Wie wirkt sich die Internet-Konkurrenz auf das Papier-Sachbuch aus?Für die erste Wissensabfrage ist das Internet sicherlich eine Konkurrenz geworden; zur Veränderung in der Wissensaufnahme hat im Wesentlichen auch das Angebot aus dem Netz beigetragen. Wir als Verlag erkennen, dass sich dadurch auch das Leseverhalten und die Sehgewohnheiten in den letzten Jahren nachhaltig verändert haben. Neben Textbeiträgen findet man Links zu Hörbeispielen oder Videos. Parallel laufende animierte Bannerwerbung und Pop-up-Werbung führen leicht zur Reizüberflutung, wodurch die Konzentration auf die eigentliche Information erschwert wird. Hier ist die Aufnahmefähigkeit der Kinder – und auch Erwachsener – überfordert. Das Gehirn muss die ablenkenden visuellen Nebeneffekte ausblenden, um an die eigentliche Information zu gelangen. Diese wollen gefiltert und nach Sinn und Zweck verarbeitet werden, um sie im besten Fall zur richtigen Zeit wieder abrufen zu können.
Macht also das Internet dem Sachbuch bald den Garaus?Dadurch, dass Informationsbeschaffung durch das Internet und in Zeiten von Wikipedia usw. – vermeintlich – einfach geworden ist, wird die Erwartungshaltung an das Medium des Sachbuchs natürlich enorm gesteigert. Die neuen Medien suggerieren, dass man sich auf unterhaltsame Weise spontan und ohne großen Aufwand jederzeit mit Wissen versorgen kann. Aber hier liegt, denke ich, der Fehler, denn: Information ist nicht gleich Wissen. Wir können zwar vordergründig per I-Phone usw. an jedem Ort und zu jeder Zeit fremdes Wissen im Netz nachschlagen, aber ist es dann auch in unserem Langzeitgedächtnis verankert, damit es jederzeit – auch offline - auch abrufbar ist? Daher sehe ich im Internet keine wirkliche Bedrohung des Sachbuches.
Welche Sachbücher sind weniger oder gar nicht von der Online-Wissensvermittlung betroffen?Das Konzept ist wichtig, es muss zeitgemäß sein. Ein gelungenes Sachbuch sollte sicherlich dem gesteigerten Anspruch auch der jungen Leserschaft nach Unterhaltung und lockerer Präsentation – fernab von langen Fließtexten – Rechnung tragen. Ein Beispiel dafür ist unsere neue Sachbuchreihe BAFF! für ab acht: Das Konzept von Volker Präkelt, kreativer Kopf der Wissensreihe „Marvi Hämmer" im ZDF und KI.KA. geht auf: Er verknüpft spannende Geschichten, fiktive Interviews, Zeitreisen und jede Menge Fakten miteinander und das in einer Sprache, die Kinder verstehen. Eine echte Konkurrenz zum Internet, wie ich meine. Ich denke, die Mischung aus attraktiven Themen, spannender Aufbereitung und professioneller Herangehensweise durch renommierte Experten macht Sachbücher resistent gegen die Konkurrenz aus dem Netz.
Wo steht das Sachbuch heute?Das klassische Sachbuch der Vergangenheit gibt es nicht mehr. Die Art der Aufbereitung ist im Umbruch. Eine der Stärken des Sachbuches ist es, dass es den Kindern und Jugendlichen einen „Rahmen" gibt, in dem sich das Wissen abspielt. Natürlich kann man anschließend noch weiterlesen und auch das Querlesen ist nicht verboten, aber das Buch bietet eine abgeschlossene Wissensrecherche, wenn es gut gemacht ist. Vielleicht springt der interessierte Leser von einem Kapitel zum nächsten, aber er verliert sich nicht im World Wide Web und landet plötzlich bei der Friesenbank, wenn er sich eigentlich über das Finanzwesen informieren wollte.
Wo sehen Sie die größten Chancen für das Papier-Sachbuch?
Durch die altersgerechte Aufarbeitung der verschiedenen Themen werden die Kinder dort abgeholt, wo sie in ihrer Entwicklung und in ihrem Wissensstand stehen. Nicht umsonst gibt es Sachbuchreihen vom Kindergartenalter bis hin zum Erwachsenenalter. Diesen Filter gibt es bei den Suchmaschinen im Netz noch nicht. Ein Sachbuch nimmt die Kinder an die Hand und führt sie durch bisweilen schwierige Themen. Im Internet müsste das ein Elternteil übernehmen und auch alles kommentieren und überleiten, wenn man von einer Seite zur nächsten springt. Im Sachbuch übernimmt dies der Autor.
Mehr zum Kinder- und Jugendbuchmarkt erfahren Sie im morgen erscheinenden BÖRSENBLATT-Spezial, das die Marktentwicklung im digitalen Kinder- und Jugendbuchmarkt beleuchtet und mit aktuellen Zahlen zu E-Books und Apps aufwartet. Ausführlich nimmt das Heft auch den Sachbuchmarkt unter die Lupe, betrachtet die Strategien der Traditionsverlage und stellt Novitäten aus den unterschiedlichsten Bereichen inklusive Hörbüchern und Non-Books vor. Auch die Top Ten Kinder- und Jugendbuch des Monats Dezember wird veröffentlicht.