Thesencheck zur Jury-Begründung des Deutschen Verlagspreises

"Ist die Kochbuchszene hierzulande wirklich eine Wüstenei?"

Hädecke hat beim ersten Deutschen Verlagspreis einen der drei Hauptpreise gewonnen. Der Verlag sei eine "Oase in der Wüstenei der Kochbuchszene", heißt es in der Begründung. Der Preis ist hochverdient, aber: Ist die Kochbuchlandschaft in Deutschland wirklich so ausgedörrt? Vier Marktkenner sehen das ganz anders - nachzulesen hier auf boersenblatt.net und im Börsenblatt-Spezial Essen & Trinken, das frisch erschienen ist. UMFRAGE: SABINE CRONAU

Das Auge kocht mit: Kochbuchdeko in der Literaturhandlung Trebur

Das Auge kocht mit: Kochbuchdeko in der Literaturhandlung Trebur © privat

Unter den drei Hauptgewinnern, die auf der Frankfurter Buchmesse im Oktober mit dem ersten Deutschen Verlagspreis ausgezeichnet worden sind, ist auch ein Kochbuchverlag: Hädecke aus Weil der Stadt, vor 100 Jahren gegründet und heute in der vierten Generation von den Schwestern Simone und Julia Graff geführt. Dass sich hier die Richtigen über 60.000 Euro freuen können (mehr im Gastspiel), ist unbestritten.

Aber: Lag die Jury mit ihrer Begründung richtig? Dort hieß es nämlich:

"Der Hädecke Verlag ist eine Oase in der Wüstenei der Kochbuchszene. Ob Desserts von Alain Ducasse, ob Köstliches von Hecken & Sträuchern oder New York Street Food: Seit über 100 Jahren ist das Familienunternehmen eine verlässliche Institution in der Kulinarik und findet für seine Inhalte herausragend schöne und praktische Formen. Bei Hädecke lässt sich erfahren, wie die Welt schmeckt."

Beim ersten Satz regt sich Widerspruch – und wohlgemerkt: nur hier.

Stevan Paul

Stevan Paul © Andrea Thode / Mairisch Verlag

Stevan Paul, Foodjournalist und Kochbuchautor (aktuell: "Kochen.", Brandstätter)
 
"Es erschließt sich mir nicht, wie der Jury, gerade unter dem Vorsitz von Denis Scheck, der sich mit Worten wie auch mit dem Kochbuchmarkt auskennt, der Begriff 'Wüstenei' einfallen konnte. Von Ödnis keine Spur, und auch der Bezug zur 'Unordnung' will nicht greifen. Nie war der deutschsprachige Kochbuchmarkt bunter und vielfältiger, vor allem aber ist der Anspruch an Qualität und Originalität enorm gestiegen.

Bis auf ein paar Kamele haben die allermeisten Verlage verstanden, dass die Zukunft des Markts in sorgfältig gearbeiteten Kochbüchern mit Charakter liegt, in Büchern, die mehr sind als Rezeptsammlungen, Bücher, die erzählen, emotionalisieren und ihren Leser*innen Welten öffnen – wie 'Into the Woods', das Pilz- und Waldbuch von Moritz Schmid bei Prestel oder das großartige neue Pastabuch 'a mano' von Claudio del Principe beim AT Verlag. Das trifft in hohem Maße auch für die Bücher aus dem ausgezeichneten Hädecke-Verlag zu, etwa auf das Miso-Kochbuch von Claudia Zaltenbach. Ich gratuliere der Jury zur Entscheidung, nicht zur Wortwahl."

Regina Moths

Regina Moths © Antje Hanebeck

Regina Moths, Literatur Moths und Kochbuchkabinett, München
 
"Hädecke hat immer eine gute Nase für Kulinarikthemen – der Verlag gehörte zu den ersten, die die japanische Küche in unsere Kochtöpfe und Köpfe gebracht haben. Und nicht nur deswegen ist der Preis absolut verdient. Von einer Wüstenei der Kochbuchszene jedoch kann man wirklich nicht sprechen. Natürlich gab es in den vergangenen Jahren Verwerfungen auf dem Markt, weil Verlage immer mehr Ähnliches und Beliebiges herausgebracht haben. Selbst in Baumärkten und Apotheken war man vor der Kochheftchenflut nicht mehr sicher. Aber: Es gibt in Deutschland, Österreich und der Schweiz genügend Verlage, die großartige Kocbuchtitel in die Welt bringen – unabhängige wie Sieveking, Echtzeit, Mandelbaum, Callwey und Jacoby & Stuart, aber auch die großen wie DK, Phaidon, Brandstätter sowie Insel.

Die Frage ist eher: Wo findet man die besonderen oder einfach nur: die gut lektorierten, fein gestalteten, am Puls der Ernährungsfragen verlegten Kochbücher? Das ist aus meiner Sicht weniger ein Vertriebsproblem als ein 'Umtriebsproblem': umtriebig genug sein, um diese speziellen Kochbücher aufzuspüren, sich in Blogs, Zeitschriften und über Titel, Trends und Themen zu informieren; bei Kennern der kulinarischen Szene um kuratierenden Beistand bitten. Die Kunden nach ihren Erfahrungen fragen … Und selbst kochen – oder sich wenigstens bekochen lassen. Honorierung: ein Kochbuch."

Katharina Höhnk

Katharina Höhnk © Christine Fiedler

Katharina Höhnk, Gründerin und Herausgeberin des Onlinemagazins "Valentinas-Kochbuch.de"
 
"Eine radikale Preis-Begründung kann erfrischend sein, sollte aber Substanz haben. Als Herausgeberin von 'Valentinas-Kochbuch.de' begleite ich seit 2007 das Kochbuchgeschehen. Mittlerweile über 1.000 Rezeptsammlungen haben wir mitsamt nachgekochter Rezepte rezensiert, noch mehr vorgestellt. In diesen Jahren haben sich die Publikationen verändert. Aktuell befinden wir uns in einer Post-Boom-Phase, in der die Verlage vermehrt auf Originalität statt Masse setzen: auf hochwertige Solitäre, die eine Chance haben, sich abzusetzen. Die Tatsache, dass vermehrt Lizenzen ins Ausland verkauft werden, belegt den Erfolg des qualitativen Schwerpunkts.

Aber ich kann der Wüstenei-Begründung nicht nur aus diesem Grund nicht folgen. Der Zweck einer Würdigung liegt nicht nur im Erstrahlen des Preisträgers, sondern der ganzen Branche sowie der Buchkäufer (sic!). Generell befindet sich ja die Kochbuchszene unterhalb des öffentlichen und würdigungswerten Radars. Der Preis hat das für einen Moment verändert – aber leider versäumt, damit ein Stück weit alle engagierten Kochbuchmacher zu ermutigen. Wirklich schade. Nur der Preis ging an den richtigen Verlag zum passenden Zeitpunkt."

Urs Hunziker

Urs Hunziker © privat

Urs Hunziker, Verlagsleiter des AT Verlags in Aarau
 
"Ich freue mich für den Hädecke Verlag, der diesen Preis durch seine langjährige, kontinuierliche und konsequente Verlagsarbeit verdient hat. Der Verlag hat den Kochbuchmarkt über Jahrzehnte mitgeprägt. Dafür gebührt den Verlagsmenschen von Hädecke Respekt. Dass der deutsche Kochbuchmarkt eine 'Wüstenei' sein soll, ist aber eine völlig unqualifizierte Aussage dieser Jury.

Wer sich ernsthaft mit der Entwicklung des Markts auseinandergesetzt hat, wird unschwer feststellen, dass die Qualität der Inhalte, der Fotografie, der Grafik und der Ausstattung von Kochbüchern stetig höher geworden ist. Ich meine nicht die Massenware der Billigverlage, die mit lieblos zusammengeschusterten Zweitverwertungen den Markt überschwemmen. Die hat es immer gegeben und wird es immer geben. Doch es gibt eine ganze Reihe von Verlagen, die Kochbücher von höchster Qualität und mit viel Liebe fürs Detail produzieren. Diese Verlage treiben sich gegenseitig an. Ein gutes Beispiel sind die Kochbuchverlage der Vertriebskooperation Artfolio, zu der auch wir gehören."

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