Was von einer Buchmesse bleibt, lässt sich gar nicht so einfach sagen. Ja, natürlich, alle Lesefähigen werden umgehend Julia Francks prämierten Roman »Die Mittagsfrau« erstehen; wir werden uns wenigstens ein paar Wochen lang intensiv um die katalanische Literatur kümmern und gespannt darauf warten, wann endlich die schon jetzt legendenumwobenen Memoiren Keith Richards bei uns herauskommen.
Doch seien wir ehrlich: Sind es nicht die kleinen, unscheinbaren Erlebnisse einer Messe, die in uns nachwirken? Sind es nicht Begegnungen am Rande, die sich für immer und ewig in unser Herz eingraben?
Ich zum Beispiel ziehe vielerlei Lehren aus meinen Frankfurter Tagen und werde nie mehr ohne Ersatzschnürsenkel zur Messe fahren. Denn wie unangenehm ist es, morgens tatenfroh das Schuhband so engagiert zuzuknoten, dass es jählings reißt und sich die Hotelrezeption außerstande sieht, umgehend für Ersatz zu sorgen?
Aspirin, Metavirulent, Handcreme, Brillenputztücher, Visitenkarten ... alles führte ich in mehrfacher Ausfertigung mit, nur an Schnürsenkeln mangelte es in diesem Jahr. Das soll nie wieder passieren!
Und natürlich vergesse ich nie, an welch rührenden Szenen ich im Messetrubel teilhaben durfte. Beispielsweise als Volker Weidermann, Redakteur der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung«, erregt die handgeschriebenen Messeaufzeichnungen des Verlegers Michael Krüger in Empfang nahm. Oder als der Schriftsteller Gisbert Haefs auf mich zustürzte und mich fragte, ob es stimme, dass ich demnächst den Rotbuch-Verlag übernehmen werde.
Oder als ich beim Suhrkamp-Kritikerempfang dem dänischen Autor Knud Romer als Erstes ein Glas Rotwein übers blütenweiße Hemd goss. Oder als mich nächtens bei S. Fischer eine attraktive Dame bat, sie im Taxi rasch zum Hauptbahnhof mitzunehmen, und sich diese dann als die Schriftstellerin Jagoda Marini erwies, deren Roman »Die Namenlose« ich deshalb lesen werde.
Ob auch der Handel darauf anspricht, weiß ich nicht. Immerhin wird er von den mittelfristigen Wirkungen der Buchmesse profitieren, von der perfekten medialen Aufbereitung des Buchpreises etwa und von jenen Büchern, deren Rang die Messe herausstellte, also von Joschka Fischers Erinnerungen, Cornelia Funke, Richard Ford und Doris Lessing.
Und vielleicht wird auch Heinrich Detering, der vielseitig talentierte Literaturwissenschaftler, mit seinem »Großen Reclam Buch der deutschen Gedichte« dadurch zum Weihnachtsrenner. Denn auf dem wunderbaren Messeabend des Reclam Verlags, wo es immer eine Spur gelassener zugeht als in den Finger-Food-Vorhöllen anderer Häuser, saß und trank ich, umgeben von reizenden Menschen, und durfte zusehen, wie sich Professor Detering anschickte, die Gäste mit alten Bob-Dylan- und Beatles-Nummern zu erfreuen.
Ihm, dem Göttinger Gelehrten, in Jeans und weißem Hemd bei Versen wie »There will be an answer, let it be« zuzuhören, das war tröstlich, und das wird bleiben.
Vorüber und vergessen? Oder ist die Messe für Sie von Langzeitwirkung? Diskutieren Sie mit uns.