Buchtage Berlin

Hauptversammlung: Solidaritätsappell und Finanzdebatte

10. Juni 2011
Redaktion Börsenblatt
Bei der Vorstandswahl wird die Briefwahl wieder eingeführt, Satzungsänderungen machen die Fusion des Landesverbands NRW mit dem Bundesverband möglich: Zwei wichtige Beschlüsse, die am Freitag von der 186. Hauptversammlung des Börsenvereins gefasst worden sind. Auch über den Finanzbericht des Schatzmeisters wurde länger debattiert.

Bei der Eröffnung machte Vorsteher Gottfried Honnefelder deutlich, dass in der Hauptversammlung diesmal nicht nur alljährliche Regularien anstünden, sondern Tagesordnungspunkte, die auch die künftige Ausrichtung des Gesamtverbands betreffen würden. "Sie, die Mitglieder, können und sollten mit Ihrem Engagement unseren Verband mitgestalten. Nur so kann er ein starker Dienstleister für uns und ein glaubhafter Vertreter unserer Anliegen in Gesellschaft und Politik sein".

Bericht des Vorstands

In seinem Bericht des Vorstands machte Honnefelder deutlich, dass sich der Börsenverein, ebenso wie das Buch, im Spannungsfeld zwischen Tradition und Innovation bewege. "Dabei geht es um die kluge Gewichtung von beidem". Heute zähle am Markt Tempo, Entwicklung, Positionierung. Für den Verband allerdings sei der Solidaritätsgedanke ein "zentrales Versprechen" an seine Mitglieder. Honnefelder erinnerte dabei an die Diskussion um libreka!. "Wir müssen allen Verlegern und Buchhändlern die Möglichkeit geben, zu angemessenen Bedingungen am digitalen Markt zu partizipieren, gerade und vor allem den kleineren." 

Der Vorsteher ging auch auf die Fusionspläne zwischen dem Landesverband NRW und dem Bundesverband ein. Die Prüfung der Einsparpotenziale habe ergeben: "Es lohnt sich für NRW". Doch jeder Landesveband sei anders, die Ergebnisse würden sich deshalb nicht ohne weiteres auf andere Landesverbände übertragen lassen.

Er habe Verständnis dafür, dass sich andere Landesverbände gegen einen solchen Zusammenschluss nach dem Vorbild NRW ausgesprochen hätten, so Honnefelder. Er äußerte jedoch auch die "dringliche Bitte, nicht in eine neue Phase der Polarisierung zu verfallen". In den vergangenen Jahren als Gesamtverband seien alte Gräben zugeschüttet worden - vor dem Hintergrund einer möglichst effizienten Arbeit für die Mitglieder. "Das duldet keine institutionellen Rivalitäten, sondern erfordert eine sachliche Zusammenarbeit". Honnefelder plädierte deshalb für "einen gesunden Wettbewerb um die beste Organisationsform".

Bei den Finanzen sei "das Haus gut bestellt", so der Vorsteher. Er kündigte an, dass der Verband das Sponsoring professionalisieren wolle - auch im Hinblick auf Projekte wie den Deutschen Buchpreis, die bereits heute von Partnern unterstützt werden. In der Planung: Das Pendant Deutscher Sachbuchpreis, das sich durch Sponsorengelder selber tragen soll, aber mit den entsprechenden Vorlaufkosten im Budget 2012 eingeplant ist.

Bericht des Hauptgeschäftsführers

Alexander Skipis betonte in seiner Rede, dass Fragen rund um E-Books und Veränderungen der Wertschöpfungsketten nicht die Zukunft betreffen würden, „sondern bereits Gegenwart sind, in der wir leben". Die Branche stehe mitten im Wandel, „über den wir nicht mehr diskutieren müssen". Entscheiden werde sich jedoch noch, „wie die Marktanteile auf diesen veränderten Märkten verteilt sein werden und wie sich die Wertschöpfungsketten entwickeln".

Die Welt werde jedoch nicht nur aus E-Books bestehen, „sondern ebenso aus gut gemachten gedruckten Büchern". Diese zu positionieren, auch dafür stehe der Verband. Skipis warf einen Blick zurück in die Vergangenheit und betonte, „dass der Strukturwandel sehr langsam und schleichend gekommen ist". Zwar habe es in den vergangenen 25 Jahren Umverteilungen im Markt gegeben (der Marktanteil des Sortiments beispielsweise lag 1985 noch bei 65 Prozent, 25 Jahre später nur noch bei 50 Prozent), der Markt an sich jedoch scheine ungebrochen zu sein. „Der Strukturwandel ist da, die digitale Relevanz ist Gegenwart geworden – für die einen ist das eine Banalität, für die anderen eine Provokation", betonte Skipis.

Der Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins sieht den digitalen Veränderungsprozess rund ums Buch nicht als „singulären Prozess", vielmehr sei er eingebettet in einen gesellschaftlichen Kontext, da sich das gesamte Informations- und Kommunikationsverhalten erheblich geändert habe. Der Verband und seine Mitglieder müssten sich einstellen auf eine neue Generation von Journalisten, Politikern, Kunden. "Lassen Sie uns auf die Jungen hören, schauen wir hin, was sie tun, was sie möchten". Nicht zuletzt deshalb habe der Verband das Nachwuchsparlament ins Leben gerufen.

Skipis unterstrich, dass gerade in der Politik eine junge Riege heranwachse, die den Meinungsbildungsprozess beim Thema Internet präge und für die das Piraterie-Problem eine Frage aus der Welt der alten Geschäftsmodelle sei. Der Verband habe neue Formate der Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit entwickelt, um mit dieser jungen Generation in Kontakt zu kommen, ihnen die Werte der Branche zu vermitteln: "Die junge Generation diskutiert und informiert sich im Netz". Deshalb zeige auch der Börsenverein auf Social Media Plattformen Präsenz, um diese Diskussion mitzugestalten.

Als Gegengewicht zur beinahe übermächtigen Beschäftigung mit den technischen Themen des Internets habe der Börsenverein gemeinsam mit Partnern wie dem ZDF und der ARD die Deutsche Content-Allianz gegründet. "Wie stark sich Politik auch für das Urheberrecht engagieren kann, hat übrigens die Debatte um das Google Book Settlement gezeigt", betonte Skipis.

Mit Blick in die Schweiz dankte Skipis den Kollegen des Schweizer Buchhändler- und Verleger-Verbands für ihren Einsatz rund um das Preisbindungsgesetz bei den Eidgenossen. Ob das Referendum gegen das Gesetz zustande komme, sei nach seinem Informationsstand noch offen.

Als "Rückgrat der Branche" bezeichnete Skipis die kleineren und mittleren Betriebe am Markt. Deutschland werde von anderen Ländern um sein filigranes Vertriebssystem beneidet, das aber auch sehr verletzlich sei. Hier sei die Solidarität aller Marktteilnehmer gefordert - nicht allein aus Nächstenliebe, sondern auch aus Eigennutz.

Auch der Verband muss sich verändern: Das machte Skipis ebenfalls deutlich. Die heutige Struktur sei schlank, schnell und schlagfertig. Noch punktgenauer müsse die Arbeit im Ehrenamt organisiert werden, um den Zeiteinsatz für die engagierten Verleger und Buchhändler im Rahmen zu halten.

In der anschließenden Aussprache betonte der Verleger Klaus Kellner, dass er das Augenmerk gern stärker auf die kleineren Verlage richten wolle. Die Website "Was Verlage leisten" sei schon etwas angestaubt - hier würde er sich eine stärkere Öffentlichkeitsarbeit für die Arbeit der Verlage wünschen und auch selbst mit anstoßen.

Lorenz Borsche, Generalbevollmächtigeter der Genossenschaft eBuch, schlug vor, dass jeder Verlag in seine Bücher den Standardsatz "Bücher haben feste Preise" eindrucken sollte. "Die Produzenten müssten doch Interesse daran haben, ihrem Publikum zu erklären, dass Bücher überall feste Preise haben". Die Buchhändler jedenfalls würden das begrüßen. Untersützung für solch einen Vorschlag kam auch von Rüdiger Salat, Holtzbrinck-Gruppe.

Finanzbericht

Wie die Literatur an einem Samstag in Marbach einen kleinen Schatzmeister küsste - davon erzählte Jürgen Horbach in seinem Prolog zum Finanzbericht - mit einem Gedicht aus Hans Magnus Enzensbergers Poesieautomaten im Literaturmuseum. Eine Zeile, die wohl auf jeden Finanzbericht passt: "Nachgerade schlucken wir immer etwas".

Im vergangenen Jahr, so Horbach, sei es zwar gelungen, den Mitgliederschwund abzubremsen - vor allem durch die Akquise-Aktion 185plus, über die 233 Mitglieder mit einem Beitragsvolumen von 100.000 Euro gewonnen worden seien. Nichtsdestotrotz seien die Mitgliedseinnahmen beim Börsenverein auf längere Sicht rückläufig, deshalb dürfe der Verband mittelfristig eine Erhöhung der Mitgliedsbeiträge nicht ausschließen. Ein weiterer Weg, um Projekte zu finanzieren, sei Sponsoring - und die Fortschreibung der aktuellen Kostendisziplin.

Horbach ging auch detailliert auf die Situation bei den Wirtschaftsbetrieben ein. Bei der Ausstellungs- und Messe-GmbH lagen die Umsätze mit 31,5 Millionen Euro 2010 leicht unter Vorjahresniveau, durch einen Rückgang bei den Standvermietungen auf der Buchmesse (2009: 32,2 Millionen Euro). Die MVB hat 16,7 Millionen Euro umgesetzt (Vorjahr: 17,5 Millionen Euro). Bei den verlegerischen Produkten sei nicht zuletzt das Kundenmagazin "Buchjournal" auf einem guten Weg, so Horbach. Alle Zahlen aus dem Finanzbericht sind nachzulesen auf Mein Börsenverein.

Die Liquidität der gesamten Gruppe lag zum Stichtag Ende April bei 18 Millionen Euro, auch durch Verkäufe vorhandener Immobilien. Ein Teil fließt in das neue Domizil in der Braubachstraße (Umzug: Ende des Jahres). Horbachs Erläuterungen zur Haushaltslage des Verbands lesen Sie auch in der Printausgabe des Börsenblatts (Heft 22 / 2011).

In der anschließenden Aussprache fragte Jochen Mende (Prolit) nach den höheren Kosten bei der Rechtsberatung, die 2010 232.000 Euro über dem Budgetansatz lagen. Ein Posten darin: vermögens- und satzungsrechtliche Beratungen im Zusammenhang mit der geplanten NRW-Fusion. Welcher Nutzen ergebe sich hieraus für die Gesamtheit der Mitglieder? hakte Mende nach. Hauptgeschäftsführer Alexander Skipis betonte in seiner Antwort, dass in diese Kosten nur der Beratungsanteil für den Bundesverband eingeflossen sei. Justitiar Christian Sprang machte deutlich, dass die Hauptversammlung 2010 einen Prüfauftrag für die Fusion vergeben habe - und die Kosten auf diesen Beschluss zurückgehen würden.

Danach entspann sich eine längere Debatte über mögliche Beitragserhöhungen, wie sie Horbach in seinem Bericht angedeutet hatte. "Beitragserhöungen sind ein Unding", so Rüdiger Salat (Holtzbrinck-Gruppe). Sie kämen angesichts der Marktlage der Mitglieder nicht in Frage. "Der Bundesverband und die Landesverbände sind gehalten, zu sparen", betonte Salat.

Ähnlich äußerte sich Oliver Voerster (KNV): Der Verband müsse sich dann eben noch schlanker aufstellen, nicht nur durch Fusionspläne wie in NRW, sondern auch durch ein Überdenken seiner wirtschaftlichen Aktivitäten. Christian Preuss Neudorf (VUB) bezeichnete Beitragserhöhungen ebenfalls als schlechtes Signal: "Alle, die jetzt nicht widersprechen, sind unter Umständen die ersten, die dem Verband danach den Rücken kehren". Jürgen Horbach erwiderte: "Das ist Ihr Verband, nicht der Verband des Vorstands oder gar des Schatzmeisters. Über Beitragserhöhungen entscheiden Sie zu gegebener Zeit alle in der Hauptversammlung". Horbach machte auch deutlich: "Wirtschaftsaktivitäten wie libreka! tauchen im Budget des Börsenvereins gar nicht auf" - und verwies darauf, dass das Thema Sparen beim Börsenverein schon jetzt ganz oben auf der Tagesordnung stehe: "Vor wenigen Jahren hatte der Börsenverein noch 50 Mitarbeiter, heute sind es 40".

Martin Spencker (Thieme) unterstrich, dass den Beiträgen auch ein Service-Gegenwert gegenüberstehe: "Wir alle haben die deutlichen Leistungssteigerungen beim Verband gespürt". Es sei "eher fahrlässig", so viele Jahre lang gar nicht über Beitragserhöhungen gesprochen zu haben. Lorenz Borsche (eBuch) mahnte an, dass der Beitrag kleinerer Buchhandlungen im Verhältnis zum Umsatz deutlich höher sei als der Beitrag der Großen. Als die Anregung aus der Mitgliedschaft kam, die Frage der Beiträgserhöhung auch mit einer Überprüfung der Beitragsstruktur zu verknüpfen, verwies Horbach allerdings darauf, dass erst vor drei Jahren eine grundlegende Reform der Beitragsstaffel auf den Weg gebracht worden sei.

Am Schluss der Debatte stand der Appell von Hermann-Arndt Riethmüller (Osiander), aus einem Nebensatz im Finanzbericht keine Grundsatz- und Phantomdebatte zu machen. Daraufhin wurde die Diskussion per Mehrheitsbeschluss beendet. Am Ende wurde der Jahresabschluss 2010 ohne Gegenstimmen von den Mitgliedern genehmigt.

Budget 2012

Wie Schatzmeister Jürgen Horbach sagte, würden die Mittel im Budget 2012 geringer, Kosten- und Einnahmenseite müssten noch stärker unter die Lupe genommen werden. Das Budget solle 8,1 Millionen Euro betragen und damit um 300.000 Euro unter dem Budget von 2011 liegen. Der Jahresüberschuss solle 25.000 Euro betragen. Ein Mitglied kritisierte bei der anschließenden Diskussion, dass sich der Verband nicht genug verschlanke - alle Leistungen müssten auf den Prüfstand. Dennoch: Das Budget wurde bei der Abstimmung mit großer Mehrheit genehmigt.

Im Anschluss daran wurde der Tätigkeitsbereicht genehmigt, der Vorstand ohne Gegenstimmen entlastet. Nächster Tagesordnungspunkt: Die Satzungsänderungen, die eine Fusion mit dem Landesverband Nordrhein-Westfalen vorbereiten. Mehr dazu im Live-Ticker.

Bericht des Bau-Ausschusses

Wie weit ist der Bau des neuen Börsenvereins-Domizils, das zum Jahresende in der Frankfurter Braubachstraße bezogen werden soll? Hier brachte Stephan Joß, Vorsitzender des Bau-Ausschusses, die Mitglieder auf den Stand der Dinge. Seine Botschaft: "Die Kosten werden nicht überschritten, wir werden pünktlich einziehen". Auch drei Mieter für die Ladenräume stehen schon fest, mit einem vierten wird gerade verhandelt.

Die Mieteinnahmen liegen über den budgetierten 90.000 Euro, wie Joß berichtete. Als Kostenkorridor für die Sanierung und Umbau der Altbauten hatte die Hauptversammlung einen Korridor zwischen 16,7 und 19,3 Millionen Euro vorgegeben - der aktuelle Stand sei ein Aufwand von 18,8 Millionen Euro, so Joß. Der Finanzierungsbedarf liege bei 9,3 Millionen Euro, genehmigt hatte die Hauptversammlung ein Kreditvolumen von 10 Millionen Euro. "Nächstes Jahr kann ich die Abschlussrechnung präsentieren - und die wird gut sein", versprach Joß.

Was die Mitglieder sonst noch diskutiert und beschlossen haben, lesen Sie unter den weiterführenden Links.