Sie haben gemeinsam mit Ernst Fischer und zahlreichen Fachkollegen eine Geschichte des Buchhandels in der Weimarer Republik erarbeitet. Sind solche historische Forschungen noch von Relevanz für heutige Leser und für heutige Studierende der Buchwissenschaft?
Füssel: Unsere Themen lauten u.a.: Preisbindung in Gefahr, Medienkonkurrenz zum Buch, Überproduktion, Novitätensucht, die Krise des wissenschaftlichen Verlagswesens, billige Bücher, Stärkung der Nebenmärkte, Veränderung der Leserschichten
Das liest sich doch wie das Inhaltsverzeichnis des Börsenblattes 2007.
Die Befürchtung, der Leser als Typus würde mit dem Abschmelzen der bürgerlichen Schichten verschwinden, ist also eine alte Sorge und heute wieder akut. Berechtigter Weise?
Füssel: Wahrscheinlich haben wir es mit einer Mischung aus Ritual und begründeter Befürchtung zu tun. Jedenfalls zieht sich diese Sorge in Wellen durch 100 Jahre Buchgeschichte. Das ist auch kein Wunder. Kein Wirtschaftszweig ist so eng mit kulturellen und gesellschaftlichen Gegebenheiten verquickt wie der Buchmarkt. In der Weimarer Republik ließ sich besonders deutlich ein Wegbrechen des bürgerlichen Lesepublikums der Kaiserzeit beobachten. Das Lamento, die Leute hätten nun keine Zeit mehr, Bücher zu lesen, finden wir dann in ganz ähnlicher Weise in den 50er Jahren wieder.
Wer eifrig das Wirtschaftswunder vorbereiten musste, las nicht mehr?
Füssel: So kann man argumentieren. Es gibt noch eine Parallele zwischen der Weimarer Zeit und den Fünfzigern: die Ablehnung der preiswerten Broschur bzw. dann der Taschenbücher, die auch optisch das Bild der Billigware vermittelten: preiswertes Papier, sehr eng bedruckt, schnell brechende Buchrücken: Die schlichte Herstellungsform, die aus der Not geboren war, wird als Verfallssymptom für das Buch generell gedeutet. Es gibt aus der Zeit eine Reihe von Verlegerstimmen, die das äußerst negativ kommentieren anstatt die Chancen für einen weiteren Vertriebsweg zu erkennen.
Spielte da auch eine verbreitete ästhetische Abneigung eine Rolle? Gegen das, was heute allgemein die Billigheimer-Welt heißt?
Füssel: Ja natürlich. Man findet das immer wieder. Mitte der 90er Jahre zum Beispiel kam diese Abneigung unter dem Stichwort Mille-Lire-Bücher wieder zum Vorschein. Heute spricht man von der Tchiboisierung des Buchhandels mit den Buch-Zugaben der Zeitungsverlage. Es gibt ein frühes Beispiel aus den 20er Jahren. Damals lag der durchschnittliche Ladenpreis für Leinenbände bei 6,85 Mark. Dann kam der Th. Knaur-Verlag, der die Romane der Welt für 2,85 RM anbot. Damit hatte man nun jemanden, der den Markt schnell zu beherrschen begann. Da war die Aufregung groß.
Aufregung, weil Erfolg drohte?
Füssel: Die Konstellationen sind immer wieder ähnlich. Wir haben ein paar findige Verleger, die sich mit den jeweils neuen Situationen sehr gut zurechtfinden, hier also Knaur mit seinem Hardcover-Kampfpreis. Dann gibt es Verleger wie damals den großen Samuel Fischer, die zunächst kulturkritisch reagieren und Klage führen, die Leute würden ja alle nur noch zu den Sechstagerennen gehen und in die Jazzkonzerte und die Kinos und keiner hätte mehr Zeit für Bücher. Die Pointe dabei: Fischers Wehklagen lässt sich absolut nicht mit den Verkaufszahlen seines eigenen Verlages begründen. Fischer registriert vieles, etwa die Schnelldreher, die er als Novitätensucht aufs Korn nimmt, ist aber selbst Teil des Marktes, der diese Sucht bedient.
Na ja, Leinenbände zu 2,85 hatte Fischer bis dato wirklich nicht gemacht.
Füssel: Nein. Aber dann kam für Fischer die Gelegenheit, eine Buddenbrooks-Ausgabe für 2,85 RM zu bringen, übrigens auf Empfehlung seines Schwiegersohns Gottfried Bermann-Fischer, eines Chirurgen. Die Buddenbrooks kosteten bis dahin zwölf Mark. Fischers Sonderausgabe wurde ein Riesenerfolg, begünstigt allerdings auch durch das Glück, dass Thomas Mann zum rechten Zeitpunkt der Nobelpreis verliehen worden war. Das ist doch interessant: Samuel Fischer argumentiert jahrelang gegen Knaur, bis der Schwiegersohn kommt und sagt: Lass es uns auch mal versuchen. Gerade der S. Fischer Verlag jener Zeit ist für mich ein Paradebeispiel dafür, wie sich Verlagszahlen, Verlagshandeln und Verlagskommunikation überhaupt nicht in Übereinstimmung befinden.
Jedenfalls fällt auf, dass die Offenheit Neuem gegenüber meist von der Unternehmerseite ausgeht, nicht vom Verband.
Füssel: Ja, allerdings war es oft eine zwiegespaltene Offenheit. Der S. Fischer Verlag nimmt ab 1917 die Stummfilmrechte in seine regulären Verträge mit auf. Das hindert den Verleger aber nicht, noch 1925 in seinem Verlagsalmanach gegen eben jene neuen Medien zu Felde zu ziehen, mit denen er seit Jahren gutes Geld verdient. Der Börsenverein hingegen blieb ganz auf seiner Linie der Ablehnung des Neuen. In einem Editorial des Börsenblatts aus dem Jahr 1928 war von einer Verflachung in geistigen Dingen die Rede. Gemeint war der Film. Das Kino, schreibt das besorgte Blatt, könne für Augen und Ohren schädlich sein. Welche neuen Einnahmequellen sich dort auftaten, war damals in der Branche kein Thema.
Woher kam diese Angst?
Füssel: Man glaubte, Pfründe zu verlieren. Das war eine zeitgenössische Klage: Auch der Verband der Konzertmusiker zum Beispiel wandte sich gegen den Tonfilm, weil man mit der Klavierbegleitung im Stummfilm seine Leute besser ins Geld setzen konnte.
Ging es wirklich nur um Pfründe? Oder war auch die Qualitätsfrage berührt?
Füssel: Natürlich spielen da mehrere Motive hinein. Aber die Verlustangst war schon prägend für die Diskussionen. Man wetterte gegen den Buchhandel in Warenhäusern, in Kaufhäusern und in Bahnhöfen und man drohte Verlagen, die den Warenhausbuchhandel belieferten, mit Verbandsausschluss. Man hatte Angst vor der schieren Größe und hatte deshalb gar nicht erst in Betracht gezogen, dass Warenhaus- und Bahnhofsbuchhandel auch den Gesamtmarkt erweitern können, dass einfach die Gruppe von Menschen, die von Büchern angesprochen werden, sich erheblich vergrößern könnte.
Dabei gab es doch gerade zu der Zeit noch die Schwellenangst vor dem Buchladen
Füssel: Und ob. Buchhandlungen waren Tempel des Geistes. Da musste man sich schon überwinden, um hinein zu gehen. Aber dass Warenhäuser diese Schwellenangst vermeiden helfen, wurde erst nach und nach gesehen. Der nächste Abwehrschritt richtete sich dann gegen die neu entstehenden Buchgemeinschaften, die ja auch neue Zielgruppen erreichen konnten: die Bibliophilen bei der Gutenberg-Gilde, die Parteinahen etwa beim Bücherkreis. Stattdessen interpretiert der Börsenverein in Sorge um den Leser die Buchgemeinschaften als Einschränkung der Möglichkeit von Vielfalt. Wieder kein Blick für die Chancen und die Stärken. Das lief übrigens parallel zu der Bibliotheksdebatte der damaligen Zeit: Darf man die Leser ans Regal lassen, oder soll man ihnen das rechte Buch an der Beratungstheke zuweisen? Muss man sie lenken?
Die Figur des buchhändlerischen Überzeugungstäters mit volkspädagogischen Ambitionen ist nicht ganz tot, oder?
Füssel (lacht): Vielleicht nicht. Aber das hat natürlich auch eine sehr liebenswerte Seite, wenn ein Buchhändler seinem Stammpublikum Empfehlungen gibt, wenn er sich das Recht nimmt, zu- oder abzuraten. Es gibt ja auch kaum eine Ware, die von einer solchen Spannung zwischen Inhalt und Verkaufsstrategie geprägt ist wie das Buch.
Sie legen in der Geschichte des deutschen Buchhandels in dem Band über die Weimarer Zeit viele Beispiele vor, wie man das Aussichtsreiche nicht erkennt, weil man das Bedrohliche so übermäßig vergrößert. Hat der Börsenverein von heute aus der Geschichte gelernt?
Füssel: Sagen wir: bedingt. Z.B. bei der wissenschaftlichen Publizistik sollten wir auf die 20er Jahre zurückblicken: Die Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft bewältige in der krisenhaften Zeit nach dem I. Weltkrieg über Druckkostenzuschüsse und Verlegerengagement bleibende Großprojekte, u.a. den Thesaurus Linguae Latinae (Teubner) das Grimmsche Wörterbuch (Hirzel), die Gesamtausgabe der Werke Luthers (Böhlau) und sicherte wichtige naturwissenschaftliche Zeitschriften wie die Physikalischen Berichte (Vieweg) oder die Fortschritte der Mathematik (de Gruyter). Die wissenschaftlichen Verleger schlossen sich zur einer Arbeitsgemeinschaft zusammen, die praktische Dinge wie Rabattfragen und Zugangsfragen aber auch die Zusammenarbeit mit Universitäten regelten. Diejenigen, die damals aktiv auf die Wissenschaftler und die Hochschulen zugegangen sind, stellen noch heute die Großen und Renommierten in der Verlagslandschaft dar.
Brauchen denn die Unis heute überhaupt noch Verlegerrat?
Füssel: Ja, davon bin ich überzeugt. Die ganzen Bestrebungen rund um Open Access, die im deutschsprachigen Raum an den Universitäten laufen, sind noch in der Experimentierphase. Hier bietet sich für die wissenschaftlichen Verleger m.E. eine große Chance, gemeinsam voranzukommen. Die Universitäten verfügen meist nicht über das Know-how, die Literatur so aufzubereiten und so auch zu vermitteln, wie es dem Wissenschaftsprozess adäquat wäre. Wenn man hier kein Gegeneinander zwischen Open Access und Verlagsstrategien konstruieren würde, käme man zu besseren Erfahrungen. Das gilt insbesondere für die mittelständischen wissenschaftlichen Verlage. Man darf sich hier nicht verweigern.
Wie beurteilen Sie die Rolle der neuen Universitätsverlage?
Füssel: Von denen sind ja in den vergangenen zehn Jahre viele aus dem Boden gestampft worden. Anfangs war ich sehr optimistisch. Mittlerweile hat sich aber gezeigt, dass da an vielen Stellen einfach das Vermarktungs-Know-how fehlt. Da gelangt vieles gar nicht angemessen auf den Informationsmarkt. Diese Literatur steht dann irgendwo im Netz verborgen. Es hapert am Informationszugang und an der Vermarktungsqualität.
Die Vielfalt an Medien und Plattformen wächst. Mein Eindruck ist, dass unsere Branche Mühe hat, in dieser Lage noch selbstbewusst vom Buch zu schwärmen.
Füssel: Genau, wir werden gerade wieder Zeuge einer falschen Defensive. In der Weimarer Zeit richtete sich die Abneigung gegen den Hörfunk. Reclam war schlau und hat sich auf die Chancen, die im Radio lagen, eingestellt: hat eine Anleitung zum Radiobau als Ratgeberbuch herausgebracht oder hat eine Serie mit Hörspieltexten aufgelegt. Die Technikbegeisterung der Zeit hat damals das Sachbuch hervorgebracht. Da mutet doch die Annahme heute, Technik würde das Buch verdrängen, historisch sehr hasenherzig an.
Manche fürchten, die bislang für Bücher reservierten Inhalte würden anderswohin abwandern. Zum Beispiel Debatten: Die werden mehr und mehr im Netz geführt.
Füssel: Das wollen wir gerade an unserem Institut wissenschaftlich untersuchen. Wo wird eine Debatte eigentlich gemacht? Sind Bücher noch ihr Medium? Oder sind es Zeitungen? Wie war das beim Methusalem-Komplott? Wie lief das beim Eva-Prinzip? Noch vor zwei Jahren hätte ich gesagt, das wandert alles ins Web ab. Aber so scheint es nicht zu kommen.
Warum nicht?
Füssel: Vielleicht, weil gedruckte Medien eben doch ihre genuinen Stärken ausspielen können. Man hat Buchinhalte allgemein verfügbar, man kann sie in Ruhe nachlesen. Debattenführerschaft ist zu allererst eine Frage des Selbstbewusstseins. Warum sollte sich die Buchbranche freiwillig davon verabschieden zu sagen, wir können Themen setzen und Meinungen prägen? Wie erklärte sich sonst die Dynamik, die wir etwa im Ratgeber-Bereich haben? Nehmen Sie nur China als Beispiel: Der große Markt sind dort die Textbooks, also Schulbücher, Sachbücher, Fachbücher.
Nicht nur die Medien, auch die Leser verändern sich. Neue Milieus tauchen auf. Ist die Branche schon intensiv genug mit dieser Entwicklung befasst?
Füssel: Diese Milieu-Fragen sind spannend schon seit langem. 1994 hat Bert Rürup hier am Mainzer Institut vor versammelten Branchenvertretern über den Verlag als Geschäftsbetrieb gesprochen. Bereits damals sagte er: Wir haben eine neue Schicht, der wir uns zuwenden müssen. Das sind die, die einen Teil ihres Einkaufs auf der Freßgass in Frankfurt erledigen, einen anderen Teil aber ebenso selbstverständlich bei Aldi. Es gibt eben nicht mehr die eine Zielgruppe für den Buchhändler, Marke Bildungsbürger. Sondern es gibt zunehmend die vielfältig Interessierten, die mit allen Medien, die ihnen zur Verfügung stehen, kreativ umgehen. Da muss man sich zunehmend Gedanken machen, etwa über die äußere Erscheinungsform des Buches, über seine Oberfläche: Wie reagiert welches Milieu auf was?
Wer kann solche Themen vorantreiben?
Füssel: Ich meine, hier sollte die Initiative vom Verband ausgehen. Er kann die Foren organisieren, wo man solche Zukunftsthemen setzt und diskutiert. Dem sogenannten Hauptamt kommt hier die Rolle des Vordenkers zu. Das Hauptamt muss bewegen und nicht, wie das früher zu oft der Fall war, nur bewahren und verfestigen.