Interview mit Kerr-Preisträgerin Marie Schmidt

"Wir werden als Experten dafür bezahlt, Literatur zu beurteilen"

20. März 2019
von Börsenblatt Online
Was heißt heute Literaturkritik? Welche Rolle spielt sie in der öffentlichen Meinungsbildung? Muss sie neue Wege gehen? Börsenblatt Online hat darüber mit Marie Schmidt, der heute der Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik 2019 verliehen wird, gesprochen.    

Die Debatte um Takis Würgers Roman „Stella“ hat eine Kluft zwischen Literaturkritikern auf der einen Seite sowie Buchhändlern und Lesern auf der anderen Seite offenbart. Wird Literaturkritik heute nicht mehr als verbindlich aufgefasst?
Das verstehe ich nicht als Ziel von Literaturkritik. Verbindlichkeit ist etwas für Kaufleute oder Gesetzgeber. Wir als Literaturkritiker können nur mit dem Wissen, über das wir verfügen, und mit der Lektürepraxis die innere Dynamik und die gesellschaftliche Rolle eines Buches zeigen. Allgemeingültige Gesetze, wie und ob man etwas lesen darf, können wir nicht aufstellen. Als professionelle Leserin muss ich aber schon sagen können, ob ein Buch katastrophal oder ein Symptom für gefährliche gesellschaftliche Entwicklungen ist. Bei „Stella“ ist das der Kritik in beeindruckender Weise gelungen, mit überzeugenden sachlichen Gründen.

Gründe, die viele Leser offenbar in den Wind schlagen ...
Es gibt eine natürliche Solidarität zwischen Lesern und Autoren. Ob es wirklich eine Kluft zwischen Lesern, Buchhändlern und Kritikern gibt, bezweifle ich, denn der im Börsenblatt veröffentlichte Brief von Buchhändlern ist ja doch ein überschaubares Phänomen. Andere Buchhändler legen „Stella“ gar nicht aus, und es gibt ebenso Leser, denen bei einem solchen Buch Zweifel kommen. Denen fühlen wir uns verpflichtet, wenn wir sie bei der literarischen Urteilsbildung unterstützen.

Es geht also um ästhetische Urteile ...
Takis Würger ist insofern ein Sonderfall, als hier die ethische Problematik, der Umgang mit der Erinnerungskultur in Deutschland, im Vordergrund steht. Die institutionellen Strukturen spielen dabei auch eine Rolle: Das Buch ist als Spitzentitel im Verlag von W.G. Sebald und Primo Levi erschienen, und nicht bei einem Liebesroman-Imprint.

Was verstehen Sie heute unter Literaturkritik?
Literaturkritik ist in der Lage, den gesellschaftlichen Großbereich der Literaturproduktion als Freiraum darzustellen, in dem sich Vordenkerisches und Spielerisches ereignet. Sich bestimmten Narrativen und Konstellationen zu nähern, die dann in anderen gesellschaftlichen Bereichen im Ernst verhandelt werden, ist die gesellschaftliche Rolle der Literaturkritik. Und diese Funktion muss sie wahrnehmen und ausfüllen. Das muss sie frei tun können, unabhängig von jedem Interesse.

Geht es also darum, Impulse der Literatur sichtbar zu machen und in den gesellschaftlichen Diskurs einzuspeisen?
Literatur im weitesten Sinne – wozu ich neben der schönen Literatur auch die Philosophie rechne – schafft den Freiraum. Wir sind dann die ersten, privilegierten Beobachter, die durch unsere Texte den Diskurs in Gang bringen. Je mehr man sich der Freiheit des Berichtsgegenstands bewusst ist, desto eher kann man auch auf dieser Freiheit selbstbewusst bestehen.

Will die Kritik auch literarische Qualitätsstandards etablieren?
Ich bin ziemlich davon überzeugt, dass Standards nicht von außen kommen können, sondern dass Bücher ihre Zielsetzungen und Horizonte, die Kriterien für ihre Beurteilung selbst setzen. Meine Aufgabe ist es dann, zu sehen, ob die Ziele, die sich Bücher setzen, erreicht werden können und ob sie den selbstgesetzen Ansprüchen gerecht werden. Das heißt auch, sie ernst zu nehmen. Wenn man zum Beispiel wie im Falle von Takis Würger sein Buch bei Hanser über einen solchen Stoff veröffentlicht, weckt man implizit bestimmte Erwartungen, was die Komplexität und die ethische Zuverlässigkeit der Darstellung betrifft. Und dann verwirkt man auch das Recht auf Trivialisierung.

Funktioniert die klassische Buchrezension noch – oder muss man neue Wege gehen?
Ich halte mich nicht mehr an die traditionelle Form und werbe dafür auch bei meinen Kollegen. Die Besprechung eines Buches aus einem mittelgroßen Verlag für eine Zielgruppe mittlerer Größe, das man mittelmäßig findet, ist als solches in der Aufmerksamkeitskonkurrenz aller Medien heute kein Ereignis mit Neuigkeitswert mehr. Ich muss einen für unsere Leser und ihre Gegenwart relevanten Rahmen schaffen, und meistens geben Bücher den ja auch selber vor. Denn jedes Buch ist eine Antwort auf eine Frage, die sich in der Wirklichkeit stellt. Das kann eine politische, aber auch eine emotionale Problematik sein, ein ewiges Phänomen wie die Liebe oder eine formale Frage, zum Beispiel der Sprachebene. Der Leser kann von einem solchen Artikel profitieren und einige Gedanken mitnehmen, ohne das Buch gelesen zu haben. Wenn er dann später zufällig auf das Buch stößt, fallen ihm diese Gedanken vielleicht wieder ein, und er will es selbst lesen. Als studierte Komparatistin habe ich gelernt, dass man über Bücher oft wesentlich mehr aussagen kann, wenn man sie miteinander vergleicht.

Hat die Literaturkritik als Faktor der öffentlichen Meinungsbildung an Einfluss verloren und einen Teil ihrer Hoheit an Blogs und Leser-Communitys abgegeben?
Ich höre immer wieder, die Literaturkritik habe an Einfluss verloren. Da fehlt mir ein wenig der Erfahrungsüberblick und ich frage mich, von welchen goldenen Zeiten da die Rede ist. Außerdem kann man nicht mehr von der Öffentlichkeit sprechen, sondern von vielen Teilöffentlichkeiten. Ich stelle mir dann immer eine ideale Zeit vor, in der der Literaturkritiker spricht, und die Bundeskanzlerin hört ... War das jemals so? Der Würger-Fall war eine Sternstunde der Literaturkritik, mit vielen individuellen Beiträgen. Und da hat man auch gesehen, dass die Blogger-Szene einen ganz eigenen Blick auf die Sache wirft. Ich glaube, dass es immer verschiedene Herangehensweisen und Pragmatiken beim Lesen gegeben hat, die man jetzt nur stärker gleichzeitig wahrnimmt. Das verlangt einem als Kritiker eines großen Massenmediums eine gewisse Demut ab. Ich finde das aber sehr anregend, und es nimmt sich gegenseitig auch nichts weg. Jedes behauptet seine eigene Sprechweise und sein eigenes Publikum.

Werden in der "Stella"-Debatte auch anti-intellektuelle Impulse spürbar?
Das Vorurteil, Kritiker würden weit entfernt von der Leserschaft aus dem Elfenbeinturm heraus Literatur bewerten, geht auf einen anti-intellektuellen Impuls zurück. Denn wir werden als Experten dafür bezahlt, Literatur zu beurteilen. Man würde sich auch nicht am offenen Herzen operieren lassen und sagen, der Herzchirurg ist zu weit entfernt von meiner Hausapotheke. In geistig-emotionalen Angelegenheiten nimmt man das Expertentum aber übel. In Erinnerung an den Namensgeber dieses Preises muss man ergänzen, dass die anti-intellektuelle Note immer auch ein altbekanntes antisemitisches Klischee bedient. Alfred Kerr war etwa wegen seiner jüdischen Herkunft von der akademischen Laufbahn ausgeschlossen und in gewisser Weise zu der freischwebenden Intellektualität gezwungen, die man auch Kritikern bis heute übel nimmt.

Welche Scheibe könnten sich Literaturkritiker heute von Kerrs Stil abschneiden?
Was mich sehr beeindruckt, ist das Bekenntnis zur Kürze. Das tut guten Gedanken keinen Abbruch. Und dann kann der von Kant geprägte Wahlspruch "Aude sapere!“, den Kerr sich auf die Fahnen schrieb, meiner Generation, der ersten "digitalen", die glaubt, die Welt neu erfunden zu haben, nicht schaden. Wir haben noch sehr viel zu lernen und vorgefundenes Wissen anzuerkennen, wenn wir sinnvoll über Literatur sprechen wollen.

Zur Person
Die Kritikerin und Journalistin Marie Schmidt wurde 1983 in München geboren. Sie studierte Komparatistik und Kulturwissenschaften und wurde an der Deutschen Journalistenschule München ausgebildet. Nach einigen Jahren als freie Autorin und Redakteurin für das Feuilleton der "Zeit" wechselte sie im Sommer 2018 als Literaturredakteurin zur "Süddeutschen Zeitung". Sie war Mitglied der Jurys des Wilhelm-Raabe-Literaturpreises der Stadt Braunschweig 2017, des Lessing-Preises der Freien Hansestadt Hamburg 2017 und des Marie-Luise-Kaschnitz-Preises der Evangelischen Akademie Tutzing 2019.

Der Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik wird heute, 21. März, um 14 Uhr auf der Leipziger Buchmesse verliehen (Halle 5, Stand H 309, Forum "Die Unabhängigen").