Schweiz

Dani Landolf: "Da darf man nicht zu zimperlich sein"

13. Juli 2011
Redaktion Börsenblatt
Die Euroflaute bringt die Schweizer Branche in eine heikle Lage. Ein Interview mit SBVV-Chef Dani Landolf über Verluste und Irrtümer, freie Preise – und erhitzte Gemüter.

Der Euro schwächelt, der Schweizer Franken steigt im Kurs – mit der Folge, dass die Bücherpreise weiter sinken. Manchen sind sie trotzdem noch zu hoch. Warum?

Da werden gern Äpfel mit Birnen verglichen: die Verhältnisse in Deutschland mit denen in der Schweiz. Das Thema „Hochpreisinsel“ hat hierzulande eine lange Tradition und ist aktuell wieder ein viel diskutiertes Thema. Obwohl die Buchbranche als einige der wenigen die Preise auf an sich schon günstige Produkte systematisch den sinkenden Eurokursen angepasst hat, sind Bücher ein dankbares Angriffsziel: Wo sonst sind Euro- und Frankenpreise direkt nebeneinander auf den Etiketten aufgedruckt? Dass Autos, Kleider, Lebensmittel oder Shampoos in der Schweiz häufig doppelt so viel kosten als in Deutschland – selbst bei Aldi – wird hingegen leichter akzeptiert: Hier fehlt die doppelte Preisangabe.

Gibt es da keinen Ausweg?

Doch. Verlage könnten darauf verzichten, die Europreise aufzudrucken. Wir bemühen uns seit Jahren darum, leider ohne Erfolg. Wahrscheinlich ist der Schweizer Markt einfach zu klein, um das zu verändern.

Minus 6,3 Prozent am Ende des ersten Halbjahres: Steht die Schweizer Branche tatsächlich so unter Druck, wie die Zahlen vermuten lassen?


Nicht jeder ist davon gleich betroffen, aber das Tempo, in dem sich der Markt derzeit wandelt, ist sehr rasant. Dabei ist der Preisverfall noch nicht einmal der einzige Grund für unsere Schwierigkeiten: Dass es keine festen Preise mehr gibt, wirkt sich erst jetzt so richtig aus.  

Wie zeigt sich das im Alltag?

An beiden Enden der Skala herrscht ein enormer Wettbewerb. Um die Umsatzverluste zu kompensieren, erhöhen die einen ihre Preise – während andere in immer größerem Umfang aggressives Preismarketing betreiben. Und auch die Strukturen im Zwischenhandel beginnen sich aufzuweichen.
 
Welchen Einfluss hat der sinkende Eurokurs auf die öffentliche Diskussion um die Preisbindung?

Einen großen, aber dagegen können wir nicht viel machen. Wir können lediglich darauf hinweisen, dass es hier um zwei unterschiedliche Paar Schuhe geht.

Inwiefern?

Das Problem an der Sache ist: Viele glauben oder wollen glauben machen, dass die Bücherpreise weiter sinken, läge an der fehlenden Preisbindung – was aber ein Irrtum ist. Dass die Preise insgesamt eher nach unten gehen, liegt am ungünstigen Wechselverhältnis des Euro zum Schweizer Franken: In den vergangenen zwei Jahren hat der Euro 20 Prozent an Wert verloren.

Lässt sich dieses Missverständnis denn aufklären?

Wir müssen es zumindest versuchen. Eine politische Diskussion über Wechselkurse zu führen macht zwar wenig Sinn – weil keiner weiß, in welche Richtung es weitergeht. Aber wichtig ist das Thema trotzdem: Zu erklären, warum die Bücherpreise sinken, kann ja auch eine Chance sein.

Eine Chance wofür?
   
Wir können zeigen, dass wir eben nicht die Abzockerbranche sind, als die wir häufig dargestellt werden. Im Gegenteil: Die Eurovorteile, die wir beim Einkauf haben, gibt die Buchbranche im Gegensatz zu vielen andern Detailhändlern durchaus an ihre Kunden weiter. Kommt dazu, dass die Debatte unehrlich und heuchlerisch ist: Jeder Schweizer Händler hat höhere Mieten, Löhne oder Marketingkosten als die Konkurrenz in Deutschland. Wer fordert, alle Preise den europäischen Nachbarn anzupassen, müsste auch offen sagen, dass dann die Löhne sinken.

Das Tauziehen um feste Bücherpreise in der Schweiz dauert nun schon vier Jahre. Wie reagiert die Branche darauf, dass es jetzt zu einer Volksabstimmung kommt?

Aus meiner Sicht rückt sie enger zusammen. Selbst solche, die bisher noch eher unentschieden waren, ob sie feste Preise wollen oder nicht, möchten sich nicht mit den Initianten aus dem rechtsbürgerlichen Lager und diesem kulturfeindlichen Grundansatz, den dieses Referendum begleitet, verbrüdern. Dass es nächstes Jahr eine Referendums-Abstimmung geben wird, erhöht nur die Motivation, noch einmal alles aufzubieten, was möglich ist.

Was haben Sie vor?

Gemeinsam mit unseren Kollegen aus der Westschweiz bereiten wir eine Kampagne vor, für die wir uns professionelle Unterstützung suchen von Leuten, die schon Erfahrung in Abstimmungskämpfen haben.

Die öffentliche Debatte pro oder contra Buchpreisbindung scheint sich im Moment oft nur knapp über der Gürtellinie zu bewegen.

Zum Teil auch darunter – zum Beispiel wenn von einer Buchmafia in der Schweiz die Rede ist. Das ist doch absurd: Ausgerechnet unsere Branche mit den kleinen Löhnen und Renditen..  
 
Im Referendumskomitee sitzen unter anderen Vertreter der Jungfreisinnigen und der FDP, der Piratenpartei und der Schweizerischen Volkspartei. Warum ist es ihnen so wichtig, dass es keine Preisbindung gibt?
 
Bei diesem Thema kann man gefahrlos als ordnungspolitische Hardliner auftreten und gegen angeblich ungerechtfertigte staatliche Eingriffe in den freien Markt polemisieren.

Gefahrlos?

Ja – und zwar in der Hinsicht, dass sie ihrer eigenen Klientel, den Bauern, Banken oder der Pharmaindustrie, alles Branchen mit einer massiv größeren staatlichen Subvention und/oder Protektion, nicht auf die Füße treten.

Ist es denkbar, dass sich die Stimmung wieder beruhigt und die Debatte im Vorfeld der Volksabstimmung sachlicher wird?

Zwischenzeitlich sicher – aber das hat mehr damit zu tun, dass jetzt das Sommerloch kommt und das Thema dann doch nicht so brisant ist, dass man es über Monate hochkochen kann. Je näher der Abstimmungstermin rückt, umso höher werden die Wellen jedoch wieder schlagen. Das gehört dazu, da darf man auch nicht zu zimperlich sein.