Börsenverein

Live-Bericht aus dem Branchenparlament

7. April 2011
Redaktion Börsenblatt
Der E-Book-Markt, die Bestelloptimierung im Buchhandel und immer wieder libreka!: Darum ging es heute im Branchenparlament des Börsenvereins. Während sich Verleger und Buchhändler ohne Wenn und Aber hinter die Branchenlösung libreka! stellten, forderte der Ausschuss für den Zwischenbuchhandel einen Verkauf.  

Karl-Peter Winters, Vorsitzender des Verleger-Ausschusses unterstrich zum Auftakt der Sitzung, dass sich die Branche in einem Strukturwandel befinde, "dessen Schnelligkeit immer weiter zunimmt". Dennoch gelte: "Unsere Branche ist zwar klein, aber sehr lebendig. Und so lange sie so lebendig bleibt, lassen wir uns nicht unterkriegen".

Aktuellen Prognosen zufolge werde der Sortimentsbuchhandel bis zum Jahr 2015 rund 15 Prozent seines Umsatzes durch die Digitalisierung einbüßen. Der Strukturwandel mache es erforderlich, neue Instrumente zu schaffen, wie etwa libreka!. Die Plattform sei nicht zuletzt "als Bollwerk gegen die großen Player ins Leben gerufen worden".

Bevor sich das Parlament dem Thema libreka! widmete, ging es allerdings zunächst um die Entwicklung auf dem digitalen Markt.

E-Book-Studie

Christoph Kochhan, Professor an der Fachhochschule in Riedlingen und bis vor kurzem Leiter Marktforschung beim Verband, stellte die E-Book-Studie vor, über die das Börsenblatt bereits berichtet hat. Einige Eckdaten:

- Der E-Book-Umsatz 2010 wird mit 21,2 Millionen Euro beziffert
- Dieser Wert entspricht 0,5 Prozent des Käufermarkts
- 35 Pozent der Verlage bieten inzwischen E-Books an
- Fast 40 Prozent der Novitäten erscheinen auch als E-Book
- Der Sortimentsbuchhandel hat 2010 knapp ein Prozent vom Umsatz mit E-Books erwirtschaftet

libreka!

Vor dem Hintergrund dieser Zahlen widmete sich das Branchenparlament danach der Zukunft der Plattform libreka!, die sich mit Partnern wie zum Beispiel der Telekom mehr und mehr als Distributionsplattform für E-Books etabliert.

MVB-Geschäftsführer Ronald Schild stellte dem Branchenparlament die Geschäftsprognosen für libreka! vor. Das Marktpotenzial für eine solche Plattform schätzt die MVB für 2011 auf 25 Millionen Euro (nur Verlagsverkäufe)  - für libreka! sei dabei ein Marktanteil von 15 Prozent realistisch, so Schild in seiner "eher konservativen" Schätzung. 2013 geht die MVB schon von einem Potenzial von 171 Millionen Euro aus. Davon könne sich libreka! nach den aktuellen Prognosen einen Marktanteil von 18 Prozent sichern, so Schild. Die Hälfte der prognostizierten Erlöse von 3,76 Millionen Euro soll dann bereitst aus Provisionen für den Vertrieb der digitalen Inhalte fließen (1,7 Millionen Euro).

libreka! trage sich schon jetzt, betonte Schild - werde aber noch finanziert aus der Kopplung libreka und vlb. "Das ist kein Investitionsgrab, sondern eine sinnvolle Investition", sagte Schild. In keiner anderen Medienbranche, keinem anderen Land gebe es ein solches Modell, das eigene Antworten auf die Digitalisierung suche und den traditionsreichen Handel dabei einbeziehe. 

"Wir werden stark steigende Erlöse haben, wenn unsere Erwartungen eintreffen", betonte der MVB-Geschäftsführer. Und warb um Unterstützung: "Jetzt ist es an uns, diese Prognosen mit Leben zu füllen. Wir brauchen von den Verlagen ihren Content. Und wir möchten, dass libreka in die Shops der Buchhändler eingebunden wird". Im Sortimenter-Ausschuss würden die Überlegungen sogar bis zur Entwicklung eines gemeinsamen E-Book-Readers reichen.

Nach Schilds Erläuterungen nahmen die drei Fachausschüsse Stellung. Für das Sortiment sprach Heinrich Riehtmüller (Osiander). Der E-Book-Markt sei ein Markt, der sich permanent verändere, so Riethmüller. Die Branchenlösung libreka! gebe allen Marktteilnehmern die Chance, an dem Geschäft teilzunehmen. libreka! mache es der Branche möglich, ein Zeichen zu setzen: Teilnehmen, nicht untergehen – das sei gerade vor dem Negativbeispiel der Musikindustrie die Devise. "Wir sprechen uns deshalb klar für libreka! aus", so der Vorsitzende des Sortimenter-Ausschusses. "Es wäre ein fatales Zeichen, wenn libreka! jetzt, wo sich der Markt entwickelt, wieder eingestellt würde", betonte Riethmüller. Selbst wenn libreka! in Konkurrenz zu einzelnen Marktteilnehmern stehe - und durch die Partnerschaft mit anderen Playern auch Konkurrenz für den Buchhandel erwachse.

Auch der Verleger-Ausschuss hat sich intensiv mit libreka! beschäftigt. Er sieht in libreka! ein strategisches Interesse der Verlage, aber auch der Sortimenter, weil sie damit eine Stärkung ihrer Position gegenüber den großen Branchenteilnehmern erreichen könnten, wie der Ausschuss-Vorsitzende Karl-Peter Winters betonte. "Die Sorgen, dass libreka! auf einem nicht ausreichend durchdachten Geschäftsmodell beruht, sind nicht begründet", so Winters. "Die Titelmeldegebühren dienen als Anschubfinanzierung – und wir haben mit Freude vernommen, dass libreka! in einigen Jahren auch ohne diese Hilfe auskommen könnte".

Die Verleger sehen allerdings auch den Konflikt mit dem Zwischenbuchhandel. Und schlagen vor, diesen Konflikt wenigstens abzumildern. Alles in allem sprach Winters jedoch von einem "klaren Meinungsbild": Der Verleger-Ausschuss, so der Vorsitzende, bitte das Branchenparlament darum, den aktuellen Kurs mit libreka! fortzusetzen.

Matthias Heinrich sprach für den Zwischenbuchhandel. libreka! trete, finanziert durch Titelgebühren und auch durch Zukauf von claudio.de, vermehrt in Konkurrenz zu den Zwischenbuchhändlern. Diese Vertriebsaktivitäten könnten sich in einen Nachteil für viele Marktteilnehmer umkehren, mahnte Heinrich. Um eine Eskalation des Konflikts zu vermeiden, schlägt der Ausschuss vor, libreka! zu verkaufen, eventuell auch an einen Kreis von mehreren Firmen - und die Subventionierung durch Meldegebühren einzustellen.

Nach der Stellungnahme der Fachausschüsse meldete sich Zwischenbuchhändler Oliver Voerster von KNV zu Wort. Er warnte davor, mit libreka! ein Monopol zu schaffen, gerade vor dem Hintergrund der EU-Durchsuchungen in Frankreich: "Das ist ein Spiel mit dem Feuer." Für sein Unternehmen müsse er nun überlegen, ob er weiterhin ein Konkurrenzmodell unter dem Börsenvereinsdach mitfinanzieren wolle. Solche Diskussionen wie um libreka! gefährdeten das Weiterleben eines Dreisparten-Verbands. 

Voerster begrüßte, dass erstmals Zahlen zu wirtschaftlichen Entwicklung von libreka! genannt wurden, war aber auch der Ansicht, dass es sich bei deren Berechnung um den "best case" handele. Eine Kostendeckung hält er jedenfalls "nicht für so schnell möglich". Abschließend forderte der Zwischenbuchhändler den Verband auf, "sich wieder um Themen zu kümmern, die allen nutzen". 

Heinrich Riethmüller schaltete sich mit dem Satz in die Diskussion ein, dass libreka! nicht nur für den Zwischenbuchhandel, sondern auch für die Buchhändler Konkurrenz bedeute. Dennoch unterstützten die Buchhändler den Kurs von libreka!. Im übrigen habe er mit Interesse gelesen, dass KNV und Libri als Distributionspartner der neuen Media Saturn-Tochter Redcoon im Geschäft sei: "In dem Moment, wo Sie selbst ein gutes Geschäft wittern, sind Sie schnell dabei."

Karl-Peter Winters fasste das Ergebnis der Diskussion um libreka! in zwei prägnanten Sätzen zusammen:
"Es besteht ein großer Konsens in der Branche, aber kein Konsens über die Sparten hinweg."

AG PRO - Bestelloptimierung

Neben dem Thema libreka! ging es im Branchenparlament auch um die Optimierung des Bestellwesens im Buchhandel. Franziska Bickel (Buchhandlung Vogel, Schweinfurt) und Christoph Maris (Thalia, Hagen) von der AG Pro (Prozesse, Rationalisierung, Optimierung) stellten entsprechende Empfehlungen vor, die von der AG spartenübergreifend entwickelt worden sind.

Optimierungspotenzial sehen die Mitglieder der AG Pro sowohl im Buchhandel als auch bei den Verlagen. Buchhändler müssten ihr eigenes Bestellverhalten kritischer unter die Lupe nehmen, Parkmodelle nutzen oder mit Warenwirtschaftssystemen arbeiten, machte Bickel deutlich. Und: Konstante Jahreskonditionen mit den wichtigen Lieferanten könnten helfen, das Dickicht an Einzellösungen zu lichten und den Arbeitsaufwand zu senken. An die Adresse der Verleger richtete sich der Appell, zum Beispiel auf Partieexemplare zu verzichten, weil diese manuell in die Warenwirtschaft aufgenommen werden müssten. 

Details zu den Empfehlungen lesen Sie im nächsten Börsenblatt und im Download-Bereich auf Mein Börsenverein.

In der anschließenden Diskussion betonte Dieter Dausien (Buchhandlung am Freiheitsplatz, Hanau), dass der Zwischenbuchhandel beim Thema Bestelloptimierung ebenso gefragt sei wie Buchhandlungen und Verlage.

Oliver Voerster (KNV) sprach sich gegen ein System von Jahreskonditionen aus. Unüberlegtes Bestellen ziehe sonst weitere Folgekosten nach sich. Ein solcher "Freibrief" könne nicht im Sinne der Branche sein. Christoph Maris betonte allerdings, dass dieser Vorschlag auch nicht als "Freibrief" zu verstehen sei, sondern zu einem Gesamtpaket rund um die Bestellwege zwischen Verlag und Buchhandel eingebettet werden müsse.

VLB als Referenzdatenbank

Ebenfalls auf der Tagesordnung im Goethehaus: Die neue Referenzdatenbank. Vor einem Jahr hatte das Branchenparlament den Beschluss gefasst, das Verzeichnis lieferbarer Bücher (VLB) zur Referenzdatenbank auszubauen. Kaum eine Entscheidung dieses Gremiums habe so schnell Früchte getragen, zog Börsenvereinsjustiziar Christian Sprang Bilanz. Von knapp 960.000 Titeln im VLB seien mittlerweile 725.000 mit Referenzpreisen gemeldet. "Das ist gewaltig", so Sprang. Die Lösung biete dem Handel Sicherheit gegen Massenabmahnungen aufgrund falsch verzeichneter Preise.

Weil das Modell so erfolgreich ist, soll nun die Verkehrsordnung der Branche ergänzt werden. Das Branchenparlament hat für die notwendigen Gespräche mit dem Bundeskartellamt zwei Formulierungsalternativen auf den Weg gebracht. Der Hintergrund: Bislang müssen die Verlage noch ausdrücklich erklären, dass die VLB-Preise ihre Referenzpreise sind. Solche Einzelerklärungen würden mit der Erweiterung der Verkehrsordnung hinfällig.