Meinung

Tag für Tag ein Preis

24. Juli 2015
Redaktion Börsenblatt
Auszeichnungen: Ist Literatur überalimentiert? Und schadet ihr das? Von Jörg Sundermeier.
Sind unsere Autoren übersättigt? »Es gibt in Deutschland mehr Preise als Schriftsteller und die meisten werden auch noch jährlich vergeben«, las man letzte Woche etwas verwundert in der »FAZ«. Schlimmer noch, die Autoren seien »auf Lorbeersammeltour durch die Republik«, ihre Texte würden deswegen immer schlechter. Die schreibende Zunft erscheint Oliver Jungen allzu satt und faul, deswegen fordert er: »Schadet den Schriftstellern! Hungert sie aus! Macht sie wütend!« Kunst gibt es nur im Kampf? Oliver Jungen steht mit dieser Meinung nicht allein, viele, sogar sehr viele halten inzwischen die Literatur für überalimentiert. Doch wem dienen eigentlich die Literaturpreise? Jungen schreibt es in seiner Polemik selbst: All die nach großen Autoren benannten Literaturpreise dienen zunächst einmal vor allem der Beweihräucherung der Verleihenden. Einschlägigen Internet-Seiten wie uschtrin.de oder literaturport.de ist zu entnehmen, dass beinahe jeden Tag irgendwo ein Literaturpreis verliehen wird. Doch wirklich hoch dotiert ist davon kaum einer. Die aber, die Renommee versprechen und ein Preisgeld, von dem es sich zumindest ein paar Monate angenehm leben lässt, sind nicht nur nicht Legion, sie werden beinahe ausnahmslos an jene Schriftsteller verliehen, die bereits nicht mehr als notleidend gelten können, da sich ihre Bücher auf den Bestsellerlisten halten, sie selbst von Goethe- und anderen Instituten um die Welt geschickt werden und die Buchhandlungen sich um Lesungen mit ihnen rangeln. Warum das so ist, ist schnell erklärt – die Entscheidung einer Lieschen-Müller-Preis-Jury wird umso mehr von der Öffentlichkeit wie vom Preisgeldstifter gewürdigt, wenn die Juroren auf Nummer sicher gegangen sind und einem eh schon Berühmten auch noch diesen Preis zugeschanzt haben. Nach einer solchen für alle Seiten angenehmen Entscheidung ist der Platz in der nächsten Jury jedenfalls sicherer. Wir alle erinnern uns noch gut daran, wie spät dem eben nicht so populären, dafür umso verdienstvolleren Oskar Pastior der Büchner-Preis zuerkannt wurde. Dass er dann kurz vor der Verleihung starb, machte das Ganze noch bitterer. Und wie zu Hohne wurde später zudem bekannt, dass Oskar Pastior verfügt hatte, dass ein aus seinem nachgelassenen Vermögen finanzierter Literaturpreis zu stiften sei, den allerdings nur Autoren bekommen sollen, deren Werk in der Tradition der komplexen modernen Poesie steht. Als der Büchner-Preis dem hochbetagten, doch ebenso hochverdienten Albert Drach verliehen wurde, protestierten einige Feuilletonisten sogar. Es geht bei vielen Literaturpreisen eben weniger um literarische Qualität, es geht um das öffentliche Spektakel. Und warum auch nicht? Die Branche macht vermittels der Literaturpreise erfolgreich Lobbyarbeit, erhöht ihre Absatzzahlen und sorgt für andauernde Anwesenheit des Literaturbetriebs im Feuilleton. Über Preisträger wird gestritten, ihre Bücher werden ausgiebig rezensiert, für »das Lesen« ist mithin genug getan. Das ist aktive Kulturarbeit in Zeiten der Marktwirtschaft. Jede andere Branche betreibt auf ihre Weise genauso Lobbyarbeit. Und die Feinde der Alimentierung müssen sich nicht sorgen, hungernde Literaten gibt es zur Genüge, es sind die schlechtesten nicht! Man muss sie nur suchen. Gibt es Kunst nur im Kampf? Und schaden also zu viele Preise der literarischen Qualität?