Sicherlich ein Wunschtraum vieler Leser: Fragen zum gerade gelesenen Buch direkt an den Autor und Verleger richten zu können. Dieser Traum wurde gestern Abend für angehende Buchhändler am mediacampus frankfurt wahr. Im Rahmen von "Frankfurt liest ein Buch" war es gelungen, Wilhelm Genazino und Michael Krüger zu einem Gesprächsabend einzuladen.
Zum lockeren Gespräch auf dem Podium – Thema: "Verweigerung: Abschaffel gestern! Abschaffel heute?" – in der angenehmen Atmosphäre des großen Saals auf dem mediacampus frankfurt fanden sich neben Wilhelm Genazino und Michael Krüger, Lothar Ruske (Frankfurt liest ein Buch) sowie die drei Auszubildenden Veronica Schroeter (Lehmann's, Hannover), Karin Stolze (Thalia, Bernburg a. d. Saale) und Kay Colmorgen (Bücherinsel, Dieburg) ein, die stellvertretend für die Schüler des 167. Berufschulblocks am mediacampus die gut vorbereiteten Fragen stellten.
Angestoßen hatte die Veranstaltung Lothar Ruske, der Literaturdozent Osama Ishneiwer organisierte innerhalb eines neunwöchigen Berufschulblocks am mediacampus eine Lese-AG mit rund 30 Teilnehmern, in der die Abschaffel-Trilogie Genazinos gelesen und der Abend inhaltlich vorbereitet wurde. Gleichzeitig sorgte eine Veranstaltungs-AG um die Campusbuchhändlerin Kirsten Dehler und Projektkoordinator Tobias Wißmann für den reibungslosen Ablauf. Alles wurde innerhalb der Gruppen erarbeitet. "Es war uns wichtig, dass es ein intensiver Lernprozess ist, die Themen von den Berufsschülern selbst erarbeitet wurden", sagt Kirsten Dehler.
Man wolle den Studenten immer "den Kontakt zur deutschen oder internationalen Literatur ermöglichen", führte Osama Ishneiwer in seiner Begrüßung aus. Das ist mit dem gestrigen Abend prächtig gelungen. Wilhelm Genazino und Michael Krüger beantworteten die Fragen ausführlich, nicht ohne die eine oder andere amüsante Anekdote einzuflechten. Genazino erzählte, wie der Name "Abschaffel" (eine Wortspielerei aus seiner Schulzeit) und überhaupt die Idee zur Trilogie entstand, und ließ sich über den "gedehnten Blick" aus, mit dem man Details am besten erfassen könne. Einen Aufruf zur (gesellschaftlichen) Verweigerung an seine Leser hätte er mit "Abschaffel" nicht im Sinn gehabt. Vielmehr betonte er: "Belehrende Bücher sind unerträglich!" Und würde er heute das Buch genauso schreiben? "Ähnlich", so Genazino, aber mit leichten Veränderungen – allerdings hätte er Schwierigkeiten und eigentlich keine Lust, die heutige virtuelle Welt einzubauen.
Michael Krüger zählt "Abschaffel" zu seinen Lieblingslektüren, zuerst hat er die Trilogie in den 1970er Jahren gelesen, bei der erneuten Lektüre erstaunt ihn: "die Tragik der Figur war mir vollkommen im Gedächtnis geblieben". Das Werk beschreibt für ihn eine bestimmte historische Situation im Angestelltendasein, das sich heute vollkommen verändert habe (etwa bei Berufsbezeichnungen und Organisationsformen). Das "Fremdheitsgefühl", das Abschaffel themasiert, sei jedoch im heutigen Berufsleben teilweise stärker ausgeprägt als zur Zeit der Entstehung der Trilogie, meint Krüger.
"Sehr belebender Abend"– Ausklang mit Brezeln und Getränken
Der große Applaus der zahlreichen Zuhörer am Ende zeigte eindeutig: Dies war für alle Beteiligten ein mehr als gelungener Frühlingsabend, der Lust auf "Abschaffel" und andere Texte von Wilhelm Genazino weckte. Bei Brezeln und Getränken gab es die Möglichkeit, mit Autor und Verleger ins Gespräch zu kommen.
Und ein sichtlich zufriedener Wilhelm Genazino signierte seine Bücher. Er lobte das Gespräch mit den angehenden Buchhändlern als "sehr gut, sehr belebend", und resümiert: "bei jungen Leuten kann man immer etwas mitnehmen", so wie die Berufsschüler zum Abschluss ihres Berufsschulblocks eine motivierende Erfahrung 'einpacken' konnten.
Über die Vorbereitung des Abends und einen begleitenden Wettbewerb zum Buch informiert auch ein Blog der Berufsschüler. Dort findet sich auch ein aktueller Bericht zum gestrigen Abend.
Matthias Glatthor