Zischler, Schauspieler, Autor und Verleger, hob die "nachgerade idiosynkratische Unvoreingenommenheit" des Preisträgers hervor, die sich in seiner Person und seinem Schreiben mit einer leidenschaftlichen Neugierde für den Stoff verbinde. Das Diktum, dass Literaturkritik zu allererst Sprachkritik zu sein habe, bestätige sich in der Arbeit und in den Lektüren von Helmut Böttiger immer wieder.
"Mit geradezu altmodischer Beharrlichkeit stemmt sich Böttigers Kritik gegen die Verramschung der Sprache im Durchlauferhitzer kalauernder Pointen“. Böttiger zeichne zudem aus, dass er sich Verlockungen widersetzt, über den von ihm betrachteten Text triumphieren zu wollen. Er halte Distanz zu Lesern und Autoren gleichermaßen. Dabei argumentiere Böttiger nie von sicherer Position: „Er ist ein Späher und Landvermesser, der bei seinen Reisen Bodenproben entnimmt.“
Ob es überhaupt eine Literaturkritik gibt, stellt Helmut Böttiger in seiner Dankesrede in Frage. Natürlich gebe es Literaturjournalisten und einen leicht überschaubaren und gut vernetzten Literaturbetrieb, in dem jeder "ein kleiner Funktionär" sei, der an Aufträge herankommen möchte. Man treffe sich mindestens einmal im Monat auf einem Festival oder einer öffentliche Debattierrunde und wittere den nächsten Trend.
"Der Kritiker aber, so wie man ihn aus der Literaturgeschichte kennt – oder das Bild von ihm, das als Ideal weitergereicht wird – ist unabhängig und hält Distanz", so Böttiger. Es sei sogar eher hinderlich, wenn er den Autor persönlich kennt.
Die Literatur werde heutzutage gerne dienstverpflichtet und die Diskursmaschine warte nur darauf, angeheizt zu werden. "Es geht nicht um ästhetische Auseinandersetzungen, sondern um die Positionierung im Literaturbetrieb. Und der Übergang vom Schriftsteller zum Funktionär ist manchmal fließend", so Böttigers Kritik. In der Literaturkritik müsse man sich deshalb an die Literatur selbst halten. "Wenn sie unverwechselbar ist und die Zeiten überdauert, kommt sie nie aus der Mitte der Gesellschaft. Sie kommt immer von jenen Außenbezirken, die noch nicht gentrifiziert sind und die Selbstgefälligkeit der Pragmatiker in Frage stellen."
Der Kerr-Preis-Jury gehören an: Dr. Maria Gazzetti (Geschäftsführerin Stiftung Lyrikkabinett), Peter Härtling (Autor), Michael Lemling (Geschäftsführer der Münchner Buchhandlung Lehmkuhl), Prof. Klaus Reichert (Ehrenpräsident der Akademie für Sprache und Dichtung), Klaus Schöffling (Verleger) und Torsten Casimir (Chefredakteur Börsenblatt).
Mit dem Alfred-Kerr-Preis zeichnet das Börsenblatt, Wochenmagazin für den Deutschen Buchhandel, seit 1977 literaturkritisches Wirken aus. Die Auszeichnung ist mit 5.000 Euro dotiert. In den letzten Jahren erhielten den Preis Ina Hartwig, Dorothea von Törne, Gregor Dotzauer und Burkhard Müller.