Meinung

Und wenn sie nicht gestorben sind

22. November 2007
Redaktion Börsenblatt
Fortsetzungswahn: Was passiert, wenn Rhett Butler Schule macht. Von Rainer Moritz.
Unsere Welt, das wusste schon Jürgen Habermas, ist viel zu unübersichtlich, als dass wir noch in der Lage wären, sie zu begreifen. Ständig diese neuen Gesichter, ständig diese neuen Eindrücke, die kein Mensch mehr zu verarbeiten vermag, und ständig diese neuen Bücher mit unbekanntem Personal, das sich an fremden Schauplätzen tummelt. Ich selbst will damit nichts mehr zu tun haben und beschäftige mich am liebsten mit Dingen, die nichts Überraschendes mit sich bringen. Ich telefoniere mit meiner Mutter, höre, was CDU-Generalsekretär Pofalla zu sagen hat, blicke auf die Außenalster, deren Wasserstand sich selten verändert, lese Kriminalromane, deren Kommissare ich seit Jahrzehnten kenne, und sehe seit 1985 Sonntag für Sonntag Mutter Beimer in der »Lindenstraße« beim Spiegeleierbraten zu. Beglückt bin ich folglich, nun auch einem alten Südstaatenbekannten wiederzubegegnen, dem verführerisch-rätselhaften Rhett Butler, dem Margret Mitchell und Clark Gable ein Denkmal setzten. Gewiss, einst lernte ich im germanistischen Proseminar, dass es sinnlos und ästhetisch indiskutabel sei, über den Romanschluss hinauszudenken und sich ein Fort- und Weiterleben der Figuren vorzustellen. Denn der Autor habe ja seine künstlerische Konstruktion gerade darauf aufgebaut, dass sein Werk so und nicht anders ende. Nicht immer freilich bin ich stark genug, mich an das auf der Universität Erlernte zu halten und lasse mich bisweilen dazu verführen, Film- und Romaninhalte weiterzuspinnen. »Rhett«-Autor Donald McCaig, der Liebesszenen so fade beschreibt, als ginge es um die Montageanleitung eines Vogelhäuschens, ist da nur ein Beispiel. Warum erzählt uns niemand, wie es mit Dubslav von Stechlins Sohn Woldemar und seiner guten Gattin Armgard weiterging? Oder mit Dottoressa Franca, der Meeresbiologin, die Hanns-Josef Ortheil in »Die große Liebe« so schön mit einem Münchner Journalisten zusammenbrachte? Werden die beiden an den Chiemsee ziehen, Kinder haben und Riester-Rente beziehen? Vielleicht gelingt es ja einem findigen Lyriker, sich einiger Goethe-Verse anzunehmen. »Das Heideröslein« etwa ist entschieden zu kurz; da ließen sich mühelos ein paar Strophen dranhängen. Ja, genau genommen schreit alles nach Fortführung. Warum erfindet nicht einer, was Gary Cooper und Grace Kelly Interessantes erlebten, kaum dass zwölf Uhr mittags vorbei war und sie von dannen zogen? Gern würde ich auch davon hören, wie es mit Christian Anders’ Maria weitergeht, die einst im Zug nach nirgendwo saß und in einem neuen Lied zum Ex-Lover zurückkehren könnte. Ja, letztlich wäre die ganze Weltgeschichte fortzuschreiben. Stellen Sie sich vor – nur ganz kurz –, Gerhard Schröder wäre 2005 Kanzler geblieben und müsste seine Pension heute nicht mit Gelegenheitsjobs in der Wirtschaft aufbessern. Oder meine Jugendfreundin, Krankenschwester Angela, hätte begriffen, dass ich doch der Richtige gewesen wäre ... Sie sehen: Rhett Butler ist die Spitze des Eisbergs. Das Geschäft mit der Fortsetzung – Unsitte oder ein Glück für die Leser? Diskutieren Sie mit uns!