Hier die Rede im Wortlaut:
„Eine ordentliche Selbstdarstellung nach außen, eine über Jahre geübte Pflege der political relations, eine freundliche Ausübung der social relations und des Zusammengehörigkeitsgefühls von Mitgliedern und Sparten – sehr viel mehr ist es normalerweise nicht.“
Und weiter: „Die Situation wird anders, wenn eine Branche vor größeren Transformationsproblemen steht, wenn in wichtigen Bereichen der Druck von außen, vom Markt und von den Rändern des Marktes her wächst, und sich im Inneren Unsicherheit und Krisenstimmung breit macht.“
Die Transfomations-Probleme, von denen ich vor sieben Jahren sprach, haben sich zu einem gewaltigen Transformations-Prozess entwickelt. Der Druck von außen und innen wächst analog zur Verunsicherung der Beteiligten im Markt und der Mitglieder des Börsenvereins.
Gleichzeitig werden die Identitäten der Akteure vielfältiger und die Ansprüche an den Börsenverein nicht nur höher, sondern auch widersprüchlicher. Empfinden die einen den Verband als Hemmschuh, so wünschen sich andere ein rigideres Handeln. Ist er für manche eine Verbandsorganisation von 1825, so spüren etliche, dass er noch nie so wichtig war wie jetzt.
Um das zu verdeutlichen: kurzfristig zu verfolgende Partikularinteressen scheinen zunehmend einem generellen Konsens über die Sparten hinweg entgegenzustehen. Irre ich mich, wenn ich bei den Verlegern ein leise aufkeimendes Desinteresse am stationären Sortiment erkenne? Und dies in einer Zeit, in der sich das Angebot und der Handel mit digitalen Produkten stark auf eine einzige Plattform fokussiert. Geraten wir nicht zunehmend in eine Situation, in der sich eine Zerrissenheit anbahnt, obwohl wir mehr denn je die Stärke der Gemeinsamkeit brauchen?
Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir stehen, so scheint mir, an einem Scheideweg. Laufen wir in alle Richtungen oder bilden wir weiterhin die Speerspitze einer Branche, die für viele Vorbild ist, die eine außerordentliche Wertschätzung in Gesellschaft und Politik genießt und die, dies ist mit einer ihrer wichtigsten Vorzüge, artikulationsfähig ist. Gerade das Letztere führte in der Vergangenheit dazu, dass wir gemeinsam auch wirtschaftlich erfolgreich waren.
Was wir in dieser Gemeinsamkeit in der Vergangenheit erreicht haben, wissen wir heute nicht mehr richtig zu schätzen. Vielleicht hat das mit dem Generationswechsel in unserer Branche zu tun, mit den veränderten Strukturen in den Verlagen aber auch in den Sortimenten und sicher auch mit dem ökonomischen Druck von Quartalsberichten und Zielvereinbarungen. Nichts hat es damit zu tun - damit Sie mich nicht falsch verstehen -, dass wir das Geld auf der Straße liegen lassen, dass wir vor lauter Sentimentalität den vergangenen Zeiten nachjammern. Es hat mit der harten, langfristigen Perspektive erfolgreichen Handelns zu tun. Was wir erreicht haben und was wir darstellen, weiß man aus der Innensicht nicht immer zu schätzen.
Vor ein paar Tagen habe ich mit einem ehemaligen Kollegen aus der Musikbranche gesprochen. Unsere Themen waren die Veränderungen auf den Kulturmärkten und die Folgen der Globalisierung.
Voller Wertschätzung sprach der Kollege von dem, was den Kern unserer Tätigkeit bildet, voller Wertschätzung sprach er vom Buch und dessen Alleinstellung in der Kulturgesellschaft. Der Börsenverein habe es als einziger Verband bis heute geschafft, die unterschiedlichen Handelsstufen unter einem Dach zu vereinen. Wie viel größer sei das Gewicht, das dadurch in die Waagschale geworfen werden könne – gleichgültig ob gegenüber der Politik oder innerhalb der Gesellschaft. Das sei beneidenswert.
Das sagt jemand, der von außen ohne den Ballast häufig destruktiver brancheninterner Auseinandersetzung auf den Börsenverein als Interessensvertretung einer ganzen Kulturbranche schaut.
Sie wissen, meine lieben Kolleginnen und Kollegen, wie es der Musikbranche ergangen ist. Ein fast halbierter Umsatz in den letzten zehn Jahren, jetzt auf einem Umsatzvolumen von ca. 1,7 Mrd. Euro. Sicher auch eine Folge der katastrophalen Auswirkungen der Piraterie und der Untätigkeit der Bundesregierung, aber auch klare Konsequenz dessen, dass man über Nacht ein ganzes Vertriebssystem stationärer Geschäfte über Bord geworfen hat und glaubte, die Zukunft im Internet und bei einigen wenigen verbleibenden Großhändlern zu finden. Heute bedauert diese Branche die Entwicklung zutiefst.
Wie gehen wir mit dem Börsenverein um? Ich habe den Eindruck, wir lassen uns verunsichern, schauen auf notwendige und spannende neue Entwicklungen, als seien sie der Kern und nicht das Buch, definieren Branchenauseinandersetzungen im Verband als hemmend, statt die Kraft zu spüren, die eine nach außen grundsätzlich einige Buchbranche verkörpert.
Der Buchmarkt hat mehr als wirtschaftliche Relevanz, er hat gesellschaftliches und kulturelles Gewicht – wer sieht das deutlicher als die Publikumsverleger. Wenn wir dieses Gewicht nicht nur behalten, sondern erhöhen wollen, müssen wir geschlossen auftreten. Dazu brauchen wir einen Börsenverein, der dies forciert, der im besten Fall die Interessen eines hybriden Buchmarktes austariert, bündelt und in der Öffentlichkeit vertritt.
Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Jahresversammlung 2013.