Meinung

Druckindustrie: "Ein tödlicher Cocktail"

23. Juli 2015
von Börsenblatt Online
Zur Insolvenzwelle in der Druckbranche: Harald Erbacher, Geschäftsführer beim Druckhaus Main-Echo in Aschaffenburg, über die Umwälzungen eines Marktes und die fatalen Folgen einer dünnen Kapitaldecke.

Wenn etwas schief läuft, sucht der Mensch immer einen Schuldigen. Doch für die  Krise, die seit zwei Jahren verstärkt die Druckindustrie erfasst hat, gibt es keinen Schuldigen. Sie ist vielmehr Folge einer langen, scheinbar unaufhaltsamen Entwicklung, die in ihrem Verlauf einer asymptotischen Annäherung an die "Nulllinie" ähnelt.

1990 war die Welt der Druckereien noch in Ordnung. Prozesse wurden standardisiert/optimiert, es gab genug "ordentlich" bezahlte Arbeit im gesamten Branchenumfeld, viele Unternehmen suchten sich eine Spezialisierung, eine Nische, nutzten das neue "just-in-Time"-Prinzip.

Dramatische Margenreduzierung

Ab der Jahrtausendwende dann, mit dem Erstarken des Internets, änderte sich vieles. Das Volumen für Printaufträge schrumpfte, gleichzeitig wurde die "Geiz ist Geil"-Mentalität gesellschaftlich hoffähig, was sich für die Druckbranche in einer fatalen Neuerung niederschlug. Neben Web-basierten elektronischen Ausschreibungs-/Vergabeplattformen werden nun Aufträge durch so genannte "reversed auctions" vergeben, bei denen Druckereien online auf einen Auftrag bieten und den jeweils niedrigsten Preis dann nach dem virtuellen Gongschlag im Sekundentakt weiter unterschreiten können. Will und braucht eine Druckerei den Auftrag, kann und muss sie bis ans Limit gehen − und darüber hinaus. Insgesamt gesellte sich zur Volumenreduzierung noch eine dramatische Margenreduzierung, die bis heute anhält.

Das Ergebnis: Ein Verteilungskampf am Markt, der sich 2005 weiter verschärfte, und dabei die Grenzen zwischen den Druckverfahren verschoben hat, zwischen Digitaldruck und Bogenoffset, zwischen Bogenoffset und Rollenoffset, zwischen Rollenoffset und Tiefdruck. Standardprodukte wie kleinauflagige Broschüren und Flyer wanderten komplett zu den Internetdruckereien ab.

Die Maschinen müssen laufen

Viele klassische Druckhäuser suchten ein "Heilmittel" − und glaubten, es in der konsequenten Stückkostenreduzierung gefunden zu haben. Neue Maschinen im Bogen- und Rollenoffset reduzierten die Rüstzeiten und erhöhten die Laufleistung. Bis zu 96-Seiten-Maschinen im Rollendruck kamen auf, formatvergrößerte Bogenaggregate, die für viel Geld angeschafft wurden und dann auch ausgelastet werden mussten − buchstäblich um jeden Preis, um die Fremdkapitalkosten zu decken und die angestrebte rechnerische Stückkostenreduzierung zu erreichen.

Notgedrungen setzten die Druckereien weiterhin den Kostenhebel dort an, wo sie ihn überhaupt noch bewegen konnten: Bei den Personalkosten je Mitarbeiter und bei der Personaldecke insgesamt. In den Jahren 2000 bis 2011 hat sich die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten im Druckgewerbe um gut 30 Prozent reduziert. Gleichzeitig schrumpft das Marktvolumen weiter, über alle Marktsegmente hinweg. Selbst Spezialisierung bietet mittlerweile keinen Schutz mehr vor der Krise.

Das Dilemma: Die Kapitaldecke vieler Druckereien ist dünn geworden, gleichzeitig steigt der Investitionsdruck aus den oben beschriebenen Gründen. Und wer betriebsbedingt Personal abbauen muss, hat dafür erst mal Geld für Abfindungen in die Hand zu nehmen. Deshalb bleibt vielen Unternehmen als einziger Ausweg nur der Insolvenzantrag. Denn das Insolvenzgeld sichert für drei Monate alle Personalkosten ab − und es fällt dem Unternehmen leichter, seine Personalstärke den Marktanforderungen anzupassen, Altschulden durch einen Verzicht der Gläubiger abzubauen.

Ein Teufelskreis für den Markt

Verbleibende Mitarbeiter müssen Verdiensteinbußen hinnehmen, für die Druckerei reduziert sich der Personalkostenanteil an den Stückkosten. Daraus ergibt sich ein Teufelskreis für den Markt, denn: Ein Unternehmen, das nach der Insolvenz fortgeführt wird, hat eine bessere Kostenstruktur bei reduzierter Größe, erhöht seine Wirtschaftlichkeit − und kann seine Leistung am Markt günstiger anbieten.

Das Ergebnis: Ein tödlicher Cocktail, der den Wettbewerb am schrumpfenden Markt weiter verschärfen wird. Anders als z.B. die Stahlindustrie, die zur Hochform zurückfindet, wenn die Weltwirtschaft wieder anspringt, wird es für die Druckindustrie kaum eine Renaissance geben.

Ich bin Realist, und nur für diejenigen Firmen optimistisch, die dem neuen Schlüsselwort Rechnung tragen können: Substanz. Nur wer genug Kapital hat, um zu investieren, um Auftragsverluste zeitweilig "auszusitzen" und einen möglichen Personalabbau zu finanzieren, der kann am Markt überleben − wenn er sich klar auf ein Marktsegment ausrichtet (was übrigens schon immer galt).