Martin Walsers "Urlesung" in Bad Schussenried

Literatur-Gottesdienst

12. Juli 2011
Redaktion Börsenblatt
Den spätbarocken Bibliothekssaal des Klosters in Bad Schussenried hatte sich Martin Walser zur Präsentation seines neuen Romans "Muttersohn" gewünscht. Ulrich Rüdenauer war dabei und fühlte sich an den Auftritt eines alternden Jazzmusikers erinnert.

Wenn ein zwar kleiner, aber feiner Teil des Literaturbetriebs an einem Montagnachmittag nach Oberschwaben reist, irgendwo zwischen Biberach und Bodensee Station macht und auch noch in einem von außen eher spartanisch wirkenden Hotel nächtigt, das den Sehnsuchtsnamen „Amerika“ trägt, dann hat das fast selbst schon eine literarische Dimension.

Der Anlass für diesen Ausflug in die ländliche Idylle ist das neue Buch von Martin Walser, und der Autor hat sich für die „Urlesung“ aus seinem ungefähr 22. Roman „Muttersohn“ Bad Schussenried als Kulisse gewünscht, genauer: den prächtigen, spätbarocken Bibliothekssaal des dortigen Klosters. Neben einigen Kritikern, dem halben Rowohlt-Verlag mit Verleger Alexander Fest, der Großfamilie Walser samt angeheirateten Künstler-Ehemännern – Edgar Selge, Karl-Heinz Ott, Sascha Anderson – ist auch Martin Walsers literarischer Ziehsohn Arnold Stadler aus dem nahegelegenen Meßkirch herübergekommen.

Er dürfte die innigste Beziehung zu diesem Ort haben: Schussenried, das ist für Stadler eine einzige Geschichte des Verlusts und der Schönheit. Die Württemberger hätten, sagt er mit einer Empörung, als sei es gestern gewesen, wie an vielen andern Orten in Oberschwaben zu Beginn des 19. Jahrhunderts auch hier gewütet. Die Bibliothek wurde ausgiebig geplündert. In den Schränken mit den aufgemalten Bücherrücken lagern keine bibliophilen Schätze mehr, die wurden damals ohne große Rücksichtnahme mit Schubkarren auf Nimmerwiedersehen weggeschafft. Das Kloster hat man dann 1845 in ein Landespsychiatrisches Krankenhaus umgewandelt, heute beherbergen Teile davon das Zentrum für Psychiatrie. Die ehemalige Bibliothek dient vornehmlich als Konzertsaal. Und nun eben als Kulisse für Walsers Lesung, die zugleich für den neuen ZDF-Kulturkanal mitgeschnitten und von Wolfgang Herles auf dem von den Buchmessen-Plauderrunden bekannten Blauen Sofa moderiert wurde.

„Wenn sie einen Roman schreiben“, sagt Martin Walser, und er sagt das mit den berühmten, bedeutungsheischenden Martin Walser-Pausen zwischen den Satzteilen, „wenn sie einen Roman schreiben, der in Schussenried spielt, müssen sie den Handlungsort Scherblingen nennen.“ Dem oberschwäbischen Publikum gefällt dieser Wink mit dem Zaunpfahl: Sein Roman um den gelernten Pfleger und menschenfischenden Spontan-Redner Percy ist also ins erfundene Kloster Scherblingen und in die dort ansässige psychiatrische Klinik verlegt, im Sinn aber hatte der Autor Schussenried.

„Muttersohn“ ist mehr oder minder eine konsequente Fortsetzung von Walsers „Jenseits“-Novelle, eine Auseinandersetzung mit letzten Dingen und mit dem Glauben, der dem Leben innewohnt, auch wenn es da keinen Gott weit und breit geben sollte. Walsers Frau Käthe, die wie alle anderen Romane zuvor auch diesen abgetippt hat, überschrieb das Manuskript aus Versehen mit einem falschen Titel: „Menschensohn“. Freud lässt grüßen!

Der Muttersohn, angeblich jungfräulich geboren, wird zu einem Jesus der Gegenwart, einem „Fürsten der Freundlichkeit“, zu einem naiv Gläubigen, den das Gesellschaftliche nichts angeht, und weil ihn das nichts angeht, kann er ganz bei sich sein. Auch Walser scheint an diesem Abend ganz bei sich. Seine rhetorischen Windungen muss ihm mal jemand nachmachen. Was ihm vom Fragensteller stichwortartig angetragen wird, weist er erst mit Verve von sich, um es dann durch die Art und Weise seiner Replik doch durch die Hintertür zu bestätigen, oft beglaubigt durch ein eher zu sich selbst gesprochenes „verstehscht du“. Einmal wird er von Wolfgang Herles für seine von Aphorismen durchsetzte Prosa gelobt, lehnt eine solche Charakterisierung seiner Texte aber schlichtweg ab – und zwar mit einem lupenreinen Aphorismus: „Das sind nur Sätze, die geschrieben sind, um auf sich selbst stolz zu sein.“

Die Lesung kündigt Herles mit den Worten an, man könne nun durch Walsers Vortrag den Helden Percy erleben. Walser kontert: „Nicht erleben, hören würde schon genügen.“ Aber ein Erlebnis wird es dann eben doch, weil Walser kein Vorleser, sondern ein Vorleber ist. Er schlüpft in seine Figuren, dirigiert sich bei seiner musikalisch-schauspielerischen Darbietung selbst mit der rechten Hand, gestikuliert, unterstreicht, ballt die Faust, gibt Fingerzeige und den Takt vor. Der Rhythmus der Prosa kann ja im besten Fall bei einer Lesung vom Schreibenden präzise erfahrbar gemacht werden. Nicht jedem Autor gelingt das. Martin Walser allerdings schon, und wie es dem 84-Jährigen gelingt! Wie ein alternder Jazzmusiker, der leicht gebückt und steifhüftig auf die Bühne tritt, wird er am Lesepult zum vitalen Improvisationskünstler.

Nun soll nicht verschwiegen werden, dass der „Muttersohn“ teils auch ein bisschen schmalbrüstig ist. Eine längere Persiflage auf das Talkshow-Wesen – Percy, der Nachfolger Jesu im Medienzeitalter, tritt in eben solch einer auf – planscht doch eher an der Oberfläche, statt in die Tiefe zu tauchen. Wer mittels einer Parodie Kritik an der Flachheit von Medien übt, sollte sich besser nicht allzu seichter Mittel bedienen. „Muttersohn“ ist kein Buch aus einem Guss. Wunderbare, eindringliche Passagen wechseln sich mit sehr plakativen ab. Aber das scheint durchaus ein Kompositionsprinzip dieses heterogenen, viele Walsersche Themen aufgreifenden und zugleich sprengenden Buches.

Auf das Sprengende, Ausufernde und eigentlich Unsagbare wollte Moderator Herles schließlich hinaus. Die Gretchenfrage, die nach Walsers eigenem Glaubensbekenntnis, lief allerdings gehörig ins Leere und das Gespräch am Ende ein wenig aus dem Ruder: „Quatsch“ sei diese Frage, „stellen Sie sich nicht dümmer als Sie sind“. Und so nahe an der eigenen Heimat, Walser lebt seit eh und je am Bodensee, rutschten dem Großschriftsteller in solchen Momenten trotz des heiligen Schauplatzes deutliche schwäbische Worte heraus: „Heilandssack“.

Das Positiv-Glaubenkönnen sei eine Unmöglichkeit; klügere Köpfe von Böhme bis Kierkegaard hätten sich daran schon auf höchstem dialektischem Niveau abgearbeitet. Wer aber einer Schubert-Messe lausche oder etwas von Bach, der könne doch nicht behaupten, das komme von Nichts, meinte Walser mit großer Emphase. Der Glaube als ästhetische Erfahrung: Nicht umsonst empfindet Percy das Weihnachts-Evangelium als die wunderbarste Geschichte der Welt. Und man hat den Eindruck, dass Walser in diesem Punkt mit seinem seltsam untadeligen Helden vollkommen eins sei. „Es ist eine Armut, die Glaubensbewegung in sich erlöschen zu lassen“, predigt der Autor, der doch einmal als Aufklärer galt. Ohne Glaube wäre die Welt wüst und leer, sagt er – man könne zwar auch an den Urknall glauben, aber die Genesis sei dann eben doch sehr viel schöner. Bei solchen Worten lenkte man als Zuhörer den Blick ganz unwillkürlich und selig nach oben, wo an der Decke der Bibliothek farbenreiche Fresken die verschiedenen Facetten göttlicher Weisheit illustrieren sollen. Eines ist klar: Einen besseren Ort für diesen Walser-Literatur-Gottesdienst als das ehemalige Prämonstratenser-Kloster hätte es wirklich nicht geben können.