Presseschau

Klett-Cotta und Tropen, Mosebach-Rede

29. Oktober 2007
Redaktion Börsenblatt
"Kein Fall von Fusionitis, stattdessen eine Verbindung, die so unwahrscheinlich war und außerordentlich ist, dass sie fast schon genialisch anmutet", schreibt die WELT über die neue Allianz der Verlage Klett-Cotta und Tropen. Ebenfalls Thema: die Dankesrede von Büchner-Preisträger Martin Mosebach.
"Klett-Cotta in die Tropen" - zur neuen Verlagspartnerschaft heißt es in der "Welt": Nachrichten aus dem Big Business deutscher Verlage? Eine paar Jahre lang vernahm man sie mit dem steten Gefühl von Déjà-vu. Bertelsmann verleibte sich diesen und jenen Traditionsverlag ein, Holtzbrinck einen dritten. Die Branche hatte Schluckauf, die Riesen verdauten ihre Zukäufe. Diese Nachricht dagegen klingt erfrischend anders: Der kleine Berliner Tropen Verlag hat mit dem zur Klett-Gruppe gehörigen Traditionshaus Klett-Cotta Anteile getauscht: Zum 1. Januar 2008 wird Tropen zum Klett-Cotta-Imprint, das heißt junge Marke in einem alten Verlag, dessen verlegerische Geschäftsführung - das ist die eigentliche Nachricht - die bisherigen Tropen-Macher übernehmen. Kein Fall von Fusionitis also, stattdessen eine Verbindung, die so unwahrscheinlich war und außerordentlich ist, dass sie fast schon genialisch anmutet.... Tatsächlich jedoch sind diese Gegensätze viel kleiner, als es zunächst den Anschein hat. Denn Michael Klett, der Patriarch, hat durchaus eine wilde Seite. Den "Herrn der Ringe" beispielsweise, Klett-Cottas Megaerfolgstitel, verdankt er seiner Zeit in einem von Hippies bewohnten aufgelassenen Apfelgut, anno 1965, in Ost-Massachusetts. Von verlegerischen "money boys" auf Einkaufstour hält Klett bis heute wenig, letztlich kein Wunder, dass ihm das kleine Kraftwerk Tropen gefällt. "Der König ist tot, es lebe der König"- Ina Hartwig lobt in der "Frankfurter Rundschau" die Dankesrede von Martin Mosebach: Der sichtlich bewegte Preisträger hat geschickt etliche seiner Lieblingsthemen - mit Ausnahme des Katholischen - dank des Darmstädter Dichter-Revolutionärs Georg Büchner unterbringen können, ohne sich mit der (wie er meint) heillosen Gegenwart herumschlagen zu müssen; das Ganze pointiert und kraftvoll formuliert, mit einigen hessischen Dialektproben garniert: Mosebach in Bestform. Die Monarchie, die Revolution, ihre Pervertierung als deutsche "Anständigkeit"; die Humanität und die Volksdichtung: so unbescheiden verlief der Bogen, den Mosebach unter den Titel "Ultima ratio regis" (Das letzte Mittel des Königs) stellte. Das geradezu revolutionäre Timbre ließen einen auf den Gedanken verfallen, ob hier nicht ein talentierter Klassenkämpfer rede. Was aber nur auf die inneren Widersprüche hinweist - nichts liegt Mosebach ferner als der Klassenkampf -, mit denen die Kunst, die Büchnersche Kunst, sich über die Politik und die Geschichte erhebt. "Wir müssen uns Danton als Anti-Utopisten vorstellen" - die "Welt" schreibt über Martin Mosebachs Rede: Als radikaler Anti-Utopist präsentierte sich Martin Mosebach, der den Büchner-Preis entgegen nahm. Wie Rühle beschrieb er Büchner als Vorkämpfer gesellschaftlicher Veränderung. Doch erinnerte Mosebach daran, dass Büchner in seinen politischen Schriften nicht nur die Fürsten, sondern auch die Bürger bekämpfte: "An einem Ausgleich der Interessen, einer Harmonisierung der sozialen Verhältnisse war ihm schon überhaupt nicht gelegen. Er ersehnte die Katastrophe, den unerträglichen Hunger, den Aufstand der Massen." Der Dramatiker Büchner dagegen, so Mosebach, war hellsichtiger und ahnte viel voraus von den fatalen Folgen revolutionärer Umbrüche, die mit der Befreiung der Menschen aus alten Wertordnungen zugleich eine Entwertung des Menschen betreiben. Er schlug einen kühnen Bogen von jener Rede, mit der Saint-Just in "Dantons Tod" die Massenmorde der Französischen Revolution zu rechtfertigen sucht, zu der Posener Rede, mit der Himmler 150 Jahre später die Massenmorde der Nazis rechtfertigen wollte. ... Gewiss, die von Mosebach ungeliebte politische Moderne, die mit der Französischen Revolution begann, hat empfindliche Verluste eingebracht. Es ist beeindruckend, wie es diesem Schriftsteller in seiner eleganten Rede gelingt, sogar im Revolutionär Büchner einen Kronzeugen solcher Verluste zu entdecken. Schade aber, dass Mosebach die nicht geringen Vorzüge der politischen Moderne - wie den Zuwachs an Freiheit und Gleichheit, wie Rechtstaatlichkeit und Gewaltenteilung, um nur diese zu nennen - immer wieder mit Schweigen übergeht.