Interview mit Ernst Gugler

"Kreislaufwirtschaft ist ein Megatrend"

14. April 2020
von Börsenblatt Online
Das niederösterreichische Druck- und Medienhaus Gugler ist ein Spezialist für umweltfreundlichen, klimapositiven Druck. Firmengründer Ernst Gugler über das Konzept und den Energiefresser Papier.

Sie arbeiten bereits mit zahlreichen Verlagen aus dem deutschsprachigen Raum zusammen. Ist die Zahl der Kunden in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen?
Ja, wir verzeichnen Zuwächse im zweistelligen Prozentbereich. Dazu hat sicherlich beigetragen, dass wir seit zwei Jahren auf  der Frankfurter Buchmesse vertreten sind. Themen wie Kreislaufwirtschaft, Cradle-to-Cradle, und damit verbunden die Zero-Waste-Bewegung, sowie Greta und "fridays for future" helfen uns indirekt, gehört zu werden. Dass unsere Verlagskunden mitG ugler am Puls der Zeit sind, zeigt auch der Aktionsplan für Kreislaufwirtschaft und Green Deal der EU.

Kann man schon von einer Kooperation auf breiter Front sprechen?
Wir haben mit kleineren Verlagen wie dem Neunmalklug-Verlag, der nachhaltige Bilderbücher macht, begonnen. Inzwischen bringen auch renommierte große Verlage und Verlagsgruppen wie Franckh-Kosmos, Carlsen, Oetinger und Random House einzelne Titel in "PurePrint – Cradle to cradle"-Qualität mit uns auf den Markt. Besonders erwähnenswert ist der Löwenzahn Verlag aus Österreich, der sein gesamtes Programm von uns in Cradle-to-Cradle Qualität produzieren lässt und damit äußerst erfolgreich ist. Generell nehmen wir schon auf breiter Front das Bedürfnis der Verlage wahr, sich in puncto Ökologie und Nachhaltigkeit weiterzuentwickeln.

Auf Ihrer Website informieren Sie über verschiedene Ökolabel und Qualitätsstandards. Wie sinnvoll sind solche Kennzeichnungen?
Wir haben 2007 erstmals in Österreich ein Buch klimaneutral gedruckt, 2012 zum ersten Mal klimapositiv. Wir bieten die Produktion nach verschiedenen Qualitätsstandards an, je nach den Bedürfnissen der Kunden. Der Haken an den bekannten Druck-Umweltsiegeln ist, dass sie nach dem Prinzip "frei von Chemikalie xxx" arbeiten. Gugler druckt mit Pureprint ausschließlich mit gesunden Substanzen. Alle verwendeten Inhaltsstoffe werden bis zum letzten Sublieferanten geprüft – nur was für Mensch, Tier und Natur gesund ist, darf Teil der Druckprodukte sein. Das "Cradle to Cradle Certified™"-Zertifikat bestätigt das.

Was verstehen Sie unter Gugler Pure Print?
"Gugler* pure print" steht für den höchsten Standard ganzheitlich ökologischer Druckprodukte, die automatisch das C-to-C-Siegel beinhalten. Dabei beziehen wir nicht nur die gesamte Lieferkette, sondern auch das Unternehmen in die Betrachtung mit ein. Wir produzieren eigenen Strom aus unserer Photovoltaik-Anlage und kaufen zu 100 Prozent Ökostrom dazu. Das C-to-C-inspirierte Produktionsgebäude hat Pioniercharakter. Das Holzgebäude wurde mit aus C-to-C-Papierabfällen gedämmt und besteht zu 95 Prozent aus recycelbaren Materalien. Rund 30 Prozent der verwendeten Baumateralien bestehen aus bereits recycelten Stoffen, z.B. die Fassade aus alten Alu-Druckplatten. Wir kochen vegetarisch für unsere Mitarbeiter und verarbeiten Bio-Gemüse aus eigenem Anbau. Zugleich sorgen wir in unserem Garten für höchstmögliche Biodiversität. Letztlich steht dahinter eine Haltung – die Überzeugung, dass man mit diesem Planeten, dessen Teil wir sind, respektvoll umgehen und man mit seinem eigenen Tun Sinn stiften sollte.

Sie produzieren zwar klimapositiv, können das CO2, das bei der Papierproduktion anfällt, jedoch nicht komplett reduzieren. Mit welchen Partnern arbeiten Sie bei der Kompensation zusammen?
Wir kaufen nur CO2-Klimazertifikate, die den Gold-Standard erfüllen. Ziele für die mit dem "The Gold Standard"-Zertifikat ausgezeichneten Kompensationsprojekte sind nicht nur die Reduktion der Treibhausgase, sondern auch, die nachhaltige Entwicklung der jeweiligen Länder zu fördern. Papier trägt wegen seiner energetisch aufwendigen Herstellung mit rund einem Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen zum weltweiten CO2-Ausstoss bei.

Sind Sie mit verschiedenen Lieferanten im Gespräch, um in dieser Hinsicht einen gewissen Wettbewerbsdruck zu erzeugen – nach dem Motto "Je weniger CO2 im Papier, desto mehr kaufe ich davon"?
Auf den CO2-Ausstoß in der Papierproduktion haben wir keinen direkten Einfluss. Aber wir achten selbstverständlich auf die CO2-Angaben der Hersteller. Um von der fossilen Energie komplett wegzukommen, müssten viel Anlagen umgebaut werden. Die Verwendung von Biogas wäre ein guter Lösungsansatz ist leider jedoch noch zu wenig verbreitet.

Lässt sich der Druckträger Papier in der Buchproduktion sinnvoll durch andere Materialien ersetzen?
Das ist eine Frage des Preises und des Anspruchs. So können wir etwa Graspapier für den Vorsatz oder für den Umschlag verwenden, für die Buchseiten eignet es sich aber nicht, wenn man auf ansprechende Bildqualität Wert legt Es gibt zum Beispiel auch Papier, das aus Apfeltrester gewonnen wird, was man aber ebensowenig im großen Stil einsetzen kann.

Welchen Schritt in Richtung Klima- und Umweltfreundlichkeit wollen Sie demnächst gehen?
2020 werden wir rund zehn neue Materalien auf C-to-C-Tauglichkeit untersuchen lassen – und im Zuge dessen unsere Cradle-to-Cradle-Zertifizierung auf die "Gold"-Stufe anheben. Davon abgesehen planen wir, die Organisationsform unseres Unternehmens weiter zu verbessern: Unsere Mitarbeiter sollen mehr und mehr "Miteigentümer" werden und umfangreichere Mitgestaltungsmöglichkeiten bekommen, um sie in ihrer ganzheitlichen Entwicklung zu fördern.  Die neue Gugler-Akademie "SinnBildung" unterstützt dabei. Und um C-to-C in ganz Europa anbieten zu können, wurde letztes Jahr die Printthechange Genossenschaft gegründet, die es anderen Druckerein ermöglicht, schnell und kostengünstig von unserem Know How zu profitieren.

Hat die Corona-Krise auch Ihr Unternehmen getroffen?
Im Druckbereich schon. Da haben wir zurzeit 50 Prozent weniger Auslastung und mussten Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken. Unser digitales Geschäftsfeld läuft hingegen überdurchschnittlich gut. Ich bin aber zuversichtlich, dass sich alles wieder normalisiert. Die aktuelle Pandemie lehrt uns zudem, besser auf künftige Krisen größeren Ausmaßes vorbereitet zu sein, vor allem auf die Klimakrise mit ihren unabsehbaren Folgen. Da werden Menschen gebraucht, die innere Reife entwickelt haben, um in Zeiten der Unsicherheit einen klaren Kopf zu bewahren und die richtigen Schritte setzen.