Riethmüller: Eine neue Gebührenstruktur für das VLB war überfällig, weil das alte starre Lizenzmodell ein Totschlagargument für die Einbindung des VLB in den Webauftritt einer kleineren Buchhandlung ist - und meiner Meinung nach auch betriebswirtschaftlich unsinnig. Jetzt gehen wir einen ersten, sicher wichtigen Schritt in die richtige Richtung, indem die kleineren Sortimente nicht mehr über Gebühr belastet werden. Und ja: Das ist ein Erfolg.
Ohne Wenn und Aber?
Riethmüller: Nicht ganz. Denn MVB und Verlage müssen über diesen ersten Schritt hinaus Farbe bekennen. Wenn der deutsche Sortimentsbuchhandel auch im Netz das anerkannte Schaufenster für die Produktion deutscher Verlage sein soll, dann muss Schluss sein mit der Vorstellung, dass das Sortiment für Produktinformation zahlt. Unsere Branche ist in zweierlei Hinsicht einzigartig: Sie versammelt Produzenten und Händler unter einem Verbandsdach - und nur bei uns zahlt der Händler dafür, dass er Produktinformationen erhält, mit denen er dann im Netz Werbung betreibt.
Können Sie sich vorstellen, die Finanzierung des VLB ganz neu zu denken, Herr Schild?
Schild: Diesen Wunsch aus dem Sortiment kann ich durchaus verstehen, aber aus meiner Sicht sollten wir im Moment keine Grundsatzdebatte über die VLB-Finanzierung führen. Stattdessen müssen wir alle Energie in den geplanten Ausbau des VLB zur Metadatenbank stecken. Ein solches Projekt lässt sich nur mit den vereinten Kräften aller Sparten stemmen. Eine Datenbank, die alle Titelinformationen der Branche bündelt - das ist das gemeinsame Anliegen der MVB und der entsprechenden Arbeitsgruppe im Börsenverein. Diesem Anspruch sind wir durch das neue Preismodell und gute Gespräche mit den Barsortimenten ein ganzes Stück näher gekommen.
Waren Sie sich schnell einig - oder wurde um die neuen Tarife hart gerungen?
Riethmüller: Es gibt keine "Tarifgespräche“, weil die MVB wirtschaftlich unabhängig ist. Das läuft nur über Überzeugungsgespräche, und die brauchen Zeit. Die große Zustimmung von Hauptversammlung und Branchenparlament war sicher hilfreich, um Druck auf die MVB auszuüben.
Schild: Das neue Preismodell ist ganz klar politisch motiviert. Erklärtes Ziel aller Beteiligten war es, dass der Preis kein Hinderungsgrund mehr für den Buchhandel sein soll, wenn es darum geht, die VLB-Daten in den Webshop zu integrieren. Und ich denke, das ist uns gelungen. Buchhandlungen, die Mitglied im Börsenverein sind, das VLB beziehen und den drei untersten Beitragsgruppen angehören, zahlen fünf Euro pro Monat für die Einbindung der VLB-Daten. Das macht 60 Euro im Jahr. Damit bleiben wir noch unterhalb der 100 Euro, die Hermann-Arndt Riethmüller in seinem Antrag für die Hauptversammlung formuliert hatte. Wir hätten also durchaus noch Spielraum nach oben gehabt.
Herr Riethmüller hat gesagt, die Anpassung der Gebühren sei überfällig gewesen. Warum kommt die umsatzbezogene Nutzungsmöglichkeit erst jetzt?
Schild: Über Buchhandel.de und unsere Webshops, die seit einem Jahr am Markt sind, haben wir dem Sortiment schon immer die Möglichkeit gegeben, die VLB-Daten kostengünstig für den eigenen Online-Auftritt zu nutzen. Aber erst in den letzten Monaten, so meine Beobachtung, wird verstärkt die Notwendigkeit im Sortiment dafür gesehen.
Was hat sich geändert?
Schild: Die gesamte Palette lieferbarer Titel im Webshop vorrätig zu haben - dieses Anliegen hat das Sortiment in den vergangenen Monaten deutlich formuliert und zu seiner eigenen Forderung gemacht. Früher habe ich oft Stirnrunzeln geerntet, wenn ich angemahnt habe, dass der Buchhandel nicht allein auf die Kataloge der Barsortimente bauen sollte. Amazon setzt die Duftmarke im Internet. Wird ein Kunde beim Webshop seines Buchhändlers nicht fündig, weil der Titel nicht im Barsortimentskatalog gelistet ist, bei Amazon aber schon – dann wandert der Kunde schnell ab. Dieser Entwicklung wollen und müssen wir entgegenwirken.
Riethmüller: Die Sache ist ganz einfach: Wenn der deutsche Buchhandel, dessen Einzigartigkeit vor allem auf dem dichten Vertriebsnetz der Sortimentsbuchhandlungen und der durch die Barsortimente garantierten Verfügbarkeit beruht, seine Bibliografier- und Lieferkompetenz im Netz anderen überlässt, dann wird er diese Kompetenz auch im stationären Geschäft verlieren.
War es schwierig, die Barsortimente für eine Einbindung der VLB-Daten zu gewinnen?
Riethmüller: Der Zwischenbuchhandel hat sehr konstruktiv an einer Lösung mitgearbeitet. Wir hoffen, dass diese gute Kooperation auch hält, wenn die komplexeren Fragen einheitlicherer Datenstrukturen und der Metadaten auf den Tisch kommen. Alle drei Barsortimente - KNV, Libri und Umbreit - setzen die VLB-Daten ja bereits ein und haben funktionierende Webshop-Anbindungen. Die größere Herausforderung besteht darin, dass eine reibungslose Lieferkette vom Warenkorb zum Kunden aufgebaut wird.
Was bedeutet die neue Gebührenstruktur für die Umsatzentwicklung der MVB? Muss sie Einbußen an anderer Stelle kompensieren?
Schild: Die Finanzierung des VLB ist ein hochkomplexes Thema. Aber das VLB ist nun mal die zentrale Datenbank der Branche und wenn wir ihre Position unangefochten ausbauen wollen, als Service für den Buchhandel, dann muss man sich von der reinen Umsatzbetrachtung lösen. Ich denke trotzdem, dass wir auf wachsende Umsätze hoffen können, weil die VLB-Daten künftig von vielen weiteren Buchhandlungen genutzt werden.
Riethmüller: Die MVB kann meiner Meinung nach nur gewinnen, weil das alte Gebührenmodell umsatzverhindernd war. Zur Autonomie der MVB gehört allerdings auch, dass sie selbst dafür verantwortlich ist, wie sie ihren Wirtschaftsbetrieb im Sinn des Börsenvereins betreibt.
Wagen Sie eine Prognose, wie intensiv Ihre Sortimenter-Kollegen das neue Gebührenmodell nutzen werden, Herr Riethmüller?
Riethmüller: Das neue Modell ist ein tolles Angebot für die kleinen Sortimentsbuchhandlungen, die jetzt in der Lage sein werden, über ihr Barsortiment oder ihre Einkaufsgenossenschaft das VLB kostengünstig einzubinden. Ich hoffe, dass viele Kollegen davon Gebrauch machen werden, weil sie sich sonst mittelfristig aus dem Netz und damit aus der Kundenwahrnehmung ausklinken.
Muss Amazon demnächst mehr oder weniger für seine VLB-Daten zahlen?
Schild: An der Preisgestaltung für Amazon ändert sich nichts. Mit Kunden außerhalb des Buchhandels haben wir individuelle Vereinbarungen, weil hier auch der Leistungsrahmen viel breiter definiert ist.
Was ist der nächste Schritt in Richtung Metadatenbank?
Riethmüller: Wir haben lediglich ein Etappenziel erreicht: Einstieg in ein marktorientierteres Gebührenmodell und die Zusage der Barsortimente, die VLB-Daten in ihre Webshops einzubinden. Die nächsten Schritte müssen darin bestehen, einheitliche Datenstrukturen und Felddefinitionen zu erarbeiten, die Lieferbarkeitsdaten im VLB der tatsächlichen Verfügbarkeit anzugleichen und ein tragfähiges Modell für die echten Metadaten zu entwickeln, zum Beispiel für Besprechungen, Kundenmeinungen, Filme, Bilder, Querverweise vom Buch zum Hörbuch und E-Book, zu DVD und CD.
Zum Hintergrund
- Auf der Hauptversammlung 2012 hat der Tübinger Buchhändler Hermann-Arndt Riethmüller beantragt, die Online-Nutzung der VLB-Daten zu Konditionen anzubieten, bei denen der Preis als Hinderungsgrund für die Nutzung entfällt. Daraufhin wurde eine Arbeitsgruppe unter seinem Vorsitz eingerichtet – mit dem Auftrag, ein Gebührenmodell zu entwickeln.
- Das Branchenparlament hat im Herbst zudem Riethmüllers Vorstoß unterstützt, das VLB zur Metadatenbank auszubauen. Erster Schritt hier: Die Barsortimente wollen die VLB-Daten in ihre Webkataloge aufnehmen und dem Sortiment Lösungen für eine Endkundenbelieferung anbieten.
- Die Abrechnung für die Web-Nutzung der VLB-Daten erfolgt auch dabei über die MVB, mit einem neuen Gebührenmodell für alle Börsenvereinsmitglieder, die das VLB beziehen. Die genaue Gebührentabelle finden Sie hier.
- Preisbeispiele:
- Beitragsgruppe 1 bis 3: fünf Euro pro Monat
- Beitragsgruppe 13 bis 15: 50 Euro pro Monat
- Beitragsgruppe 32 bis 36: 1.000 Euro pro Monat