LitCrit - Literaturkritik in Europa

Der kollektive Marktschrei

22. November 2007
Redaktion Börsenblatt
Um die deutsche Literaturkritik ist es schlecht bestellt. Das sagten Sigrid Löffler und Helmut Böttiger zur Eröffnung von LitCrit. Führende Literaturjournalisten und Kritiker aus zwölf europäischen Ländern diskutieren zwei Tage im Münchner Literaturhaus.
Die Situation wurde in düstern Farben gemalt und der Prestigeverlust des Literaturkritikers betont: Vorausberichterstattung und Skandalisierung geplanter Bestseller; "Bücher in der Radauzone"; durch hohen Werbeauffand "immunisierte und kritikresistente Bücher", die nicht mehr rezensierbar seien und als Folge davon der "kollektive Marktschrei" statt individueller und professioneller Kritik wurden thematisiert. Kulturpolitisch motivierte Seilschaften, Medienkumpanei, die problematischen Auswirkungen von Long- und Shortlists des Deutschen Bücherpreises und vor allem die sich ändernde Medienlandschaft beeinflussten zunehmend das Selbstverständnis des Literaturkritikers. Edelfedern und Privatgelehrtentum sowie nostalgische Feuilletonträume würden zunehmend von publikumsorientierten Magazinjournalisten, von Popkritikern und einer Pseudokanonisierung verdrängt. "Ich mache alles immer im Bewusstsein der totalen Wirkungslosigkeit" überspitzte Sigrid Löffler die Lage. Helmut Böttiger bezeichnete den Deutschen Buchpreis als "Konsensschrott" und forderte eine nachhaltige Literaturkritik abseits vom Mainstream. Die (Selbst-) Kritik der Eröffungsreden wurde von mehreren Gästen aus dem Ausland relativiert, die in ihren Ländern von der deutschen literaturkritischen Vielfalt weit entfernt sind. Die Tagung soll in einer Publikation und auf www.litcrit.eu dokumentiert werden. Zudem sind in der Folge Workshops für junge Kritiker aus ganz Europa geplant.