Interview

Geschwister-Scholl-Preis für Politkovskaja

27. November 2007
Redaktion Börsenblatt
Rund ein Jahr nach den tödlichen Schüssen auf Anna Politkovskaja, Reporterin der Zeitung "Nowaja Gaseta", kam ihr Sohn Ilja Politkowski nach München, um den Geschwister-Scholl-Preis für seine Mutter entgegenzunehmen. boersenblatt.net sprach mit Yuri Safronov, dem stellvertretenden Chefredakteur von "Nowaja Gaseta".
Börsenblatt: Wie würden Sie Anna Politkovskaja "die zarte Frau mit dem eisernen Willen zur Aufklärung" als Person beschreiben? Yuri Safronov: Ich denke, sie war in erster Linie ein sehr aufrichtiger, ein sehr korrekter und sehr ehrlicher Mensch. Den eisernen Willen hatte sie vor allem bei der Arbeit, aber daneben gab es auch eine Politkovskaja, die mit den Kollegen über ihre Familie sprach, die enorm stolz war auf ihre Kinder. Sie hat natürlich diese Kämpfernatur gehabt, aber die setzte sie allein für ihre journalistischen Recherchen ein. Börsenblatt: Für welches Russland steht Anna Politkovskaja auch heute noch? Safronov: Sie vertritt ein Russland, dem es nicht gleichgültig ist, was für eine Zukunft es haben wird. Es geht eben nicht nur darum, dass man finanziell abgesichert ist oder gar zeigen kann, wie viel Macht man hat. Politkovskaja vertritt ein Russland, dem eben demokratische Werte wichtig sind, in dem das Leben jedes einzelnen Bedeutung hat, denn das ist ja in Russland nie besonder ernst genommen worden. In Russland sind die Menschen zu Hundertausenden umgebracht worden. Und das ist so, also ob man das eigene Tafelsilber zerschmettert. Börsenblatt: Wie viele Journalisten gibt es heute in Russland, die ähnlich unerschrocken arbeiten wie Politkovskaja? Safronov: Keinen, keinen einzigen. Börsenblatt: Welche Auswirkungen hat die Ermordung Anna Politkovskajas und die eingeschränkte Pressefreieheit in Russland für die Arbeit der "Novaya Gazeta"? Safronov: Das ist schwer zu beantworten. Ich weiß gar nicht, ob die Wendung "Auswirkungen haben" passt. Wir haben einfach einen Menschen verloren, denn wir sehr geliebt und geachtet haben. Und es ist uns nach wie vor schwer ums Herz, wenn wir an diese grausame Tat denken müssen. Was nun die Freiheit der Presse angeht: Wir schreiben weiterhin all das, was wir schreiben wollen. Börsenblatt: Glauben Sie daran, dass die Ermordung von Anna Politkovskaja einmal restlos aufgeklärt wird? Safronov: Von Seite der "Novaya Gazeta" möchten wir bislang nicht beurteilen, welche Rolle die Machthaber dabei gespielt haben. Es gibt ja positive Anzeichen. Es sind ja eine Reihe von Menschen verhaftet worden und wir hoffen, dass die Verantwortlichen ihrer gerechten Strafe zugeführt werden. Ich möchte auch nicht kommentieren, wie die Ermittlungen geführt werden. Allerdings gibt es eine gewisse Besorgnis angesichts der Aussagen des Generalstaatsanwalts, der sagt, dass eine Spur ins Ausland führt. Eine solche Spur zu verfolgen, wird wahrscheinlich nicht das Ausschlaggebende sein. Börsenblatt: Wie hätte Anna Politkovskaja auf die Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises reagiert, wenn sie ihn zu Lebzeiten bekommen hätte? Safronov: Ich denke, sie hätte sich sehr gefreut, weil es ein sehr bedeutender Preis ist, der Menschen auszeichnet, die ein Höchstmaß an Verantwortung gezeigt haben. Börsenblatt: Hat die posthume Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises an Anna Politkovskaja irgendeine Relevanz für das politische Geschehen in Russland? Safronov: Es wird Auswirkungen haben, aber es wird nicht die poltischen Verhältnisse verändern. Man muss sagen, dass die meisten Menschen in Russland doch gleichgültig sind gegenüber dem, was da passiert. Das sieht man daran, dass nach dem Tod von Anna Politkovskaja nur ein paar hundert Menschen auf die Straße gegangen sind und nicht tausende. Das mindert aber sicher nicht die Aktualität des Geschwister-Scholl-Preises. Es gibt Menschen für die das wichtig ist. Das sind einmal die Menschen aus unserer Redaktion, das sind ihre Freunde und Verwandten - und das sind diese ein, zwei Millionen Menschen in unserem Land, die die gleichen Ansichten haben wie Anna Politkovskaja. Börsenblatt: In ihrem "Russischen Tagebuch", das Aufzeichnugen bis September 2005 enthält, äußert Anna Politkovskaja die Meinung, dass die nächste Revolution in Russland wieder von den Kommunisten eingeleitet wird. Teilen Sie diese Meinung? Safronov: Ich denke nicht, dass sie damit die kommunstische Partei gemeint hat wie sie derzeit existiert. Derezeit verlieren die Kommunisten in der Duma immer mehr an Stimmen. Aber es kann durchaus sein, dass es andere linke Kräfte geben wird, die hier etwas bewegen wollen.