Buchtage Berlin: Eröffnung

"Traditioneller Buchhandel muss in der Mitte bleiben"

9. Juni 2011
Redaktion Börsenblatt
„Nur wer heute weiterdenkt, wird auch morgen noch Teilnehmer des Marktes sein“, sagte Börsenvereins-Vorsteher Gottfried Honnefelder zur Eröffnung der Buchtage und des Fachkongresses „Im Sog der E-volution – Der Buchmarkt und seine Wertschöpfungsketten“ im Congress Center Berlin.

Offen sei, wer und was künftig Teil der Wertschöpfungskette sein werde. Der traditionelle herstellende und verbreitende Buchhandel müsse in der Mitte des Buchgeschäfts bleiben. Dafür zu sorgen sei Aufgabe des Börsenvereins. Honnefelder bezeichnete die Leistungen der Buchbranche als einzigartig.

Die Diskussion über die digitale Zukunft des Buchs werde ohne Autoren und Leser geführt, sagte Cora Stephan, erste Gastrednerin der Buchtage. Sie forderte "ein neues Bündnis" zwischen Verlegern, Buchhändler und Autoren. Noch immer seien die meisten der deutschen Autoren treue Anhänger des traditionellen Buchs, der kleinen Buchhandlung um die Ecke, und der kleinen Verlage.

Doch die Realität verändere sich. Es gebe immer mehr Autoren, die mit dem Gedanken spielten, sich selbständig zu machen. Denn viele Verlage hielten keineswegs die Flut des Immergleichen fern und seien nicht zuallererst Entdecker, Buchhändler würden nicht immer ihre Kunden besser kennen als Bestsellerlisten. Das Publishing-Angebot von Amazon werde nicht heute, aber morgen verstärkt von Autoren genutzt werden. Stephan schloss provokativ: "Gedruckt wird nur noch, was sich digital bewährt hat."
Der vollständige Vortrag von Cora Stephan ist hier nachzulesen.

Markus Conrad, Vorstandschef des Tchibo-Konzerns, warnte in seinem Vortrag den Buchhandel davor, sich Illusionen hinzugeben: Das wahre Potential der Wertschöpfungsvernichtung durch die Digitalisierung werde erst jetzt – durch E-Bücher und E-Reader – endgültig sichtbar.

Durch den Wegfall eines großen Teils der physischen Distribution gingen Umsätze verloren. "Der Kuchen wird kleiner", sagte Conrad. Angesichts der E-Book-Steigerungsraten in den USA und in England sollte man nicht darauf vertrauen, dass in Deutschland alles ganz anders wird und gar beim Alten bleibt. "Let's face the world as it is and not as it should be", ist Conrads Devise.

Was der Buchhandel derzeit erlebe, sei "kein Absturz, aber auch kein Gleitflug – am ehesten noch ein gesicherter Sinkflug". Was man tun könne? Konservative "Durchhalte-Parolen" vermeiden, nach vorn schauen, die Lesefähigkeit nicht vom physischen Produkt abhängig machen. Und vor allem: "Investieren Sie in Ihre Kundschaft … und vermeiden Sie den Verlust von Kundenbindung und Kundenvertrauen."

Christoph Keese, Konzerngeschäftsführer Public Affairs bei Axel Springer, führte zu Beginn seines Vortrags die Schnelllebigkeit der Informationsmediums vor: Während des Vortrags von Cora Stephan sei im Auditorium 23-mal getwittert worden. Er werde jetzt sein iPhone und Twitter einschalten, um nicht mit einem Wissensrückstand vom Pult zu gehen.

Seine mit zahlreichen Prognosen zum E-Reading und mit aktuellen Beispielen aus den Online-Schmieden der Zeitungsverlage gespickte Präsentation machte deutlich: Die Zeitungsverlage gehen nach vorn, sie testen neue Bezahlmodelle und sie gestalten ihr Medium nicht mehr nach den Inhalten, sondern nach den Situationen, in denen diese genutzt werden. Auf diese Weise entstehen vollkommen neue Pressemedien, die mit einem hohen Bildanteil arbeiten und eine ganz neue Bildästhetik entdecken. Ein Beispiel: Bilder vom Tahrirplatz nach der Revolte auf der iPad-App der New York Times.

Doch, warnte Keese, dürfe man nicht blind werden für die Vorzüge der klassischen Zeitung. Auch diese müsse gepflegt werden und könne ihre Stärken ausspielen, zum Beispiel in fundierten Hintergrundberichten mit opulenten Infografiken, die auf keinem Lesegerät darstellbar wären.