Forum Zukunft im Börsenverein

Die Crowd im Camp

20. Mai 2011
Redaktion Börsenblatt
Ein Berliner Treffen von Buch und Internet: Fragen und Antworten rund um die Idee vom kollaborativen Arbeiten.

Ein Best-of war versprochen. Das Beste vom BuchCamp des Börsenvereins (7. bis 8. Mai in Frankfurt) sollte in Berlin noch einmal zur Aufführung kommen. Passenderweise im BaseCamp, was nicht mit Basislager zu übersetzen ist. Gemeint ist ein Showroom mit Bar, Berlin, Unter den Linden 10, in den Base, Ableger des Telekommunikationsunternehmens E-Plus, zusammen mit dem Börsenverein eingeladen hatte, um über „Crowdsourcing" zu diskutieren.

Mit den Worten fängt es an. Für die Community (also die Gemeinde) muss man nicht übersetzen, wer aber nicht dazugehört, für den klingt BuchCamp vielleicht doch eher nach einem speziellen Zeltlager als nach einer in vielerlei Gruppen geführten Diskussion über die Zukunft des Buchs unter neuen Bedingungen, denen des Internets. Und Crowdsourcing – da gibt vielen wohl auch das Wörterbuch nur eine ungefähre Ahnung, hilfsweise ließe sich vielleicht fürs Erste am ehesten vom gemeinsamen Arbeiten reden. Die gröbsten Verständigungsprobleme lassen sich also ausräumen - doch die Kluft zwischen der alten und der neuen Buchwelt wird wohl nur langsam überbrückt werden, wenige, die sich hier wie da heimisch fühlen.

Zum hauptstädtischen Treffen präsentierte Marion Schwehr die Internetadresse euryclia (www.euryclia.de). Die Idee: Buchprojekte gemeinsam entwickeln. Am Anfang steht eine Leseprobe. Ob daraus mehr wird, darüber entscheidet das Interesse der Besucher der Seite. Sind es ausreichend viele, die ein Thema spannend finden, dann wird daraus vielleicht ein – gemeinschaftlich produziertes – Werk. Der Prototyp kommt im Juli: „Universacode. Journalismus im digitalen Zeitalter" - mit Beiträgen namhafter Journalisten in einer Auflage von rund 1.000 Exemplaren. Es ist ein Experiment, sagt Schwehr selbst, die ihr Geld vorerst noch als Angestellte der Münchener Rück verdient.

Neobooks (www.neobooks.com) heißt eine Plattform für neue Literatur, die der Droemer Knaur Verlag im vergangen Oktober freigeschaltet hat. Das ganze firmiert im Internet auch unter dem Slogan „Deutschland sucht den nächsten Superautor". Den Superautor suchen viele, Knaur will erst einmal die Flut unaufgefordert eingesandter Manuskripte kanalisieren, täglich 30, so berichtete in Berlin Lektorin Eliane Wurzer. Den Supertext des Superautors haben sie noch nicht entdeckt unter den eingestellten Manuskripten, auch keine große Genre-Kunst, vor allem Semiprofessionelles. Regelmäßig gibt es eine Top Ten der am heißesten von der Crowd (also denjenigen, die auf der Seite kommentieren) empfohlenen Titel, pro Halbjahr wählt das Knaur-Lektorat dann fünf Ausgaben, die als sogenannte E-Riginals erscheinen, also als E-Book-Originale. Die ersten heißen: „Helden", „Mein Krebs heißt Leben", „Entbehrlich", „Friesensturm" und „Frühlingsträume". Der Regiokrimi „Friesensturm" soll im Februar auch als Taschenbuch erscheinen.

Crowdsourcing beschäftigte wie gesagt die BaseCamp-Runde, also - noch einmal - die Möglichkeiten, die sich aus dem Rückgriff auf die Kompetenz vieler ergeben. In Berlin nun berichteten Schwehr, Wurzer und andere, vorn erhöht auf Barstühlen sitzend von Projekten und Ideen und diskutierten über Erfahrungen mit dem so genannten „kollaborativen Arbeiten". Wer sich von Zuhörerseite einmischen wollte, der konnte live twittern und tat es auch (nachzulesen unter: „#buchcamp"), zur eher herkömmlichen Art der Kommunikation und Teilhabe wurde die digitale Community, die im realen Raum auf weißen Hockern Platz genommen hatte, während des zweistündigen BaseCamps nicht eingeladen.