"Trost durch Schönheit" - Joachim Güntner schreibt in der "NZZ":
Wenn der deutsche Bundespräsident, in dessen Beisein die Bibliothek heute feierlich wiedereröffnet wird, seine «Ehrenführung» durch das Gebäude erhält, dann begegnet ihm keine auf alt getrimmte Pseudohistorie. Weit über neunzig Prozent der Baumaterialien sind wirklich alt. Es sind die originalen Bücherregale, Verkleidungen und Dielen. Man hat sie zum grossen Teil ausbauen müssen und andernorts aufgearbeitet; Handwerker und Restauratoren unterschiedlicher Provenienz teilten sich die Arbeit wo etwa die Thüringer, als Spezialisten für Farbe, sich beim Werkstoff Holz nicht hinreichend souverän fühlten, kamen die Sachsen zum Zuge. Es riecht im Haus nach Lösungsmittel und frischem Anstrich, doch nirgendwo stellt sich der Eindruck ein, man werde mit einem Remake konfrontiert. Unsere Sorge, die wiederhergestellte «Anna Amalia» könne zwangsläufig nur ein Abklatsch der früheren sein, womöglich eine Art historisierende Puppenstube, war überflüssig. Die Bibliothek wurde restauriert, nicht rekonstruiert. Das ist ein gewaltiger Unterschied. Weil alles, was üppig geschminkt ist, einen Stich ins Vulgäre bekommt, haben es auch die Restauratoren der HAAB sorgsam vermieden, ihrem Objekt ein allzu glattes Gesicht zu verpassen. Dellen und Unebenheiten, sogar offene Fugen in den Regalen blieben erhalten. Dasselbe gilt für Gefälle im Fussboden. Ohne ästhetische Folgen blieb, dass der Boden im Rokokosaal, um ihm Stahlträger anstelle der von Schwamm befallenen Balken einzuziehen, vorübergehend um einige Zentimeter «hochgeschraubt» werden musste. Von den verbrannten Gemälden wurde nur ein einziges reproduziert: Johann Heinrich Meyers Allegorie «Genius des Ruhms». Wie früher begegnet es dem Blick zur Decke, wenn man durch den Okulus im Fussboden der zweiten Galerie hinaufblickt. Und wie Meyers Arbeit entzückt auch diese Kopie durch die Illusion grosser perspektivischer Tiefe.
"Schöne alte Schwarte" - die "Frankfurter Rundschau" schreibt zur Wiedereröffnung der Anna-Amalia-Bibliothek:
Goethe sollte, das Materielle wie das Ideelle zusammenlesend, wie immer vorausschauend wirken. Denn vom heutigen Tag aus gesehen war es der Kabelbrand in einem maroden Gebäude, der eine unvorhergesehene Dividende des ungeheuren kulturellen Kapitals der Anna Amalia Bibliothek ausschüttete. Und so ist die feierliche Wiedereröffnung das Resultat eines außerordentlichen Engagements der öffentlichen Hand, der Politik und der Klassik Stiftung Weimar, sowie einer längst märchenhaften Spendenaktion, vom privaten Förderer bis hin zur Allianz Kulturstiftung. So präsentiert sich mit der Sanierung wieder ein ganz besonderes Schaubild - das heißt, wenn man vor dem eigentlich vierteiligen Gebäude steht, von links nach rechts: der Anbau Clemens Wenzeslaus Coudrays von 1849; das Grüne Schloss von 1565 mit der darin eingebauten Bibliothek von 1766; der Goethe-Anbau von 1805; und der Bücherturm, der 1825 mit seiner Vorhalle und Aufstockung aus der Stadtbefestigung von 1453 hervorging. Das berühmte Ensemble ist so etwas wie ein leicht heterogener Zusammenklang, den man vom Platz der Demokratie vor Augen hat. Architektur als Zeitleiste, die mit allen Rokokoelementen und klassizistischen Nuancen von dem Architekten Walther Grunwald (und seinen Partnern) vorgenommen und feinsinnigst herauspräpariert wurde.
"Krasse Borniertheit" - Wolfram Schütte thematisiert im Titel-Magazin das Verhältnis der FAZ zu Günter Grass:
Seit es den real existierenden Sozialismus östlicher Prägung nicht mehr gibt, hat dessen Methode, unliebsame Autoren öffentlich totzuschweigen, einzig in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung noch eine Heimstatt gefunden. Wie schön, das zu wissen. ... Die Allmacht, die der unumschränkte Herrscher, der Souverän, besitzt, ist jedoch erst wirklich & offensichtlich souverän, wenn der Allmächtige sich erlaubt, hin & wieder oder auch nur momentan von seiner Macht abzusehen und sie nicht auszuüben. Souverän nennt man deshalb im alltäglichen Gebrauch des Wortes jemanden, der über seinen Schatten springt und (meistens unerwartet, also überraschend) gegen seine Allmacht verstößt und sogar einem Feind den schuldigen Respekt erweist (feudalistisch gesprochen). Darin würde sich (mit machiavellistischem Kalkül gedacht) erst aufs Subtilste die Suprematie des Souveräns erweisen.
Dazu ist aber die Frankfurter Allgemeine Zeitung nicht in der Lage. Sie ist unsouverän, nämlich zu (all)gemein & borniert, zu rachsüchtig & egozentrisch, zu kleinkariert & (ja) dumm und dreist, um dem eigenen Anspruch des feudalistischen Souveräns für Deutschland zu entsprechen. Das offenbarte ihr jetziger Umgang mit dem 80. Geburtstag des deutschen Literaturnobelpreisträgers Günter Grass, dem sie eine exzentrische, wahrhaft idiotistische Glosse widmete - und sonst nichts. Dem Autor des seltsamen Gemurmels ist diese Grille nicht anzukreiden, der Feuilletonredaktion in toto aber sehr wohl.