Auszeichnung

"Eine Neuentdeckung für die deutschen Leser"

16. Juni 2011
Redaktion Börsenblatt
Der Internationale Literaturpreis – Haus der Kulturen der Welt 2011 geht an Michail Schischkin und seinen Übersetzer Andreas Tretner für den Roman "Venushaar" (DVA 2011).
Der Preis ist gleichermaßen ein Literatur- und Übersetzerpreis. Er ist dotiert mit 35.000 Euro: 25.000 Euro für den Autor und 10.000 Euro für den Übersetzer. Ausgewählt werden literarisch herausragende zeitgenössische internationale Erzählstimmen, die sich innerhalb der internationalen Literaturproduktion durch thematische Vielfalt und neue literarische Formen auszeichnen. Der Preis will nach eigenen Angaben auch bewusst ein kulturpolitisches Instrument sein, das sich dem Aspekt der Übersetzung in einer globalen Kulturproduktion widmet und Wechselwirkungen der internationalen Literatur mit einem immer noch national gedachten "Literaturkanon" befördert.

Jurymitglieder waren Ramón García-Ziemsen (Leiter Kulturredaktion, Deutsche Welle Bonn), Marie Luise Knott (Kritikerin/Übersetzerin), Claudia Kramatschek (Literaturkritikerin/Kulturjournalistin), Lothar Müller (Redakteur, Feuilleton Süddeutsche Zeitung), Ilma Rakusa (Schriftstellerin/Übersetzerin/Publizistin), Susanne Stemmler (Programmleiterin Literatur am Haus der Kulturen der Welt) und
Stefan Weidner (Autor/Übersetzer/Literaturkritiker). Seit Februar hatten die Juroren über die eingereichten Romane aus deutschsprachigen Verlagen beraten. Aus über 111 Titeln, übersetzt aus 24 Sprachen, von Autoren aus 50 verschiedenen Herkunftsländern hatte die Jury dabei den Preisträger auszuwählen.

Die Juroren begründeten ihre Wahl gestern Abend laut Pressemitteilung folgendermaßen:
"Der seit über 15 Jahren in der Schweiz lebende russische Autor Michail Schischkin darf mit Überzeugung als eine Neuentdeckung für die deutschen Leser bezeichnet werden. 'Venushaar', Schischkins erster ins Deutsche übersetzte Roman, besticht durch Experimentierfreude und stilistische Vielfalt. Er schlägt mit großer sprachlicher Kraft die Brücke von der Revolutionsepoche in die Gegenwart, einschließlich des russisch-tschetschenischen Konflikts und der Asylsuchenden in der Schweiz. Im Mittelpunkt des Romans steht die schillernde Figur des "Dolmetsch", der die komplexe Migrations- und Identitätsproblematik unserer Zeit verkörpert. Die deutsche Übersetzung von Andreas Tretner bringt bis in die Sprachspiele hinein das Gewebe der Stimmen und Tonarten zwischen Chronik der Gewalt und Liebesgeschichte, Künstlertagebuch und Verhörprotokoll virtuos zur Geltung."

Der Preis wird in Kooperation mit VdÜ (Verband deutschsprachiger Übersetzer literarischer und wissenschaftlicher Werke und der "Deutschen Welle" zum dritten Mal vergeben. Michail Schischkin hat für den im März dieses Jahres in deutscher Übersetzung erschienenen Roman bereits mehrere Auszeichnungen und Preise erhalten, darunter kürzlich erst den Spycher: Literaturpreis 2011. Auf der SWR Bestenliste für den Juni teilt sich das Buch Platz 4 bis 6 mit Hans Keilson und Schatzinselautor Robert Louis Stevenson. Bislang sind lediglich die Sachbücher des in Russland gefeierten Autors Schischkins (Jahrgang 1961) in deutscher Übersetzung erschienen.

Sein Übersetzer Andreas Tretner wurde 1959 in Gera geboren. Er studierte Russisch und Bulgarisch in Leipzig und arbeitet seit 1985 als literarischer Übersetzer. Zu den von ihm ins Deutsche übertragenen Autoren gehören u.a. Viktor Pelewin, Vladimir Sorokin und Jáchym Topol.

Die Preisverleihung findet in Anwesenheit der Preisträger am 29. Juni in Berlin im Haus der Kulturen der Welt mit einem Festakt statt. Dabei wird nicht nur die Übersetzung von Schischkins Roman zu hören sein (Ulrich Matthes), der Autor wird auch Passagen aus dem russischsprachigen Original vortragen. Die Festrede hält Hanns Zischler. Durch den Abend wird Luzia Braun führen.

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