Die Sonntagsfrage

Wie übersteht das Literaturhaus München Corona, Frau Graf?

28. März 2020
von Börsenblatt
Lesungen abgesagt, Autoren in Sorge, Buchhandlungen zu – Corona legt das kulturelle Leben lahm, auch das der Literaturhäuser. Wie geht das Münchner Literaturhaus mit der Lage um? Was geht noch? Und wie geht es weiter, wenn Corona vorbei ist? Antworten von Tanja Graf,  Leiterin des Literaturhauses München.

Wir haben alles bis zum Ende der Osterferien abgesagt. Ob wir am 20. April wieder starten können, entscheiden wir in den nächsten Tagen – in Anlehnung an die anderen Münchner Kulturinstitutionen. Die Eintrittsgelder werden sämtlich erstattet. Die Ausfallhonorare für die Künstler regeln wir individuell. Es gibt eine Reihe von Künstlern, die darauf verzichten und – wie wir - auf Nachholtermine hoffen.

Bis dahin bleiben wir über die sozialen Netzwerke und Newsletter im ständigen Kontakt mit unserem Publikum. Wir stellen alle Bücher vor, deren Autor*innen bei uns aufgetreten wären. In Planung sind „Webinare“, offene Werkstätten für Kreatives Schreiben, geleitet von namhaften Autor*innen. Des Weiteren planen wir digitale Führungen durch unsere ebenfalls verschobene Ausstellung „Thomas Mann: Democracy will win!“.

Trotzdem - für das Haus ist es, gelinde gesagt, eine Katastrophe: Die Stiftung Literaturhaus erarbeitet in normalen Zeiten mehr als die Hälfte aller Einnahmen selbst (Eintritte, kurzfristige Vermietung der Veranstaltungsräume, Pachterlöse der Gastronomie). Diese Einnahmen sind praktisch über Nacht vollständig weggebrochen. Neben den Löhnen der Mitarbeiter (Kurzarbeit ist beantragt) sind wir aber auch für den Erhalt des Hauses zuständig – eine derzeit kaum zu bewältigende Mammutaufgabe.

Zum Glück ist der neue Vera Doppelfeld Preis für Debütautoren von Corona nicht betroffen. Die Jury-Sitzungen dieses neuen Debütpreises fanden noch in klassisch-analoger Form statt, in Anwesenheit der Juroren Vera Doppelfeld, Ijoma Mangold, Michael Lemling und hier im Literaturhaus meine Kollegin Katrin Lange und ich. Die  Shortlist mit 5 Titeln konnte zu unserer Freude vor wenigen Tagen veröffentlicht werden. Die nächste Jury-Sitzung wird sicher über Video abgehalten. Ob wir an der Preisverleihung am 28. Mai festhalten können, steht aber leider noch in den Sternen.

Mir ist jetzt erstmal vor allem wichtig, dass alle 12 Mitarbeiter des Literaturhauses trotz Homeoffice als Team weiter „beieinander“ bleiben. Dafür haben wir neben dem Mailverkehr eine WhatsApp-Gruppe eingerichtet, über die fleißig gechattet wird. Und wir halten regelmäßig Video-Konferenzen ab. Insgesamt ist der Kommunikationsaufwand schon viel größer und zeitaufwändiger. Wir üben noch! Aber letztlich: Alles Organisatorische geht im Homeoffice weiter. Wir sind mit den Verlagen hinsichtlich des Herbstprogrammes in Kontakt, aber zögern wegen der unklaren Situation, neue Termine zu vereinbaren.

Persönlich geht es mir vermutlich gerade wie vielen: Ich versuche, die Krise positiv zu nutzen, um endlich Dinge zu tun, zu denen man normalerweise nicht kommt. Und stelle fest, dass dazu - jetzt am Anfang - trotzdem wenig Zeit bleibt. Ich wünsche mir, dass uns die Krise hilft, den Blick auf das zu fokussieren, was wichtig ist. Dass wir das Hamsterrad dauerhaft entschleunigen können. Dass wir die digitalen Möglichkeiten neu zu nutzen verstehen.  Und vor allem hoffe ich: Dass die Branche überlebt und wir alle gesund bleiben!


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