Die Nachricht, dass er den diesjährigen Max-Herrmann-Preis erhalten solle, habe ihn jedoch erst einmal zögern lassen, erzählte Georg Siebeck in seiner Dankesrede am gestrigen Dienstagabend bei der Verleihung vor rund 150 Gästen. Der Verleger, der auf die letztjährige Preisträgerin Inge Jens folgte, vermutete anfangs, die Auszeichnung sei einfach nur eine direkte Folge seiner Entscheidung, das gesamte Archiv des Wissenschaftsverlags Mohr Siebeck der Staatsbibliothek zu übergeben. Im Juni 2010 wurden mehr als 1.100 Kartons und Kisten feierlich überreicht, mit der Auflage, das darin befindliche Archiv innerhalb von fünf Jahren zu erschließen und der Wissenschaft zugänglich zu machen. Doch sein Zögern habe sich schließlich, so der Laureat Siebeck weiter, bei näherer Beschäftigung mit dem Preis gelegt: „Der Tag der Verleihung, der 10. Mai, in Gedenken an die Bücherverbrennung in Berlin, und die Persönlichkeit des Namensgebers Max Herrmann haben mich belehrt, dass der Preis keine schlichte Antwort auf die Schenkung ist.“
Der Literaturhistoriker und Theaterwissenschaftler Max Herrmann, einer der Mitbegründer des Instituts für Theaterwissenschaft in Berlin, war ein leidenschaftlicher Leser und Nutzer der Berliner Staatsbibliothek. 1933 wurde Max Herrmann von den Nationalsozialisten zwangsweise in den Ruhestand versetzt, 1937 erhielt er Sitzverbot (!) in der Staatsbibliothek. Das Angebot, einem Ruf als Professor in die USA zu folgen, schlug er aus, da er dann seine „geliebten Bücher in der Staatsbibliothek“ hätte verlassen müssen. Helene und Max Herrmann wurden 1942 nach Theresienstadt deportiert und dort ermordet. In seinem Gedenken wurde der Preis im Jahr 2000 ins Leben gerufen. Georg Siebeck ist der zehnte Preisträger.
Es war an Eberhard Jüngel, evangelischer Theologe und Kanzler des Ordens Pour le mérite, in seiner Laudatio die Leistungen Georg Siebecks und seines Verlags für die Wissenschaft und das leidenschaftliche Engagement des Verlegers für seine Autoren und ihre Bücher hervorzuheben. In der Rede, die von dem Schriftsteller Jakob Hein verlesen wurde, da Eberhard Jüngel sich bei einem Unfall verletzt hatte und somit nicht anreisen konnte, zog der Laudator eine unfertige Bilanz des Lebens von Georg Siebeck, das er als „Jüngling in lockigem Haar“ begann, der partout nicht studieren wollte, da er „das akademische Studium mit einer verlängerten Schulbank-Existenz verwechselte“. Der Vater schickte ihn nach Berlin zu einem Volontariat in die Fachbuchhandlung Struppe & Winckler. Amsterdam, München und Oxford folgten, bis Georg Siebeck, der Carl Hanser als seinen verlegerischen Ziehvater nennt, in den familieneigenen Verlag zurückkehrte, was einigen älteren Autoren des Verlage anfangs mit ihren „ von sorgenvollen Furchen gezeichneten Gesichtern“ nicht behagte. Sie wurden eines Besseren belehrt, denn – so Jüngel abschließend – es gehört zu Siebeck, dass „jeder Autor so zu behandeln sei, als sei er der Mittelpunkt des Universums“.
Georg Siebeck selbst griff in seiner Dankesrede die Frage auf, was den Verleger oder die Verlegerei denn überhaupt preiswürdig mache und setzte neben der Fähigkeit, die verschiedensten Fähigkeiten miteinander kombinieren zu müssen, vor allem ein Motto als Antwort, das sich an einem niederländischen Sprichwort orientiert: „Wat je met liefde doet, gaat altijd goed! – Was man mit Liebe tut, geht immer gut.“
Diese Liebe und die dahinter verborgene Leidenschaft des Verlegens veranlasste Siebeck, es sich doch nicht nehmen zu lassen, auf die derzeitige, teils heftige Diskussion zwischen Verlags- und Bibliotheksverbänden einzugehen. „Ein freier Wettbewerb“, so warnte er, „ist fundamental und wichtig“. Kostenfreiheit auf riesigen digitalen Bibliotheks-Plattformen sei ebenso bedenklich wie das Ansinnen einiger großer Verlage, isolierte Wissenschaftspakete anzubieten. „Wir befinden uns nur auf verschiedenen Positionen einer gemeinsamen Vertrauenskette, an deren beiden Enden die Autoren und die Nutzer stehen.“
Dass in solch einer Zeit, in der das Misstrauen zwischen den beteiligten Institutionen und Verbänden immer mehr wächst, gerade ein Verleger mit einem Bibliothekspreis ausgezeichnet wird, ist für Georg Siebeck eine besondere Freude. Deswegen würden alle Beteiligten des Mohr Siebeck Verlags, der 20 Prozenten seiner Bücher auf Englisch veröffentlicht und sie in mehr als 50 Länder verkauft, weiterhin zum Nutzen der Wissenschaft und ihrer Freiheit arbeiten.