Island und seine Literatur

"Das Himmelreich ist nicht viel größer"

6. Juni 2011
Redaktion Börsenblatt
Island hat wenig Geschichte. Mal gerade 1100 Jahre sind seit den ersten Landnehmern im 9. Jahrhundert vergangen. Aber Island hat unendlich viele Geschichten. Isländer sind süchtige Leser. Viele von ihnen sind auch Autoren. Und manche (verstorbene) Autoren sind für immer Islands Helden.
Der Nobelpreisträger Halldór Laxness zum Beispiel, dessen Haus in Gljúfrasteinn nahe der Hauptstadt heute als wallfahrtsortähnliches Museum betrieben wird; oder Snorri Sturluson, dessen überragende Bedeutung für die gesamte skandinavische Kultur auch an einem überlebensgroßen Snorri-Denkmal kenntlich wird, das in dem traumschön verschlafenen Örtchen Reykholt steht.

Der literaturverrückte Inselstaat im Nordatlantik wird im Oktober dieses Jahres Ehrengast der Frankfurter Buchmesse sein – ein Glücksfall, zu dessen Vorbesichtigung der Gast jetzt eine Gruppe Journalisten nach Reykjavik eingeladen hat. Erste Eindrücke vom Lesen und Schreiben am Rande der bewohnbaren Welt:

Die zentrale Rolle, die Bücher im Leben der Isländer spielen, wird in der Literatur selbst am besten beschrieben. In einem der Romane, die zur Herbstmesse auf Deutsch herauskommen – Jón Kalman Stefánssons "Der Schmerz der Engel" (Anfang September bei Piper) – gibt es eine Szene, in der die zwei Hauptfiguren nach einer Tour auf Leben und Tod Aufnahme in einem Pfarrershaushalt einer kleinen Siedlung finden. Der Jüngere der beiden, ein Büchernarr, vergisst sofort die soeben überstandene Gefahr und versenkt sich in die Bibliothek des Geistlichen. Dann heißt es: "... über allem liegt dieser berückend schwere Duft von Staub und Büchern. Tief atmet er ihn ein, vermutlich ist das Himmelreich nicht viel größer als das hier."

Kristján B. Jónasson, der Vorsitzende des isländischen Verlegerverbands, hat für die Literaturverehrung seiner Landsleute eine einleuchtende Erklärung. "Island ist eine Insel hoch im Norden. Man kommt hier schlecht weg – außer lesend und schreibend." Literatur sei eine "unbestrittene Existenzgrundlage. Das stellt hier niemand in Frage, auch kein Politiker." Lobbyarbeit in dieser Sache sei nicht nötig. Literarische Überlieferung und mündliche Erzählkultur fließen auf natürliche Weise ineinander. "Jeder Isländer kennt die Konstruktionsregeln unserer typischen Vierzeiler, der ,ferskeytla", berichtet Jónasson – und fast jeder wendet sie dann und wann auch an.

Der Profi-Verleger erzählt von seiner weit verbreiteten "autodidaktischen" Konkurrenz im Land. Viele Bauern an der Nordküste etwa seien begeisterte Selbstverleger. "Sie machen ihr eigenes Buch, rufen eine Druckerei an, lassen es herstellen, holen es ab und fahren dann selbst über Land, von Hof zu Hof, um ihr Buch den Leuten zu verkaufen." Das Verlegen auf eigene Faust sei eine ganz bewusste Investition, nach dem Motto: "Dieses Jahr kaufen wir uns kein neues Auto, sondern bringen ein Buch heraus."

Das Internet hat die isländische Neigung zur schriftlichen Selbstmitteilung noch begünstigt. "Bald jeder hat hier einen Blog", sagt der Verleger, "auch meine Mutter." Die Finanzkrise habe zu diesem Trend ihren Teil beigetragen. Viele Bürger des Landes verarbeiteten schreibend ihre Enttäuschungen und ihren Schock über die jähe Staatspleite – Wut-Blogger, eruptiv wie der Geisir.

Auf der großen Vulkaninsel mit ihrer kleinen Bevölkerung von knapp 320.000 Menschen blüht nicht viel, aber die Buchlandschaft blüht. 2,5 Millionen Bücher werden laut Kristján B. Jónasson dort pro Jahr verkauft. Eine Studie habe gezeigt, dass 93 Prozent der Isländer mindestens ein Buch im Jahr lesen und immerhin 40 Prozent mehr als fünf Bücher. Mehrere hundert Buchverkaufsstellen seien über das weite Land verteilt. Supermärkte spielten seit der Deregulierung des Handels in den 90er Jahren eine dominierende Rolle beim Buchabsatz; insbesondere in den Wochen vor Weihnachten böten fast alle Läden, die Lebensmittel verkaufen, auch Bücher an. Lebensmittel eben. Die Finanzkrise und ihre Folgen mache vielen Handelssparten in Island bis heute schwer zu schaffen, nicht jedoch dem Buchhandel. Dessen Zahlen sind Jónasson zufolge stabil geblieben.

Den Schriftsteller Huldar Breidfjörd ("Liebe Isländer", im Frühjahr 2011 bei Aufbau erschienen; im Original, das in Island beliebte Schullektüre ist, bereits 1998) wundert die Krisenfestigkeit der Literatur nicht. Im Gegenteil: "Die Bankenkrise, das war, als wäre eine ganze Nation plötzlich wach geworden", sagt der 39-Jährige. Der Kollaps habe einer schrecklichen Entwicklung ein Ende gesetzt. "Noch ein paar mehr von diesen ,guten Jahren’ – und Reykjavik wäre endgültig eine sehr hässliche Stadt geworden."

So aber seien seine Landsleute, nicht nur die schriftstellernden, dank der Krise in eine Suche nach nationaler Identität eingetreten: "Welche Art von Gesellschaft wollen wir haben? Was sind unsere Werte? Wer sind unsere Freunde? Welche Rolle spielen wir in der Weltgemeinschaft?"

Nationale Selbstvergewisserung hat auf der Insel allerdings Tradition. Bereits der in seiner Heimat bis heute hoch verehrte Nationaldichter Jónas Hallgrímsson brachte es in seinem Island-Poem 1835 auf diese Fragen: "Was nun ist unser Gewinn/ Erworben in sechshundert Sommern?/ Haben, durchmessend die Bahn,/ Glückliches Ziel wir erreicht?" Huldar Breidfjörd besteht 176 Jahre später weiterhin auf diese geistige Grundhaltung in Island: "Die Fragen zu stellen, ist wichtiger, als die Antworten zu bekommen." Antworten – das wäre womöglich erst die wahre Krise: Krise des Erzählens und Zweifelns und Suchens. In Stefánssons Roman steht der schöne Satz "Staunen ist gesund". Island staunt gern über sich selbst.

Huldar, der damalige Literaturstudent aus Reykjavik, hatte in "Liebe Isländer" ebenfalls vor allem Fragen im Gepäck, als er sich mit einem alten Volvo "Lappländer" auf eine winterliche Identitätssuche einmal um die ganze Insel begab. Ergebnis seiner monatelangen Erkundungsfahrt: "Irgendwann auf diesem Trip ist mir klar geworden: Du findest hier keine Identität, keine Definition, was ,Isländisch’ eigentlich meint. Du kannst nur ein paar Notizen machen." Zum Beispiel die Notiz, "dass die Zeit oft sehr langsam vergeht, dass die Leute zwei Stunden bei einem Kaffee am Tisch sitzen und keiner etwas sagt".

Was das Geheimnis hinter solcher Stille sei? "Oh, kein Geheimnis", sagt Huldar und lächelt etwas müde, "ich glaube, das ist eine Art ehrliches Schweigen bei uns. Sonst gar nichts." Gut ist das jedenfalls für die Verbreitung des Schachspiels und des Lesens, zwei am besten schweigend zu verrichtende Beschäftigungen, die der Isländer liebt.

Was das Lesen anlangt, liebt er es übrigens längst auch in der elektronischen Variante. Kristján B. Jónasson berichtet vom großen Interesse der Isländer am E-Book. "Viele haben hier inzwischen einen Kindle. Die lesen dann Amazon-Bücher auf Englisch und fragen, warum sie die noch nicht auf Isländisch kriegen können." Die Antwort, die sie nicht bekommen, wäre in erster Linie wohl eine vertragsrechtliche. Während ein Mustervertrag die Interessen von Verlegern und Übersetzern beim Vertrieb von Büchern über alle Darreichungsformen hinweg schon für beide Seiten zufriedenstellend regele, hätten Verleger und Autoren noch zu keiner Einigung gefunden, klagt der Verlegerpräsident, der zur Zeit 42 Mitgliedsunternehmen im Verband vertritt. Besonders schmerzt es ihn und seine Kollegen, dass bisher kaum E-Rechte für Backlist-Titel vorliegen.

Amazon schmerzt es vermutlich weniger. Denn Isländer können nicht nur hervorragend schweigen. Auch ihr Englisch ist meist sehr gut – und ein langer Winter mit dem Kindle also kein Problem.

 

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