In eine ähnliche Kategorie fallen das Hörbuch „Nelly Sachs, Schriftstellerin, Berlin/Stockholm“, das als „Beste Information“ geehrt wurde, und die Reihe „Edition Künstler im Gespräch“, die als „Beste verlegerische Leistung“ gewürdigt wurde. Das speak-low-Verlegerteam Vera Teichmann und Harald Krewer hat aus historischen O-Tönen, Gedicht-Interpretationen und Kommentaren eine akustische Hörbiographie der spät zur Schriftstellerei gekommenen Nelly Sachs geschaffen. Das Verlegerehepaar Mirjam Wiesemann und Ingo Schmidt-Lucas von Cybele Records hat in ihrer Edition unter anderem Musik und Interviews eines der größten noch lebenden Komponisten, Hans Werner Henze, nebeneinandergestellt. Auf der Verleihung ist Mirjam Wiesemann immer noch ergriffen, wenn sie an die Gespräche mit Henze zurückdenkt: „Ich habe auch persönlich unendlich viel davon gehabt. Es gibt Sätze von ihm, die mir bis heute im Gedächtnis geblieben sind.“
Die Überraschung der diesjährigen Hörbuchpreisverleihung ist, dass vermeintliche schwere Kost auch zum Publikumserfolg führt. Christa Wolf gibt im vorher aufgenommenen Video-Grußwort zu, dass sie sehr erstaunt war, dass ihr selbst eingelesenes Hörbuch „Stadt der Engel“ den Publikumspreis HörKules ergattern konnte. Das Projekt ist eine monumentale, vielstrangige Rückschau auf ihr Leben in drei deutschen Staats- und Gesellschaftsformen.
Dass dem neuen Moderatorenpaar trotz der höchst anspruchsvollen Preisträger eine lockere, farbenfrohe und nicht selten temporeiche Gala gelingt, hat wohl auch mit seiner Herkunft zu tun: Dieter Moor ist als Moderator von „titel, thesen, temperamente“ und Katty Salié von der WDR-Sendung „west.art“ gewohnt, hohe Kultur leicht zu verpacken. Ein durchaus fernsehwürdiger Talk gelingt ihnen etwa mit der Schauspielerin Laura Marie, die sich auf der Gala-Couch ebenso erfrischend und kindlich direkt gibt, wie bei der Interpretation von Janne Tellers „Nichts. Was im Leben wichtig ist“. Als sie bei der Lobhudelei einfach den Spieß umdreht und anfängt, Dieter Moors Buch „Geschichten aus der arschlochfreien Zone“ zu loben, steht die Verleihung kurz Kopf. Ein schöner Moment auf einer gelungenen Veranstaltung, die mit Burkhard Klaußners genialisch-komischer Lesung aus einer Ferdinand-von-Schirach-Kurzgeschichte würdig endet.
Max Florian Kühlem