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Sommerfest im Literarischen Colloquium Berlin

21. August 2011
Redaktion Börsenblatt
Das Sommerfest im Literarischen Colloquium ist der turning point im Literaturbetrieb. Es signalisiert den Kritikern und Verlagsleuten, die sich am Samstag wie jedes Jahr reichlich unter das buchaffine Berliner Publikum mischten, dass nun mal Schluss ist mit der Sommerferienbummelei. Es beginnt die Herbstsaison. Wer jetzt keine Aufträge hat, kann bald sehen, wie die Blätter treiben.

Der miese Sommer schien sich extra für Klett-Cotta, die diesjährigen Gastgeber, nochmal anzustrengen: Sonne und blauer Himmel satt über der Sandwerder-Villa. Die Prachtkulisse hügelabwärts zum Wannsee kam voll zur Geltung, ein Gleißen lag auf dem Wasser. Geblendet zwinkerte man ins Licht, um den Kurs der Segelboote zu verfolgen, während man Hallgrímur Helgasons Lesung aus seinem neuen Roman zuhörte. Da wird es richtig warm: „Eine Frau bei 1000 Grad“. Es geht um eine Achtzigjährige, die immer eine Handgranate bei sich hat und in der Garage wie wild im Internet surft, während der Ofen für ihre Einäscherung heiß läuft. Makabre, isländisch skurrile Pointen, die bei 21 Grad auf der Sonnenterasse beim Publikum gut ankamen, insbesondere Mechthild Großmanns Lesung der deutschen Übersetzung wurde als ungemein passend empfunden. Richard Kämmerlings, der Spezialist für das Gegenwärtige in der Gegenwartsliteratur, debattierte mit Jörn-Uwe Albig über dessen Roman „Berlin Palace“. Dann übernahm Douglas Coupland die Zukunft: mit einer Lesung aus „JPod“, seiner Satire auf die schöne neue Angestelltenwelt von sechs zwangskasernierten Spiele-Entwicklern.

Vor allem aber plauderte Coupland über den Jubilar Marshall McLuhan – kürzlich ist seine Biographie über den Propheten des globalen Dorfes erschienen, der das Medium als Botschaft und „Massage“ definierte. Sein Gehirn sei ein „wonderful disaster“ gewesen, meinte Coupland. McLuhan, von Haus aus Altphilologe, habe das zwanzigste Jahrhundert gehasst. Er wollte zurück hinter Gutenberg, und sein Wunsch habe sich am Ende seines Lebens auf perfide Weise erfüllt. Nach einem Schlaganfall konnte McLuhan zwar noch verstehen, was andere sagen, aber nicht mehr sprechen und lesen. „Es machte ihn wahnsinnig, seine Bücher zu sehen und nicht einmal das Wort ‚Buch‘ aussprechen zu können. Die Bücher, die er geschrieben hatte, erkannte er nicht mehr an den Titeln, sondern nur noch an der Farbe der Umschläge.“ Als Menetekel für die Buchkultur, vor der eine aphasische Menschheit irgendwann ebenso ratlos stehen mag, wollte das an diesem Abend aber niemand verstehen. Auch die ewige Krise an den Börsen trat in den Hintergrund oder wurde von Coupland dorthin getreten: „I’m just sick of bubbles“, meinte er – er habe all die ökonomischen „Blasen“ einfach satt.

Später am Abend wurde unten am Ufer von Ulrike Draesner und Michael Lentz Benn-Lyrik vorgetragen. Melancholisches Parlando zum Wellengeplätscher. „Keine Ingredienzien zu einer Ansichtskarte“, befindet Benn im Gedicht „Ideelles Weiterleben“ über sein Berliner Leben. Man hörte es und genoss währenddessen den Ansichtskartenblick des Wannsee-Sonnenuntergangs – vom anderen Ufer dröhnten, passend zum schlagerseligen Benn, die seichten Melodien irgendeiner Sommerparty herüber. Vom Literarischen Colloquium wurde bald kontra gegeben: Isländische Tanzmusik dröhnte bis nach Mitternacht aus dem belletristischen Gebäude. Autoren, Verlagsleute, Kritiker und Leser – einmal ganz im Takt. 

Text: Wolfgang Schneider