Geschwister-Scholl-Preis

"Wir sollten endlich hören, was sie zu sagen hat"

27. November 2007
Redaktion Börsenblatt
So nahe am Zeitgeschehen war der Geschwister-Scholl-Preis sicher schon lange nicht. Denn in diesem Jahr wurde er posthum der unabhängigen Journalistin Anna Politkovskaja verliehen.
Letztes Wochenende hat die russischen Staatsmacht den ehemaligen Schachweltmeister Garri Kasparow und mehrere dutzende Oppositionspolitiker festgenommen. Von Demokratie, selbst im eingeschänktem Sinne, kann unter Präsident Putin nun wirklich nicht mehr gesprochen werden. Und genau das hat auch Anna Politkovskaja in ihrem nun ausgezeichneten Buch "Russisches Tagebuch" (DuMont) niedergeschieben. Freilich geht es in ihrem Buch hauptsächlich um den Tschetschenien-Krieg, um die russische Armee und das Leid, das abertausende Menschen erlitten haben. Aber eine Stimmlage läuft da immer mit, bestimmt das Geschehen: Es ist die Wladimir Putins und die seiner Getreuen. Bei der Preisverleihung in der großen Aula der Ludwig-Maximilians-Universität las Iris Berben mit klarer, nüchterner Stimme genau solche Stellen aus Politkovskajas Buch. Im Namen der Stadt München lobte Oberbürgemeister Christian Ude den ungebrochenen Mut der russischen Journalistin, der ihr letzlich das Leben kostete. Aber Ude lobte auch die Entscheidung der Jury, weil sie Zivilcourage gezeigt und keinerlei politische Rücksichtnahmen ins Kalkül genommen hätte. Auch Wolf Dieter Eggert, Vorsitzender des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Landesverband Bayern, lobte den beispiellosen Mut Politkovskajas.- "Wir sollten endlich hören, was sie zu sagen hat." Und was uns Anna Politkovskaja zu sagen hat, machte Dirk Sager, Korrespondent des ZDF und Laudator der Preisverleihung, umissverständlich klar: "Dieses System verändert die russische Gesellschaft. Dieses System nimmt Opfer in Kauf, um sich zu behaupten. Das Tagebuch beschreibt den Prozess der Veränderung." Ilya Politkovsky nahm in Namen seiner Mutter den Preis in Empfang (10 000 Euro). Nach dem Willen der Familie geht ein Teil des Preisgeldes an die in Moskau ansässige Stiftung Pravo Materi (Mother’s Right Foundation).