Interview mit Stephan Grünewald

"Es gibt eine Sehnsucht nach Sinn"

21. Juli 2011
Redaktion Börsenblatt
Der Papst als starke Vaterfigur, Käßmann als große Schwester und Gottesdienste als Event – Stephan Grünewald, Geschäftsführer des Instituts für Markt- und Wirtschaftsanalysen rheingold,  gibt im Interview Auskunft darüber, welche Bedürfnisse bei religiösen Großereignissen geweckt werden.

Welche Bedeutung hat der Papstbesuch im September für die Deutschen?
Da es ein deutscher Papst ist, eine besonders große – zumal sich das Land in einer schwelenden Väterkrise befindet, die durch den Rücktritt des nationalen Obervaters Horst Köhler im vergangenen Jahr ausgelöst wurde. Jetzt werden zugepitzte Erwartungen an den "Heiligen Vater" gerichtet. Unsere neue Jugendstudie zeigt außerdem, dass nicht zuletzt wegen vieler Trennungsschicksale in der Jugend das Gefühl vorherrscht, dass auf die Väter kein Verlass ist.

Welche Funktion erfüllen Bücher rund um den Papstbesuch?
Es gibt unterschiedliche Erwartungen. Opulente Bildbände etwa können einen Abglanz des  Himmlischen ins Haus holen. Bücher mit biografischer Perspektive können helfen, dem Papst näher zu kommen. Man kann sich zumindest in literarischer Hinsicht einen Platz neben dem Heiligen Vater sichern. Und drittens ist es möglich, am Papstbesuch teilzuhaben: Das geht natürlich auch im Fernsehen oder vor Ort, doch den Büchern kommt zusätzlich eine Souvenirfunktion zu – sie sind eine Art moderner Reliquienersatz.

Eignen sich Papstbücher auch als Geschenkbuch?
Nur wenn darüber der Glaube geteilt werden kann. Ansonsten kann die gute Geschenktat zum Attentat werden. So kann ein Buch zum Schöner-werden dem Gegenüber ja auch signalisieren, dass man da einen Handlungsbedarf sieht.

Wie kann sich ein Buchhändler auf den September vorbereiten?
Bei solchen Großereignissen findet immer eine Vereinheitlichung statt, die allerdings bei der WM anders abläuft. Hier fühlt sich jeder Fan beteiligt, indem er als 12. Mann applaudiert. Beim Papstbesuch ist es aber so, dass die Autorität des Papstes gestärkt wird, die dann wieder auf die Gläubigen abstrahlt. Am leichtesten haben es sicherlich die Buchhändler in den Städten, die der Papst besucht. Hier sind große Touristenströme zu erwarten, die mit geschmückten Schaufenstern begrüßt werden können. Buchhandlungen jenseits der Reiseroute sollten aber nicht um jeden Preis auf diesen Zug aufspringen, sondern sich überlegen, ob das Thema zu ihnen passt, z.B. politische Sortimente. Profitieren werden die Buchhandlungen mit einem deutlichen christlichen Schwerpunkt.

Ist medial und publizistisch bei diesem Papstbesuch mehr zu erwarten als bei den vorigen Besuchen?
Es könnte einen Hype geben. Das liegt zum einen an der bereits angesprochen Väter-Krise, auch eine Figur wie Guttenberg hat die Menschen ja getäuscht. Peer Steinbrück, Guttenbergs Nachfolger beim Thema Popularität, wird als wenig spirituell wahrgenommen, weil er als sehr pragmatischer Charakter bekannt ist. Zum anderen sind der Glaube an Wachstum und die Maximierungskultur hinfällig. Es gibt eine große Sehnsucht nach Spiritualität, die Politik und Alltag einfach nicht füllen können.

Ist Margot Käßmann eine protestantische Gegenfigur zum Papst?
Frau Käßmann ist zweifelsohne das Gesicht des evangelischen Glaubens - aber sie ist viel weltlicher als der Heilige Vater. Käßmann ist keine Marienfigur, sondern wie eine große Schwester, die auch mal Fehler macht.

Und doch schafft Käßmann es, die Massen zu mobilisieren.
Das ist richtig, weil sie Spiritualität mit etwas Biografischem verbindet. Aber Käßmann ist sozusagen ein Allgemeingut. Der Gründungsmythos der Bildlosigkeit gehört fest zum Protestantismus. Darum hat die Katholische Kirche bei Veranstaltungen mit Eventcharakter wesentlich mehr zu bieten.

Ist die Reformation also ein sachlicheres Thema?
Der Katholizismus hat etwas mit Transzendenz zu tun. Der Protestantismus ist alltagsnäher und damit sachlicher. Der Katholizismus ist entrückter. Der Papst beispielsweise ist so entrückt, dass es eine biografische Nähe braucht, wenn man ihm näher kommen will. Ein Buch zu diesem Thema wie ein Souvenir ins Regal zu stellen, das ist aus protestantischer Sicht nicht geboten.

Hat es in den vergangenen Jahren große Veränderungen bezüglich der Themen Glauben und Spiritualität gegeben?
Die 90er Jahre haben eine weitgehende Entideologisierung in den Bereichen Religion, Politik und Kapitalismus gebracht. Das führte zu einer Art cooler Gleich-Gültigkeit, einem digitalen Lebensgefühl des Nebeneinanders, bei dem es möglich schien, von Höhepunkt zu Höhepunkt zu springen, wie bei einer CD. Das hat sich seit dem 11. September gedreht. Die Glücksverheißungen greifen nicht mehr, es gibt eine Sehnsucht nach Sinn. Diese Renaissance des Glaubens wird jenseits der großen Kirchen ausgetragen. Eine Orientierung zum Wesentlichen ist festzustellen: zur Heimat, zum Lokalen, zur Region. Die große Phase der Entideologisierung hat ihren Zenit überschritten.

Aber Ereignisse wie der Papstbesuch vermögen es doch, die Massen zu mobilisieren?
Ein Normalgottestdienst hat keinerlei Eventcharakter mehr. Der Wunsch nach Communio wird erst durch das Event erfüllt, etwa durch eine Messe im Olympiastadion.

Fragen: Kai Mühleck