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Verleihung des Deutschen Hörbuchpreises steht kurz Kopf

17. März 2011
Redaktion Börsenblatt
Rund 4.000 Buchseiten ergeben im Fall von Marcel Prousts "Suche nach der verlorenen Zeit“ 9.380 Minuten Hörbuch. Der Synchronsprecher Peter Matić (Ben Kingsley) hat sie acht Jahre lang für Radio Berlin-Brandenburg und den Hörverlag eingelesen. Auf der Gala zur Verleihung des deutschen Hörbuchpreises wurde er dafür am Mittwochabend mit dem Preis der hr2-Hörbuchbestenliste ausgezeichnet. Und fügte sich damit gut ein in ein Jahr der konservativen Entscheidungen.
Mit verschiedenen Buntstiften habe er hantiert, um Prousts teils über drei Seiten lange Sätze zu bändigen, erzählt Peter Matić dem neuen Moderatorenpaar aus Dieter Moor und Katty Salié. Seine Fassung des „bekanntesten nicht gelesenen Werks der Weltliteratur“ (O-Ton Moor) hat so gute Chancen, zum bekanntesten nicht gehörten Hörbuch zu werden. Aber seine bloße Existenz ist eine anerkennenswerte Leistung, eine künstlerische und verlegerische Großtat jenseits jeglichen Profit-Interesses, die gewürdigt werden will.

In eine ähnliche Kategorie fallen das Hörbuch „Nelly Sachs, Schriftstellerin, Berlin/Stockholm“, das als „Beste Information“ geehrt wurde, und die Reihe „Edition Künstler im Gespräch“, die als „Beste verlegerische Leistung“ gewürdigt wurde. Das speak-low-Verlegerteam Vera Teichmann und Harald Krewer hat aus historischen O-Tönen, Gedicht-Interpretationen und Kommentaren eine akustische Hörbiographie der spät zur Schriftstellerei gekommenen Nelly Sachs geschaffen. Das Verlegerehepaar Mirjam Wiesemann und Ingo Schmidt-Lucas von Cybele Records hat in ihrer Edition unter anderem Musik und Interviews eines der größten noch lebenden Komponisten, Hans Werner Henze, nebeneinandergestellt. Auf der Verleihung ist Mirjam Wiesemann immer noch ergriffen, wenn sie an die Gespräche mit Henze zurückdenkt: „Ich habe auch persönlich unendlich viel davon gehabt. Es gibt Sätze von ihm, die mir bis heute im Gedächtnis geblieben sind.“

Die Überraschung der diesjährigen Hörbuchpreisverleihung ist, dass vermeintliche schwere Kost auch zum Publikumserfolg führt. Christa Wolf gibt im vorher aufgenommenen Video-Grußwort zu, dass sie sehr erstaunt war, dass ihr selbst eingelesenes Hörbuch „Stadt der Engel“ den Publikumspreis HörKules ergattern konnte. Das Projekt ist eine monumentale, vielstrangige Rückschau auf ihr Leben in drei deutschen Staats- und Gesellschaftsformen.

Dass dem neuen Moderatorenpaar trotz der höchst anspruchsvollen Preisträger eine lockere, farbenfrohe und nicht selten temporeiche Gala gelingt, hat wohl auch mit seiner Herkunft zu tun: Dieter Moor ist als Moderator von „titel, thesen, temperamente“ und Katty Salié von der WDR-Sendung „west.art“ gewohnt, hohe Kultur leicht zu verpacken. Ein durchaus fernsehwürdiger Talk gelingt ihnen etwa mit der Schauspielerin Laura Marie, die sich auf der Gala-Couch ebenso erfrischend und kindlich direkt gibt, wie bei der Interpretation von Janne Tellers „Nichts. Was im Leben wichtig ist“. Als sie bei der Lobhudelei einfach den Spieß umdreht und anfängt, Dieter Moors Buch „Geschichten aus der arschlochfreien Zone“ zu loben, steht die Verleihung kurz Kopf. Ein schöner Moment auf einer gelungenen Veranstaltung, die mit Burkhard Klaußners genialisch-komischer Lesung aus einer Ferdinand-von-Schirach-Kurzgeschichte würdig endet.

 

Max Florian Kühlem