Presseschau

Wiedereröffnung der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar

25. Oktober 2007
Redaktion Börsenblatt
Die vor drei Jahren durch einen Brand zerstörte Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar wurde gestern wiedereröffnet. Insbesondere der Rede von Bundespräsident Horst Köhler widmen die Feuilletons heute ihre Aufmerksamkeit.
"Weimar glänzt" - in der "Welt" heißt es zu diesem Thema: Bundespräsident Horst Köhler hielt in Weimar eine der besten Reden seiner Amtszeit. Er ging der Frage nach, warum es so viele Menschen so stark berührt, wenn Bibliotheken brennen. Über Umberto Eco, Hans Blumenberg und die Bibel kam er zum Buch als Metapher für Erkenntnis und Verstehen schlechthin und zum Wort als dem Bauprinzip einer Welt, „die im Prinzip vernünftig ist“. Am Anfang war das Wort und nicht die Tat, wie Faust meinte übersetzen zu müssen und deshalb zum Teufel ging. Köhler blieb klar, verständlich, fast volkstümlich, auch wo er sich in lichte philosophische und literarische Höhen aufschwang. Köhler unterstreicht den Wert der Bibliotheken Auch er meinte es ernst. Als er zu einem engagierten Plädoyer für die Erhaltung und Verbesserung des öffentlichen Bibliothekswesens in Deutschland ansetzte, war jedem klar, dass er damit am Tag der Bibliotheken nicht nur den Berufsstand der Bibliothekare streicheln wollte, sondern dass es ihm tatsächlich ums Ganze ging, um jenes „Schwarzbrot“, ohne das die Kulturnation oder die Wissensgesellschaft nur leere Worte sind. Dass die Bibliotheken auf die politische Tagesordnung gehören, das also war die eine politische Botschaft des Bundespräsidenten. Die andere richtete er an kulturföderalistische Bedenkenträger, die nicht nur im Bundesrechnungshof sitzen: Die Erhaltung des Weimarer Kulturerbes, sagte der Bundespräsident, sei eine gesamtstaatliche Aufgabe. "Schwarzbrot" - auch die FAZ schreibt über Köhlers Rede: Bundespräsident Köhler hat die Wiedereröffnung der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar genutzt, um eine kulturpolitische Offensive zu eröffnen. Statt mit dem Stolz des Festredners nur auf das Engagement des Bundes zu verweisen, das die Restaurierung des verkohlten Gebäudes in nur drei Jahren möglich machte, hat Köhler beim gestrigen Festakt in Weimar den Finger gleich auf mehrere Wunden gelegt. Dass mit der Wiedereröffnung nur ein Etappenziel erreicht ist, weil die kostspieligen Restaurierungsarbeiten an den beschädigten Büchern voraussichtlich bis zum Jahr 2015 dauern werden, ist in den letzten Wochen oft gesagt worden. ... Dass der Bund mehr Verantwortung übernehmen will, machte Köhler deutlich, als er die Pflege der europäischen Kulturstadt Weimar als "gesamtstaatliche Aufgabe" bezeichnete. All dies sind gute Nachrichten. Was aber hat die Leiterin einer maroden Stadtteilbibliothek in Dortmund, Offenbach oder Berlin davon, dass am Mittwoch eine der schönsten Bibliotheken der Welt glanzvoll wiedereröffnet wurde? Nichts, müsste die Antwort lauten, hätte Köhler nicht kurzentschlossen den Sprung von der Fest- zur Brandrede gewagt. Mit wenigen Sätzen skizzierte er die desolate Gesamtsituation der öffentlichen Bibliotheken in Deutschland und machte so selbst den ersten Schritt zur Verwirklichung seiner Forderung, Bibliotheken auf die "politische Tagesordnung zu setzen".