Die Sonntagsfrage

"Leseförderung gemeinsam – was kann der unabhängige Buchhandel tun, Herr Witton?"

2. August 2019
von Börsenblatt Online
Die Märchenbuch-Aktion der Stiftung Lesen hat im Sortiment überwiegend für Fassungslosigkeit gesorgt. Und jetzt? Könnte der unabhängige Buchhandel vielleicht gemeinsam ein eigenes Projekt zur Leseförderung auf die Beine stellen? Dennis Witton von der Buchhandlung WortReich in Kerpen-Horrem hat da mal eine Idee.

Als in der vergangenen Woche die Nachricht durchsickerte, dass die Stiftung Lesen in Kooperation mit Amazon, Hugendubel und Thalia eine große Verschenkaktion anlässlich des Weltkindertags plant, war die Empörung im Sortiment groß. Viele Kolleg*innen  waren fassungslos ob der Tatsache, dass eine solche Aktion unter Ausschluss des unabhängigen Buchhandels konzipiert und durchgeführt werden soll. In einem Interview versuchte der Vorstandsvorsitzende der Stiftung, Joerg Pfuhl, die Wogen zu glätten - und hat die ganze Sache eigentlich noch verschlimmbessert.

Den Buchhändler*innen attestierte Pfuhl im Börsenblatt online einen "Empörungsreflex" und meinte, dass es doch in aller Interesse sei, "neue Leser zu finden und zu binden". Dass Leseförderung und Kundenbindung zu den Kernkompetenzen der Buchhändler*innen im Land gehören, scheint er dabei übersehen zu haben. Ein Gespräch mit Kolleg*innen hätte helfen können. Vielleicht hätte ihm dann auch jemand gesagt, dass eine Märchensammlung nicht die allerbeste Idee ist. Anscheinend können wir aber von der Stiftung Lesen nicht mehr viel erwarten.


Zeit für ein eigenes Buch!

Deswegen meine ich: Es wird Zeit, dass wir alle zusammen zeigen, was wir leisten und was wir können! Wir sind dabei weder auf die Stiftung Lesen noch auf den Börsenverein angewiesen. Letzterer ist meiner Meinung dazu da, unsere Außenmauern zu schützen und diese Aufgabe erfüllt er in meinen Augen gut. Was sich innerhalb der Mauern abspielt können und sollten wir selber gestalten. Soll die Stiftung Lesen gerne weiter Billig- und Umsonstbücher (deren Qualität oftmals den Preisen entspricht) in Discountern und Fastfoodketten unterbringen. Das kann für uns nicht der Weg sein.

Mir geht es nicht einfach darum, ein weiteres Verschenkbuch zu entwerfen und unter die Leute zu bringen. So funktioniert Leseförderung nicht. Bücher sind nicht einfach Giveaways, die man wie Taschentücher, Feuerzeuge und Einkaufswagenchips raushaut, in der Hoffnung, die Beschenkten würden sich jedes Mal freuen, wenn sie das Geschenk in Händen halten. Mir geht es darum zu erzählen, wieviel Spaß Bücher machen können. Leseförderung muss in diesen Tagen nicht mehr nur für Kinder geleistet werden. Die Quo-vadis-Studie zeigt uns sehr deutlich, dass es in fast allen Altersstufen Förderbedarf gibt. Mit einem Buch für Groß und Klein könnten wir mit etwas Glück viele Menschen erreichen.

Die Idee dahinter ist, dass wir in diesem Buch Geschichten von Leseerlebnissen sammeln. Wie war das mit meinem ersten Buch?  Was hat das Lesen mit mir gemacht? Es sollen ganz persönliche Erzählungen sein, die von Lachen, Träumen, Trost und neuen Horizonten erzählen. Dabei soll kein Literaturkanon entstehen; davon gibt es definitiv genügend. Ich würde gerne vielen Menschen davon erzählen, dass die Beziehung zu Büchern oftmals ein Leben lang dauert, dass es aber auch Brüche geben kann, dass man sich manchmal aus den Augen verliert und dann irgendwann wiederfindet und man dann merkt, was einem die ganze Zeit gefehlt hat.

Unser Buch soll Kindern und Erwachsenen zeigen, dass Bücher Kraft haben. Und es soll uns zeigen, dass wir Kraft haben. Wir können gemeinsam eine ganze Menge leisten, wenn wir all unsere Kompetenzen und unser Engagement in die Waagschale werfen. Natürlich gibt es viele andere gute Ideen, die man  verwirklichen kann. Ich würde gerne mit dieser anfangen. Auf meine erste Nachfrage bei facebook haben über 50 Buchhändler*innen, Autor*innen und Verleger*innen positiv reagiert. Ich hoffe, sie bleiben alle im Boot wenn es darum geht, die Idee in die Tat umzusetzen. Es braucht Menschen mit Lust, Engagement und Freude. Da mache ich mir eigentlich keine Sorgen. Darüber hinaus kostet das Ganze natürlich auch Geld. Es wäre schön, wenn es daran nicht scheitern würde.



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