Es ist einfach so: Belletristik wird im Buchhandel wie in der Öffentlichkeit weitaus stärker als das Sachbuch wahrgenommen. Woran liegt das?
Zum einen gibt es rein faktische Gründe: Die Belletristik-Bestseller haben in aller Regel einfach mehr verkaufte Exemplare pro Titel als die Sachbuch-Seller; beim Sachbuch gibt es zwar – wie jetzt bei Helmut Schmidt – sehr hohe Spitzen, aber ab Platz 5 geht es dann oft schon mit den Verkaufszahlen wieder steil bergab.
Zum anderen hängt bei uns die öffentliche Wahrnehmung eines Titels – und damit der Verkauf – stark mit dem Autor zusammen: Beim Sachbuch treten die Autoren meist hinter ihr Sujet zurück und werden über ihr Thema definiert: Vom diesem Buch über das geheime Leben der Bäume haben die meisten Leser inzwischen gehört, – aber wie hieß noch mal der Autor?
Für die öffentliche Wahrnehmung sorgen zudem Auszeichnungen – und da gibt es für belletristische Bücher eindeutig ein viel breiteres Angebot: den Literaturnobelpreis, den Deutschen Buchpreis, den Büchnerpreis und viele weitere. Beim Preis der Leipziger Buchmesse gibt es zwar eine Sachbuchkategorie, aber die kommt schon in der Dramaturgie der Preisvergabe (und damit auch in der Wahrnehmung) eher wie eine Vorgruppe des Belletristikpreises daher.
Dazu kommt: Im literarischen Autor sieht man, wie im 19. Jahrhundert, noch immer das eigentliche schöpferische Genie, im Sachbuchautor eher den geschickten Handwerker. Selten wird der Stil eines Sachbuchautors als Qualitätsmerkmal gerühmt; ein Alain de Botton oder ein Edmund de Waal zum Beispiel sind da eher die Ausnahmen. Über solche Bücher ist die Freude im Buchhandel dann aber meist besonders groß. Oder über Bücher, die originelle Sichtweisen einbringen: Beim Galiani-Sachbuch-Bestseller des Jahres etwa, Bruno Preisendörfers "Als Deutschland noch nicht Deutschland war. Reise in die Goethezeit", kam zu einem Thema, das viele interessiert (Goethezeit), die originelle Herangehensweise (Zeitreise) – und dazu noch die Sprache; Preisendörfer ist ja eigentlich Romanautor. So kann ein Buch auch ohne prominenten Autor erfolgreich werden.
Wenn nicht Prominente wie Helmut Schmidt, der Papst, der Dalai Lama oder Franz Alt (aktuell die Toptitel im Sachbuchranking) für Aufmerksamkeit sorgen, dann ist es oft ein aktuelles Thema, die derzeitige politische Lage oder ein "Aufregerthema". Ich nenne diese Bücher "Lawinenbücher" – sie beschäftigen sich mit medienaktuellen Themen, erzeugen gewaltiges Echo, altern aber oft rasend schnell und sind nicht selten bald vergessen.
Im Gegensatz dazu stehen die "Gletscherbücher", C. H. Beck kann die besonders gut, in denen Fachleute, die sich seit Jahrzehnten mit einem Thema beschäftigen, aus einem riesigen Wissensfundus heraus große Themen behandeln, die dann nachhaltig den Blick auf die Welt und ihre Wandlungen ändern und an den Fundamenten unserer Weltsicht schmirgeln.
Man sieht: Auch im Kosmos des Sachbuchs gibt es verschiedenste Monde, Planeten Sonnensysteme und Milchstraßen.
Gastspiel von Wolfgang Hörner
30. Dezember 2015
Damit Sachbücher aus dem Schatten der Belletristik treten können, müssen sie mit Prominenz, Originalität oder einem untrüglichen Themeninstinkt punkten, analysiert Wolfgang Hörner, Verleger von Galiani Berlin.