Meinung: Buchmarketing

Gutenberg, lass krachen

7. Juli 2011
Redaktion Börsenblatt
Buchgestalter und Markenexperte Rainer Groothuis über Knie und Weichen, Kultur und Wollensollen.

Ich denke sowieso mit dem Knie«, sagte Joseph Beuys. Aha, oho, oh Künstlerfürst, welch’ Sentenz. Doch wer mit dem Knie denkt, denkt nicht mit dem Kopf. Was zumeist nicht so gut ist, und sich für Normalos wie unsereins eh verbietet. Das Kniegelenk kennt nur zwei Richtungen, der Kopf aber viele, das Herz noch mehr.
Bei »Digitalisierung« denkt so mancher mit dem Knie, bewegt selbiges freudig nach vorn (neue Märkte, bitte umarmen!) und lächelnd zurück (ach, die Gestrigen!) – hätte man den Kopf nicht, könnte man es genießen, dieses Knie­gependel, würde das Herz nicht grummen, ginge man ’nen Brandy trinken.

Aus Fehlern lernen

Nicht viel wissen wir über die Zukunft. Das unterscheidet sie gerade von der Gegenwart.
Beispielsweise wissen wir aber: Den Umsatz mit Gedrucktem, der, auf die Dauer und Tiefe der Digitalisierung gesehen, verloren und ins Digitale gehen könnte, wird kaum eine Buchhandlung mit einem noch so guten eigenen Internetauftritt ersetzen können – wir können den »E-Markt« umarmen wie wir wollen, er wird diese Umarmung nicht mit gleicher Herzlichkeit beantworten. Gegen Amazon, Google, Apple und andere oligarchische Anbieter mit globaler Sogwirkung wird auch beim Buch nicht viel Platz sein für nationale kleinere und mittelständische Strukturen. Schon deswegen kann es uns nicht egal sein, wie sie verläuft, die Digitalisierung. Und es ist gut, dass endlich eine offene Debatte geführt wird.

Wir wissen auch: Menschen werden alsbald nur noch solche Orte des Verkaufs dinglicher Produkte aufsuchen, in denen sie das finden, was sie jenseits eines (digitalen) Mainstreams suchen – das Besondere, das Individuelle. Das aus dem Matsch des Austauschbaren herausragende Geschenk für sich und andere.
Und dies Individuelle wollen sie in einer Weise feilgeboten finden, die sie selbst und die Produkte würdigt, Qualität erlebbar macht.

Neue alte Weichen

Wir sollten ein kleines Stück zurückdenken: Wie sind wir einst zu dem geworden, was wir waren? Welche Aura umgab den Buchhandel als Kulturvermittler? Warum rangiert der Beruf des Buchhändlers im Ansehen der Bevölkerung heute kurz über dem des Politikers? Zu welchen Zeiten ging’s uns besser und warum? Was kann jeder Einzelne von uns dafür tun, dass das Buch seine Attraktivität behält? Denn nur die gesellschaftliche Anerkennung des Mediums Buch sichert auf Dauer jenen Grundton, den es braucht, um als Branche und als Einzelner möglicherweise erfolgreich zu sein. Mit sich und den Antworten auf diese und ähnliche Fragen ehrlich zu sein, heißt ein Stück Zukunft gewinnen.

Wollen sollen

Wir, die Buchbranche mit all ihren Teilnehmern und unseren vielen Verwandten im Gedruckten: Wir stehen für mehr als ein »Geschäft« – wir stehen für eine Kultur, über deren Wandel und tendenziellen Verlust im Nichts des Digitalen wir wenigstens eine gesellschaftliche Debatte wollen sollten.

Deshalb, endlich!: ein Buchmarketing, das sich gewaschen hat, das branchenübergreifend all jene einbezieht, die ein vitales Interesse an der Zukunft des gedruckten Buches haben. Die Bibliotheken und Autoren sowieso. Aber auch die Zeitungs- und Zeitschriftenverleger, hängen sie doch am selben Tropf der Anerkennung des Gedruckten. Wie viele andere auch – ach, Gutenberg, lass endlich krachen!