Seit ich selbst dort angetreten bin, und dies ist immerhin schon elf Jährchen her, haben mich dreimal Autoren gefragt, wie sie sich auf das Wettlesen in Klagenfurt vorbereiten sollen. Am Ernst, ja an der Dringlichkeit der Anfragen bestand nie ein Zweifel. Es geht einfach um zuviel. Die Spanne der möglichen Erfahrungen reicht von bodenloser Enttäuschung und schmerzhafter Demütigung bis zu einem Triumphgefühl, in dem sich Freude und Geltungsgewissheit untrennbar rauschhaft vermischen.
Mir half am fraglichen Tag vor allem, dass ich mir den eigentümlichen Charakter der Öffentlichkeit, mit der man es zu tun bekommt, klargemacht hatte. Der Autor steht, zum ersten und vermutlich letzten Mal in seinem Leben, in einer merkwürdig dreifachen Konstellation öffentlicher Beobachtung. Er liest vor Fernsehkameras und damit in einem ungewohnten virtuellen Raum. Er sitzt zudem in einem realen Saal, den nicht nur Klagenfurter Literaturinteressierte, sondern auch ein bunter Querschnitt von Literaturbetriebsteilnehmern füllen. Und er liest drittens für eine Jury, deren Mitglieder sich adhoc durch eine Stellungnahme zu seinem Text profilieren werden.
Das heißt, es gibt kein eindeutiges Gegenüber. Der Vortragende blickt wie in drei sich überblendende Spiegel. Selbst wenn er das große Glasauge des TV nicht fürchtet, eine Naturtalent der Publikumsverführung ist und für ihn Juroren nichts weiter als nette Menschen wie Du und Ich darstellen sollten, droht ihm das Irrlichtern zwischen Anforderungen, die sich widersprechen. Was ein Live-Publikum in Bann schlägt, kann auf einem Bildschirm recht affig aussehen. Konsequent für die Kamera zu agieren, irritiert den Saal und kränkt die Jury-Mitglieder je nach dem akuten Grad ihrer Eitelkeit.
Was tun? Jeder dieser drei Öffentlichkeiten gerade so viel geben, dass man selbst kein Defizitgefühl, kein saugendes Vakuum verspürt: Wer mit dem Fernsehen aufgewachsen ist, weiß ungefähr, was im Fernsehen schlecht aussieht. Also zieht man etwas Schönes, aber nicht allzu Auffälliges an, grimassiert nicht herum und bedenkt, dass der eigene Kopf von der Bildregie, auch wenn andere sprechen, in den Äther hinausgeschickt werden kann. Dem Publikum schenkt man, über die Lichtschlucht des Studios, jenen dankbar festen Blick, den hier wie anderenorts alle verdienen, die zum Zuhören gekommen sind. Schwierig bleibt die innere Vorbereitung auf die Konfrontation mit der Jury. Da der Autor arg viel von ihr will, einen Preis, den Hauptpreis nach Möglichkeit, ergibt sich ein peinlich steiles Gefälle des Begehrens, das weder mit angestrengter Devotheit noch trotzigem Aufbegehren gemildert werden kann
Hier hilft wohl nur nur Disziplin plus Liebe. Die Disziplin muss die Angst und die Gier im Zaum halten. Die Liebe jedoch müsste dem Text gelten, den man vorträgt. Nur die Hingabe an den eigenen Text, den man ja, egal wie’s ausgeht, heil aus Klagenfurt heimbringen will, hilft einem letztlich über die Runden zu kommen. Einer von den Dreien, die mich bislang um Rat gefragt haben, hat dies vor wenigen Jahren unübersehbar schön hinbekommen. Gewonnen aber hat ein anderer.