf Schweikart. Ohne den durchschnittlichen Förderpreis von 55,80 Euro pro Eltern pro Jahr gehe oft nichts. "An das Wahre, Schöne und  Gute führen wir Kinder nur heran, wenn wir sie lesen lehren. Und die Kulturtechnik Lesen ist viel zu wichtig, um sie in die Hände allein von Ehremamtlichen zu lassen", so Schweikart. "Es werden Lehrer benötigt, Lesepädagogen, die die Lust am Lesen fördern, es braucht Klassen- und Schulbibliotheken - deshalb müssen wir auch über das Bare, Schnöde und Gute reden." Es brauche auch eine ausreichende finanzielle Ausstattung: "Damit endlich aus vielen guten Worten auch gute Taten werden." Börsenvereinsvorsteher Heinrich Riethmüller warb um die Nachhaltigkeit von Leseförderung - "es reicht nicht, nur ein Märchenbuch zu verschenken." Buchmessechef Juergen Boos führte an, was der Lesestoff bewirke: "Literatur soll nicht nur begeistern, sie soll auch Grundwerte vermitteln und Demokratie stärken" - Kinderliteratur präge ein Leben lang.

"Wir erleben eine Jugend, die aktiv ist, die eine Gesellschaft mitprägen möchte, die sich einsetzt für Themen, die sich einbringt vor Ort wie global - und die heutige Jugend liest", konstatierte Bundesfamilienministerin Franziska Giffey. Als Replik auf Schweikarts Rede meinte Giffey, niemals könne der Staat alles alleine, es brauche viele Menschen aus unterschiedlichen Bereichen, die bei Kindern und Jugendlichen die Begeisterung fürs Lesen wecken. Sie dankte der Jury für die "unermessliche Lesearbeit" - mehr als 600 Bücher hatte die Jury diskutiert.

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