Die Sonntagsfrage

Welche Rolle spielen Autorinnen in den Frühjahrsprogrammen, Frau Seifert?

Die Literaturwissenschaftlerinnen Berit Glanz und Nicole Seifert haben mit dem Hashtag #vorschauenzählen auf Twitter dazu aufgerufen, das Verhältnis zwischen Autorinnen und Autoren in den Frühjahrsvorschauen der Belletristikverlage unter die Lupe zu nehmen. Das Ergebnis: je größer das Renommee in der literarischen Welt, desto kleiner der Frauenanteil. Nicole Seifert über das Zählprojekt. 

Nicole Seifert

Nicole Seifert © Sabrina Adeline Nagel

Die Literaturwissenschaftlerin Berit Glanz und ich haben untersucht, wie hoch der Anteil von Autorinnen in den Frühjahrsvorschauen ist, weil seit der Studie #frauenzählen von 2018 immer wieder das Feuilleton in der Kritik stand. Autorinnen sind dort unterrepräsentiert – aber sind sie das nicht auch schon in den Verlagsprogrammen? Diese Frage tauchte immer wieder auf. Unser Fokus lag deshalb auf den literarischen Verlagen. Die Stichprobe umfasst die Vorschauen der Verlage, die 2019 einen Titel auf der SWR-Bestenliste oder in den letzten drei Jahren einen Titel auf der Longlist des Deutschen Buchpreises hatten. Ergebnis: in den belletristischen Hauptprogrammen der großen Häusern Hanser, Fischer, Rowohlt und Diogenes liegt der Anteil von Autorinnen in der Literatur bei erschreckend geringen 22 bis 30 Prozent. Dass es anders geht, zeigen etwa Luchterhand und Dumont, die es auf fünfzig Prozent bringen; noch darüber liegen beispielsweise Hanser Berlin und Kein und Aber. Unterm Strich ist das Verhältnis in den Frühjahrsvorschauen der literarischen Verlage 60 Prozent Autoren zu 40 Prozent Autorinnen – nur unwesentlich besser als im Feuilleton.

"Der Schieflage liegen geschlechtsbezogene Vorurteile zugrunde"

Nun lag der Sinn unserer Zählung natürlich nicht darin, den schwarzen Peter vom Feuilleton zu den Verlagen zu schieben. Es geht nach wie vor darum, auf ein strukturelles Ungleichgewicht aufmerksam zu machen und das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass dieser Schieflage geschlechtsbezogene Vorurteile zugrundeliegen. Es sind Vorurteile, die bereits in der Schule angelegt werden, wo der Eindruck vermittelt wird, was literarisch wertvoll ist, stamme bis auf wenige Ausnahmen von Männern. Dass auch Frauen Weltliteratur schreiben, bestreitet heute wahrscheinlich niemand Ernstzunehmendes mehr. Trotzdem bestehen die Kanones, die uns die überregionalen Zeitungen alljährlich wieder präsentieren, genau wie der von Denis Scheck veröffentlichte Kanon übrigens, zu rund 80 Prozent aus Autoren.

"Viel hängt von der Entschlossenheit der Programmverantwortlichen ab"

Die weit verbreitete Überzeugung, Frauen hätten früher nun mal leider nicht so viel geschrieben, ist Unsinn. Vielmehr sind Autorinnen in Vergessenheit geraten, eben weil sie nicht im selben Maße rezipiert und kanonisiert wurden. Es gibt deshalb unheimlich viel zu entdecken, und ein paar Verlage leisten da bereits seit Jahren großartige Arbeit, etwa Dörlemann, Edition Fünf oder Aviva. Diese Bemühungen dürfen jedoch kein Nebenprojekt bleiben: Da geht noch viel mehr. Und viel hängt eben von der Entschlossenheit der Programmverantwortlichen ab. Denn hier wird die Grundlage dafür gelegt, wem durch die Literaturkritik Wert zugeschrieben wird, wer Aufnahme in die Lehrpläne und in den Kanon findet, wer überhaupt in den Regalen von Bibliotheken und Buchhandlungen steht. Und beim Publikum gibt es ein großes Interesse an der Entdeckung vergessener Stimmen.

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