netz.macht.kultur

Kulturpolitik und digitale Gesellschaft

10. Juni 2011
Redaktion Börsenblatt
Der 6. Kulturpolitische Bundeskongress der Kulturpolitischen Gesellschaft läuft derzeit (9. und 10. Juni) unter dem Motto "netz.macht.kultur" in Berlin. Die Veranstalter bieten auf ihrer Website zusätzlich einen Live-Stream des Kongresses an. Ein Zwischenbericht.

"Uns fehlt die Sprache zur Schilderung des Wandels." Dieser selbstkritischen Erkenntnis der Autorin Mercedes Bunz stand ein Tag voller Sprache über eine sich im Angesicht neuer  digitaler Möglichkeiten neu formatierenden Gesellschaft gegenüber. Der 6. Kulturpolitische Bundeskongress in Berlin trägt mit dem bewusst mehrdeutigem Titel "netz.macht.kultur" den Machtverschiebungen ebenso Rechnung wie der kreativen Kraft, die im Internet kanalisiert wird.

So zumindest Till Kreutzer, Gründer und Redakteur des Urheberrechts-Informationsportals iRights.info, der in seinem Vortrag zur Remix Culture fragte, wo denn jetzt, da die Produktionsmittel erschwinglich wären, eigentlich noch der Unterschied zwischen Urheber, Nutzer und Verteiler sei. Die Grundlage zu Kreutzers rechtlichen Überlegungen legte Inke Arns, die einen historischen Abriss der letzten 10 Jahre Digital Art bot. Netz-genuine Techniken wie Bastard Pop und Mashups, Game-Modifikationen und YouTube-Responses wurden in eine Zeitleiste mit der Appropiation Art gestellt, mithin also in der "Hochkultur" geerdet. Dass es dieser Erdung immer noch bedarf, ist ein vielsagendes Detail der egalitären und demokratisierenden Wirklichkeit im Netz. Arns Fazit: "Die Digitalisierung verändert Kunst nicht grundlegend." Und: "Kreativität war immer auch schon 'Re-Kreativität'".

Der emeritierte Soziologieprofessor Gerhard Schulze, ging mit dem Handwerkszeug aus Habermas Mottenkiste des "Strukturwandels der Öffentlichkeit" dieser egalitären Sphäre genauer nach. Es war ein schöner Widerspruch, dass ausgerechnet er, der im getragenen Professorenduktus einige gelangweilte Tweets provozierte, inhaltlich den radikalsten Ausblick auf die Öffentlichkeiten gewährte, die sich qua Web neu aufstellen und immer weiter "schaumgleich" (Sloterdijk) ausdifferenzieren. Wo Habermas noch halb entschuldigend, halb trotzig auf seiner Meinung beharrend, zumindest Teile seines kulturpessimistischen Werks revidierte, wischte Schulze jegliche Bedenken vom Tisch und bestand auf zumindest diesen einen öffentlichen Raum, der sich den Strukturen der bürgerlichen Öffentlichkeiten entzieht: "Einer muss ja mal radikal kulturoptimistisch sein".

Die Kulturpolitische Gesellschaft hat es als Veranstalter geschafft, eine Sprache zu finden um den Wandel zumindest in Ansätzen zu beschreiben. Dass es ihr dabei an lauten Stimmen fehlte, die angesichts der "Auflösung der Sicherheiten" (Schulze) auch andere Sichtweisen vertreten, ist ein verschmerzbares Manko dieser sonst so erhellenden Konferenz.

Veranstaltungsseite mit Live-Stream.