Michaela Philipzen und ihre Ullstein-Technologie-Strategie

Erst Klebeumbruch, dann "Product Owner"

Als Chief Technology Officer der Ullstein Gruppe entwickelt Michaela Philipzen Strahlkraft für die gesamte Branche: Bei der Buchproduktion denkt die Herstellerin strategisch, digital – und verlagsübergreifend. NILS KAHLEFENDT

Michaela Philipzen

Michaela Philipzen © Lukas Wehner

Als Michaela Philipzen im Herbst 2011 von Oetinger in Hamburg zu Ullstein nach Berlin wechselte, um dort die Produktionsleitung für gedruckte und digitale Medien zu übernehmen (ihr Vorgänger Harald Becker ging nach geschlagenen 45 Jahren in Ruhestand), war das ein Weg zu neuen Ufern. "Ich kannte die Publikumswelt noch nicht", erinnert sich Philipzen, "nach neun Jahren Kinderbuch wollte ich noch mal aufbrechen."

Wer das Herstellungsmetier kennt, weiß, dass ein Job, abhängig von Programm und Verlagsausrichtung, komplett anders zugeschnitten sein kann. Bei Oetinger, gut drei Jahre zuvor, war Philipzen anfangs nur für ein paar Verlagsbereiche zuständig, am Ende war sie Gesamtherstellungsleiterin der Gruppe mit Verantwortung an drei Standorten. In gewissem Sinn war der Weg nach Berlin aber auch eine Heimkehr, denn vor ihrem Oetinger-Engagement war Philipzen gut sechs Jahre Produktionsleiterin bei ­arsEdition, wie Ullstein Teil der Bonnier-Gruppe. "Ich habe den Austausch mit den Kollegen aus den anderen Häusern immer sehr genossen. Darauf habe ich mich gefreut."

Bei den Ullstein Buchverlagen hat Philipzen die klassische Verlagsrolle als Herstellerin erweitert und mit der Gesamtverantwortung für Technologie ausgekleidet – seit 2018 ist sie Chief Technology Officer der Verlagsgruppe, kurz CTO. Im Frühjahr 2019 wurde sie auf der Leipziger Buchmesse mit dem digital publishing award ausgezeichnet – in der neuen Kategorie "digital leader". Die Jury formulierte es so: Michaela Philipzen habe "innerhalb ihres eigenen Verlagshauses den strategischen Einsatz von Technologie stark vorangebracht und damit ein zukunftsweisendes Thema mit viel Initiative umgesetzt".

Ein Großteil dessen, was hier in blumiger Preis-Prosa umschrieben wird, hört auf den Namen Pepyrus. Unter dem Kunstwort, abgeleitet vom wichtigs­ten Beschreibstoff des Altertums und dem "e", das für elektroni­sches Papier steht, produziert Ullstein seit Anfang 2018 in einer selbst entwickelten Anwendung auf der Basis von HTML und PrintCSS unterschiedlichste Bücher. Durch den automatisierten Satz sollen Titel nicht nur schneller und günstiger entstehen, sondern auch formatneutral vorgehalten werden. "Es war ein Novum für die gesamte Bonnier-Gruppe, dass wir ein Budget bekommen haben, um selbst Software zu entwickeln", erinnert sich Philipzen. "Das ist etwas, was Verlage eigentlich nicht so machen."

Dass die Technik-Chefin hier, wie in der Software-Welt üblich, als "Product Owner" firmiert, sorgt in Buchbranche und Fachpresse schon mal für Augenreiben. Inzwischen erklärt Philipzen den Anglizismus so routiniert wie amüsiert: "In der IT-Welt ist der Product Owner der, der die Vision mitbringt, die Ziele absteckt, das Budget verantwortet, die einzelnen Fachabteilungen mit ins Boot holt – also den ganzen Vorgang orchestriert." Einen Vorgang, der es in sich hat. Denn neben der technologischen Innovation sind die Veränderungen über die Herstellungsabteilung hinaus weitreichend: Typografie-Standards, Produktions-Workflows oder Korrekturprozesse müssen mit den Kollegen neu ausgehandelt werden.

Philipzen ist eine Macherin, darin sieht sie auch selbst die große Klammer ihres Berufslebens. "Durch das Tun, das Handeln, bin ich ins Laufen gekommen, bevor ich ein Problem theoretisch analysiert habe." Das geht so, so lange sie zurückdenken kann: Damals, in ihrer Schulzeit in Sankt Augustin, war sie Chefredakteurin der Schülerzeitung "Kneifzange", die auf einer Kugelkopf-Schreibmaschine von IBM hergestellt wurde. Und weil sie den Jungs beim Klebe-Umbruch noch etwas vormachen konnte, zugleich Herstellerin – das Wort "Product Owner" war im Rhein-Sieg-Kreis der späten 80er Jahre noch nicht angekommen.

Das Arbeitsamt wollte die junge Frau, die kurz vorm Abi von der Schule ging, zur Druckvorlagenherstellerin machen. Philipzen aber wollte in einen Verlag, wurde auf eigene Faust in Bonn fündig. Zur Herstellung kam die Verlagskauffrau über eine Ausbilderin, für die sie die Schwangerschaftsvertretung übernommen hatte. "Ich bin da hängen geblieben, es hat mir gefallen." Noch vor dem Millennium-Bug kam sie dann mit der IT-Branche in Berührung; sie wurde Herstellungsleiterin bei Addison-Wesley, einem der ersten Computerfachverlage hierzulande. Ein entscheidender Spin ihrer Karriere.

In dieser Zeit, Mitte der 1990er Jahre, kam sie auch zum ersten Mal zur Herstellungsleitertagung ins Kloster Irsee – im Business-Kostüm vorbei an jovialen älteren Herren. "Ich war die gefühlt sechste Frau in einer fast lupenreinen Männergesellschaft." Ein Bild, anhand dessen ersichtlich wird, wie sich die Branche in den vergangenen 25 Jahren verändert hat.
     
Im 16-köpfigen "Pepyrus"-Team, dem auch ein halbes Dutzend Lektorinnen und Lektoren angehört, wird viel diskutiert, ganz besonders in der Phase, als das Projekt live geht; drei Meter lange Aushänge an den Bürowänden erinnern an die regelmäßigen Projektrunden. Theorie und Praxis systemgestützter Produktion sind eben zwei Paar Schuhe. Philipzen versucht, alle im Haus mitzunehmen: "Wenn man fürs Ganze steht, tut man sich bei der Umsetzung im Detail manchmal schwer", hat sie gelernt. Viele Fragen stellen sich neu, wenn man über Satz-Automation den Umbruch eines Tausendseiters auf Knopfdruck in zweieinhalb Minuten fährt. Für Michaela Philipzen (die gesteht, lieber auf Papier zu lesen) etwa: "Welche Qualität müssen wir dem Buch heute mitgeben? Und: Was ist das überhaupt, Qualität?"

Wer mit Webtechnologie Printprodukte herstellen will, das weiß Philipzen, sollte auch den Austausch mit anderen Verlagen suchen. Und so hat ihr Ullstein-Kollege Nils Tiemann bereits zum zweiten Mal Publikumsverlage von Diogenes bis Random House dazu eingeladen, miteinander auf der Frankfurter Buchmesse über Buchästhetik im PrintCSS-Zeitalter zu sprechen. Es geht um ein gemeinsames Verständnis neuer typografischer Regeln – und um die Frage, welche Qualitätsanforderungen mit der jungen, smarten Technologie umsetzbar sind.

Es sind solche Initiativen, mit denen Michaela Philipzen regelmäßig Strahlkraft und Wirkung für die gesamte Branche entwickelt – und die Digitalisierung der Buchlandschaft vorantreibt. Dazu gehört auch die Brancheninitiative zur Erarbeitung offener Standardschnittstellen für die Verlagsindustrie, die sie unter dem Label "Integrating the Publishing Environment" (IPE) zusammen mit Berater Alexander Markowetz angeschoben hat. "Wir können den etablierten Plattformen nur die Stirn bieten, wenn wir im Kollektiv Antworten finden", sagt Philipzen. Anders als die Ini­tiative clic-edit in Frankreich, die eine Vereinsstruktur aufgebaut hat, soll IPE eher als "minimal viable community" (Markowetz) arbeiten. "Bonnier teilt seine bisherige Schnittstellenbeschreibung, der Nächste macht dann andere Applikationen."

Mithilfe des Börsenvereins und seines Berliner Büros wurde inzwischen in Brüssel ein Vorantrag auf EU-Geld gestellt – zur Fortsetzung der IPE-Arbeit. Nutzt solch eine Initiative am Ende nur den Big Playern? "Letztlich leben die Großen in einem Ökosystem von vielen Kleinen", meint Philipzen. Als Modell für IPE sieht sie eher die Presse einer Winzer­gemeinschaft in einem französischen Dorf. "Da dürfen alle ran."

Wer wie Michaela Philipzen im kräftezehrenden Tagesgeschäft steckt, nimmt das Gelingende nur ausschnitthaft wahr. "Das Wenige, das ich bewege, führt schon zu einer Auszeichnung?", fragt sie sich in nachdenklichen Momenten. Will sagen: Eigentlich geht doch da noch viel mehr, oder? Durch den Preis hat ihre Arbeit mehr Sichtbarkeit nach außen bekommen, aber es ist nicht so, dass sich ihr nun alle Türen automatisch öffnen: "Der Alltag ist eine Herausforderung."

Michaela Philipzen


Ihre ersten Printprodukte betreute die Herstellerin schon in der Schule, als Chefredakteurin der Schülerzeitung "Kneifzange". Die Verlagskauffrau kam über eine Vertretung zur Herstellungsarbeit, wurde später Herstellungsleiterin beim Computerfachverlag Addison-Wesley. Nach Stationen bei Hanser, arsEdition und Oetinger wechselte sie 2011 als Produktionsleiterin zu den Ullstein Buchverlagen, wo sie 2018 als CTO die Technische Leitung übernahm. Vor einem Jahr wurde sie auf der Leipziger Buchmesse für ihren strategischen Technologie-Einsatz mit dem "digital publishing award" geeehrt – in der Kategorie "digital leader".  

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