In Russland bin ich ein bekannter Autor. Meine Bücher gibt es seit längerem auch in französischen und italienischen Übersetzungen. Ich möchte irgendwann eine Erklärung dafür, warum das hier, im deutschsprachigen Raum, so lange Zeit anders war, obwohl ich immerhin seit 1995 in der Schweiz lebe.
Die deutschsprachigen Verlage haben jahrelang alle Romane abgelehnt. Das war deprimierend. Es gab immer wieder die gleichen Antworten: „Der Roman ist zu anspruchsvoll für unsere Leser.“ Ich konnte diese Arroganz gegenüber dem Leser nie verstehen. Warum wird das Publikum für dumm gehalten? Man kann doch die Leute nicht nur mit Fastfood bedienen. Es gibt auch Menschen, die Slowfood mögen, die verhungern, wenn sie nichts bekommen. Zum Trost habe ich mir immer gesagt: das gehört zu einer Erfolgsgeschichte. Erst müssen alle absagen und dann kommt ein Verlag, der das Risiko eingeht. Das war schließlich die DVA.
Ich bin dem Verlag sehr dankbar. Und ich bin glücklich, dass ich mit Andreas Tretner gearbeitet habe. Denn sie haben im Verlag nicht mich gelesen, sondern ihn und seine Probeübersetzung. Anfangs, nachdem „Venushaar“ im Frühjahr erschienen war, gab es nur einige wenige Rezensionen. Über jede Kritik habe ich mich gefreut wie ein Anfänger. Als jetzt bekannt wurde, dass ich den Preis erhalte, hat sich das schlagartig geändert. Es gibt permanent Interviewanfragen.
Ins Deutsche übersetzt zu sein, ist etwas Besonderes für mich. Es war eine ganz neue Erfahrung: Ich konnte den Text lesen, anders als die chinesische oder norwegische Übersetzung. Hier Leser zu haben, ist die Bestätigung, dass ich existiere. Eine Übersetzung ins Chinesische beweist gar nichts.
Als ich in die Schweiz kam, fühlte ich mich wie eine verhungerte Kuh auf einer schönen Schweizer Weide. Nach »Venushaar«, das 2005 auf Russisch erschien, erging es mir wie einer verhungerten Kuh auf einer abgeweideten Weide. Ich litt an Depressionen, fühlte mich verbraucht. Die Schweiz ist ein bisschen langweilig, nicht sehr inspirierend. Ein Berlin-Stipendium hat dann die Dinge glücklicherweise verändert. Ich schrieb einen neuen Roman, der im Herbst 2012 bei der DVA erscheinen soll.