Gastspiel

Was bleibt, ist Monokultur

6. Juli 2015
Redaktion Börsenblatt
Warum das Buch ohne Preisbindung nur verlieren kann – und der Mensch auch. Von Catalin Dorian Florescu.

Die wichtigste Bindung in der Literatur ist die des Lesers an das Buch, aber gleich danach kommt die Preisbindung. Schaffen wir es, Autoren und Verleger, uns ein treues Publikum aufzubauen, für das unsere Bücher die Welt bedeuten, so ist das ein wahrer Schatz. Aber der Markt ist überflutet mit Büchern, viele uninspiriert, banal, überflüssig. Das Papier wehrt sich nicht, es erträgt alles, was der Mensch ihm aufbürdet.

Ist es also nicht wünschenswert, dass der Markt schrumpft, durch die Freigabe des Buchpreises? Dass vieles ungedruckt und unverlegt bleibt? Ja, wenn es nur jener überflüssige Teil wäre. Aber der ist es gerade nicht, der leidet, wenn mit dem Preis eines solchen Kulturgutes wie auf dem Bazar spekuliert wird. Solche Literatur – und ein paar Bestsellerautoren – werden sich immer behaupten. Sterben wird der kleine Verlag, die kleine Buchhandlung, das "kleine" Buch, auch wenn die Literatur, die darin steht, groß ist.

Während der vielen Jahre, in denen ich keinen Bestseller produzierte, war ich dankbar um die kleinen und mittleren Buchhändler und um ihren Enthusiasmus. Von mir lebten sie kaum, sondern von der Ratgeber- und der Bestsellerindustrie. (Bin ich nun in Sicherheit, weil mein letzter Roman zumindest in der Schweiz ein Bestseller wurde? Nein, denn das Autorenleben ist ein ständiges Auf und Ab der Gefühle und man ist immer nur eine Buchlänge entfernt von der nächsten Ernüchterung.) Dort aber, wo der Buchpreis freigegeben wurde, in England oder der französischen Schweiz, begann bald danach das Buchhandlungssterben.

Was dann bleibt, ist eine Monokultur. Wenige Großverteiler, wenige große Buchhandlungsketten, wenige wirklich sichtbare und reduzierte Bestsellertitel, und, wie gesagt, nicht die notwendigsten. Denn ja, gute, starke Literatur besitzt eine Ausstrahlung, eine Kraft, die sie notwendig macht. Das spürt man immer. Ich bin gegen jede Form des Relativismus, der nur in ein gleichgültiges "Anything goes" mündet und der Konsumindustrie in die Hände spielt.

Ein blühendes Gesellschaftsleben mit mündigen Bürgern und Demokratie brauchen echte Pluralität und nicht nur scheinbare, rein zahlenmäßige, nach dem Motto: "Wir werfen einfach alles auf den Markt, irgendetwas wird sich schon verkaufen."
Es braucht weniger Buchindustrie und mehr verantwortungsvolle Verleger, die mit Geschmack und ohne Opportunismus, ohne dauernd zum Markt hinüberzuschielen, ihre Autoren aufbauen, ihr literarisches Profil schärfen. Dafür aber brauchen sie ein Minimum an materieller Sicherheit. Die ist nun, nach dem Volksentscheid in der Schweiz, nicht mehr gegeben. Irgendwie nichts als folgerichtig in einer Zivilisation, in der die Menschen Steve Jobs und seine elektronischen Spielzeuge wohl für relevanter und unverzichtbarer für ihr Leben halten als Dostojewski oder Pessoa.

Sie sehen: Ich glaube noch an den Bildungsauftrag der Kultur und ihrer Institutionen. Ich glaube, dass sie die Bürger nicht nur unterhalten, sondern bereichern und befähigen muss, ihr Leben selbstverantwortlich zu führen. Das Buch ist eines der Mittel dazu. Wie auch der Mensch hat für mich auch das Buch seine Würde. Es darf kein Spekulationsobjekt werden. Und wie der Mensch braucht es Bindung, sonst geht es ein. Preis-Bindung.

Catalin Dorian Florescu ist Schriftsteller und lebt in Zürich (zuletzt: "Jacob beschließt zu lieben", C. H. Beck, 2011)