„Eigentlich“, so sagt Peter Kurzeck, „wollte ich dieses Buch gar nicht schreiben.“ Für ein Versehen ist er dann allerdings gewaltig geworden, der „Vorabend“, der neue Roman des 1943 in Böhmen geborenen und im oberhessischen Staufenberg aufgewachsenen Schriftstellers, dessen neuer, mehr als 1000 Seiten umfassendes Buch, man kann es nicht anders sagen, mindestens ein Jahrzehntwerk ist, wahrscheinlich aber mehr als das.
Im vergangenen Sommer hat Peter Kurzeck den „Vorabend“ im Frankfurter Literaturhaus öffentlich diktiert – eine der ersten Amtshandlungen des neuen Leiters Hauke Hückstädt. Das Manuskript, so Kurzeck, sei schnell geschrieben worden und daher so unleserlich gewesen, dass niemand es hätte abschreiben können. Also tippten 36 Helfer der Reihe nach an dem Roman, darunter auch der FAZ-Redakteur Florian Balke, der nun Kurzecks Frankfurter Buchpremiere moderierte. Im Literaturhaus, versteht sich, das bereits seit Tagen ausverkauft war. So prall gefüllt und stimmungsvoll hat man den manchmal etwas kühlen Bau an der Schönen Aussicht seit langem nicht mehr erlebt.
Der Großteil der übrigen Tipp-Helfer saß im Publikum, als Peter Kurzeck in seinem charakteristischen Weltverzauberungstonfall, die Stimme am Ende eines Satzes stets ein wenig anhebend, ein Kapitel aus dem „Vorabend“ vorlas; eine Passage, die charakteristisch ist für das gesamte Buch, in dem es um einen Umbruch geht, um eine Veränderung von Mentalität und Landschaft von den 50er- bis in die 80er-Jahre hinein. „Das Buch“, so Kurzeck im anschließenden Gespräch, „ist entstanden, weil ich ihm nicht widerstehen konnte.“ Eigentlich, so sagt er, habe er nur eine kurze Szene aufschreiben wollen, einen sonntäglichen Kinobesuch im oberhessischen Lollar. Daraus wurde ein ganzer Roman. Ein Roman, wie der Autor erzählte, der sich oft wie von selbst geschrieben habe, so wie beispielsweise das vorgetragene Kapitel: „Ich weiß noch, dass ich es schreiben wollte und dann weiß ich wieder, dass es irgendwann auf dem Papier stand.“ Die Ausgangssituation ist folgende: Der Autor sitzt im Jahr 1982 am Küchentisch eines befreundeten Paares und erinnert sich zurück. Dabei werden Madeleines gegessen, massenweise, 48 Stück sind es am Ende.
Ob das eine Hommage an Proust sei oder eher eine Parodie, wollte der Moderator wissen. „Weder, noch“, antwortete Kurzeck, „die haben wir wirklich gegessen, die gab es seinerzeit eben bei Kaufhof im Angebot.“ So einfach kann Literatur manchmal sein.