"Machen wir uns nichts vor: Literaturkritik schafft es selten in die Schlagzeilen. Schon gar nicht für eine mittlere Debattenlänge von zwei, drei Wochen. Wenn aber doch einmal so viel öffentliche Aufmerksamkeit von einer einzelnen Buchbesprechung hervorgerufen wird, dann, weil der Rezensent etwas sozial Unschickliches oder politisch Brisantes geschrieben hat. Oder besser noch beides gleichzeitig. Weil er vielleicht persönlich geworden ist und den Autor direkt angegriffen hat, zum Beispiel als einen "Türsteher der rechten Gedanken". Weil der Rezensent also eigentlich keine Literaturkritik, sondern eine Personenkritik verfasst hat. Dann kracht es im Gebälk – wenn Sie mir diesen Kalauer verzeihen.
Etwas später folgt die Debatte über die Debatte. Das Buch, ursprünglicher Anlass oder zumindest Gelegenheitsgeber für die Aufregung, tritt in den Hintergrund. Zum Thema stattdessen wird die Skandalisierung selbst. Weshalb in der Zeitung "Der Freitag" die folgende Provokation zu lesen war: "Die Literatur hat als Leitmedium ausgespielt, ist kein heißes Ding mehr." Jedenfalls nicht so heiß offenbar wie manche, die sie uns liefern; oder erst recht manche, die sie uns auslegen.
Als der "Spiegel"-Autor Georg Diez im Februar seinen schlagzeilenfähigen Text über den neuen Roman "Imperium" von Christian Kracht publizierte, stand der Alfred-Kerr-Preisträger 2012 seit ein paar Tagen fest. Und die Begründung der Jury war bereits verbreitet worden: Der Preisträger, so heißt es darin, werfe als "Kritiker des eigenen Betriebs" seinen Blick auch auf "Narzissmus, Amtsmissbrauch und andere Eigenarten dieses besonderen Berufszweigs". So gesehen, gibt die Kracht-Debatte die passende Kulisse ab für die Auszeichnung eines Journalisten, der nicht nur Bücher kritisiert und selber welche schreibt, sondern der sich gelegentlich auch als Beobachter von Literaturkritik zu Wort meldet.
Schlagzeilen hat Helmut Böttiger mit seinen Reflexionen über den Betrieb nie gemacht. Es würde ihn wohl selbst erschrecken, wenn das mal anders käme. Seine Leser schätzen ihn nicht für Lautstärke. Seine Stärke ist die Unabhängigkeit und Distanz, die er sich in den vielen Jahren des Dabeiseins hat bewahren können. Böttiger hütet sich vor "Amtsmissbrauch". Ihm kommt die Macht, die Rezensenten auf großer Bühne haben, nicht koscher vor. Sein Metier ist die Begeisterung für Literatur. Seine Wirkung kommt aus einer Klarheit, die im Einzelfall bis zur Kälte reichen kann. Ich finde zum Beispiel einen Satz wie den, mit dem Böttiger im "Börsenblatt" der vergangenen Woche zitiert wird, ungeheuer klar und kalt: "Es gibt doch nur alle zwei drei Jahre ein Buch, das einen wirklich packt, und wofür es sich lohnt, Kritiker zu sein."
Nun bin ich Verleger, ich mache jedes Jahr mehrere Bücher. Sie werden verstehen, dass mich der Satz nicht unberührt lässt; dass er mich im Gegenteil durchaus erschüttert. Im Grunde müsste ich jetzt hier den Satz rund heraus bestreiten und für Unsinn erklären. Allein aus Selbstschutz! Es ist nur eben so, dass das nicht ganz leicht fällt, einen Satz für Unsinn zu erklären, nachdem Helmut Böttiger ihn gesagt hat – einer, der so unbestechlich liest und beobachtet und urteilt.
Ich wünschte mir wochenlange Debatten und Schlagzeilen über Thesen wie diese. Debatten, die uns darüber ins Gespräch bringen, womit Literatur, die im Glücksfall dann doch noch ein "heißes Ding" ist, uns Leser beschenkt. Debatten, die uns in anderer Weise betreffen als der Krach um Kracht, an den sich nach kurzer Frist nur noch die Beteiligten werden erinnern können.
Deshalb bin ich froh, dass wir Helmut Böttiger hier bei uns haben und ihn heute auszeichnen. Einen verständigen, gerechten, tapferen Kritiker, der allein mit diesen paar Primärtugenden seines schönen Berufs sein Auskommen hat. Einen Kritiker, der die Macht nicht braucht und nicht das Megafon."