Reisebücher

Storytelling ist angesagt

Reisebücher müssen in erster Linie anregen und Raum für Fantasie bieten – meint David Ruetz, Chef der weltweit größten Reisemesse, der ITB in Berlin. Damit sind sie für ihn ein Spiegel der gesamten Branchenentwicklung.

David Ruetz

David Ruetz © ITB

Die Reisebranche befindet sich in einem massiven Umbruch. In kaum einem anderen Bereich manifestiert sich derartig der Wunsch nach Individualität und Ausdruck des persönlichen Geschmacks. Blicken wir Jahre oder sogar Jahrzehnte zurück, lag die die »Hoheit« über Reisewissen in ausgewählten Händen. Reisebüros hatten einen regelrechten Alleinanspruch auf Fachwissen. Sie entschieden in vielen Fällen maßgeblich für ihre Kunden, welches Reiseziel zu ihnen passt. Ihnen standen schließlich Informationsquellen zur Verfügung, die ihren Kunden oft verwehrt blieben.

Für die Autoren von Reisepublikationen galt Ähnliches – sie hatten einen gewaltigen Wissensvorsprung gegenüber ihren Lesern. Ihre Rechercheleistung mündete in zahlreiche konkrete Tipps von der besten griechischen Taverne bis hin zu den Top-Stränden auf einer traumhaften Seychellen-Insel. Autoren und Reiseberater haben gleichermaßen Konkurrenz bekommen: nämlich von ihren eigenen Kunden beziehungsweise Lesern. Low-Cost-Airlines, Airbnb und Kreuzfahrtanbieter haben die Welt sprichwörtlich näher an jeden Einzelnen heranrücken lassen. Die Reise ist kein einzigartiges Jahresevent mehr, sie ist beinahe Alltag für viele von uns. Der Wissensschatz wächst!

Traumstrände, zum Greifen nah

Die Art zu recherchieren hat sich durch das Internet natürlich massiv verändert. Mit wenigen Klicks finden Reisende heute so versiert wie nie zuvor zu den Hotspots der jeweiligen Destination. Befeuert hat die Entwicklung die große WLAN-Verfügbarkeit auf Reisen sowie der Wegfall von Roaminggebühren im EU-Ausland. Die konkreten Tipps eines gedruckten Reiseführers haben es da natürlich schwer, sich zu behaupten. Dies gilt umso mehr angesichts von Influencern und Bloggern, die für viele Reisende wertvolle Tipps aufs Handy bringen und uns mit starker Bildsprache Traumstrände und exotisches Essen zum Greifen nah erscheinen lassen.

Was heißt das für die Buchbranche? In erster Linie, dass die Rolle der Informationen in den Hintergrund tritt. Diese wird zunehmend ersetzbar. Was zählt – und viele Verlage haben dies für sich bereits erkannt – ist Inspiration. Sie kommt vermutlich niemals aus der Mode.

Ein Reisebuch muss Ideen und Anregung schaffen

Es muss den Charakter einer Empfehlung wie durch gute Freunde haben. Dadurch lassen sich Reisende heute am stärksten inspirieren. Fesselnde Bilder und emotionsreiche Sprache im Stil des Story­tellings beeinflussen maßgeblich. Die Sieger unserer diesjährigen ITB BuchAwards spiegeln all dies wider. Bei der Jury punkten konnten insbesondere die Titel, die den Leser regelrecht in ein Reiseziel hineinziehen und es schaffen, seine Fantasie durch Bilder und Sprache zu beflügeln. Eingehende Recherche wird vor allem dann vom Leser honoriert, wenn es sich um ein Special-Interest-Segment handelt – so etwa bei den Themen Wandern, Segeln, Birdwatching, Kulinarik, Wein oder aber bei exotischen Ländern wie Namibia, bei denen die ausgiebige Recherche einen enormen Mehrwert für den Leser darstellt und nicht so leicht durch schnelles Googeln mit dem Handy zu ersetzen ist.

Nicht zuletzt ist auch beim Lesen Interaktivität und Digitalisierung gefragt. Punkten können Verlage und Autoren oftmals dann, wenn sie es schaffen, das Gedruckte mit dem (mobilen) Internet zu verbinden – sei es durch QR-Codes für weiterführende Infos am Zielort oder den Einsatz von Augmented Reality.

Flugscham, »Overtourism« und Klimawandel stellen die globale Tourismusbranche vor große Herausforderungen. Ohne eine Neuausrichtung ist der Tourismus nicht zukunftsfähig und so, wie wir ihn heute kennen, gefährdet. Die ITB Berlin (4. – 8. März) stellt die Kongressausgabe 2020 daher unter das Motto »Smart Tourism for Future«. Auch für die Verlagsbranche dürfte dies Auswirkungen haben, da sich Reisende kritischer denn je mit Ländern und Regionen auseinandersetzen.

Mehr zum Thema Reise lesen Sie in unserem Börsenblatt Spezial Reise & Sprache (Heft 8), das heute erschienen ist.

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